01/11 Leib-Eigenschaft Editorial

Der Körper ist ein furioses Thema - vom Markt begehrt und umworben, Brennpunkt verheißungsvoller Erfüllungsträume zur Herstellung eines neuen, von überkommenen Einschränkungen befreiten Ichs, Brennpunkt aber auch zugleich institutioneller Vorgaben und Kontrollvorschriften.
In der Alltagskulturwissenschaft hat die Aufmerksamkeit für den Körper zunächst innerhalb der Frauenforschung ihren Platz gefunden. Inzwischen erweitert sich die fachspezifische Aufmerksamkeit der alltagskulturellen Bedeutung des Körpers über die Genderforschung hinaus mit neuen Konzepten zur „Körperarbeit“ bis hin zur Reproduktionsforschung.

Weiterlesen: 01/11 Leib-Eigenschaft Editorial

01/11 Leib-Eigenschaft Inhaltsverzeichnis

The Leib Perspective
Teresa Platz


Verkörperte Ehehindernisse
Margareth Lanzinger


Leibliche Eigenschaften als Leibeigenschaften?
Ambivalente Körperbilder und -praktiken und (deutsch)nationale Geschlechterpolitik
Heidrun Zettelbauer


Der thematisierte Körper
Körperarbeit als somatische Selbstthematisierung im Kontext von Aufmerksamkeitsmanagement
Waltraud Posch


Der Tanz aus dem Körper
Tanzekstase in Zeiten der Verlassenheit
Anna Bergmann


Leibeigenschaft Kontingenz
Elisabeth List


"Wir kontrollieren euch nicht. Das macht ihr schon selbst"
Post-kurative Gesundheitspolitik als Panoptikum? Ein Gefahrenhinweis
Wolfgang Hable


Diskont-Körper
Über das Einlernen von Schnelligkeit in einer Hoferfiliale
Georg Wolfmayr


In den Leib geschrieben
Von Frauen, Männern und Hermaphroditen
Kristin Kastner


Das Ende der "großen Schwester"?
Au Pair in Österreich - Leben in prekären Verhältnissen
Sabine Eggler


"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Frauen sich garnicht als Opfer fühlen"
Von verkauften Körpern, Frauen als "Ware" und Opfern, die keine sein wollen
Eva Bahl und Marina Ginal

01/11 Leib-Eigenschaft Leseprobe

Georg Wolfmayr
Diskont-Körper. Über das Einlernen von Schnelligkeit in einer Hoferfiliale.


Der Diskonter Hofer gilt als einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Lebensmittelhändler in Österreich. Seit 1999 hat sich der Umsatz des Unternehmens Hofer auf 3,36 Mrd. verdoppelt, mittlerweile gibt es 430 Filialen und mit 19.8 Prozent Marktanteil nimmt es den dritten Platz nach Rewe und Spar ein.1  Dabei hat sich das Unternehmen nach eigenen Angaben „konsequent dem Diskont-Prinzip verschrieben“2 , um Produkte „zu konstant niedrigen Preisen anzubieten“3 . Die niedrigen Preise werden auch durch eine Personalpolitik ermöglicht, die auf einen niedrigen Personalstand abzielt und die MitarbeiterInnen permanent zu schnellerer Arbeit auffordert.

Im Sommer 2010 war ich selbst Teil des Hoferteams und konnte am eigenen Leib erleben, was es heißt, schnell sein zu müssen. Aus finanziellen Gründen arbeitete ich übergangsweise zwei Monate in einer Filiale in Wien. Meine Reflexionen basieren daher nicht auf systematischer Forschung, sondern sind das Produkt einer körperlichen Erfahrung im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses, das zunächst nicht mit der Absicht zu forschen verbunden war. Die Teilnahme ist vielleicht gerade deswegen – da ich einem ähnlichen finanziellen Druck wie meine KollegInnen ausgesetzt war – als intensiver, wenn auch gleichzeitig aufgrund fehlender Systematik als eingeschränkter einzuschätzen.

Weiterlesen: 01/11 Leib-Eigenschaft Leseprobe