1/11 Leib-Eigenschaft - Leseprobe

Georg Wolfmayr
Diskont-Körper. Über das Einlernen von Schnelligkeit in einer Hoferfiliale.


Der Diskonter Hofer gilt als einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Lebensmittelhändler in Österreich. Seit 1999 hat sich der Umsatz des Unternehmens Hofer auf 3,36 Mrd. verdoppelt, mittlerweile gibt es 430 Filialen und mit 19.8 Prozent Marktanteil nimmt es den dritten Platz nach Rewe und Spar ein.1  Dabei hat sich das Unternehmen nach eigenen Angaben „konsequent dem Diskont-Prinzip verschrieben“2 , um Produkte „zu konstant niedrigen Preisen anzubieten“3 . Die niedrigen Preise werden auch durch eine Personalpolitik ermöglicht, die auf einen niedrigen Personalstand abzielt und die MitarbeiterInnen permanent zu schnellerer Arbeit auffordert.

Im Sommer 2010 war ich selbst Teil des Hoferteams und konnte am eigenen Leib erleben, was es heißt, schnell sein zu müssen. Aus finanziellen Gründen arbeitete ich übergangsweise zwei Monate in einer Filiale in Wien. Meine Reflexionen basieren daher nicht auf systematischer Forschung, sondern sind das Produkt einer körperlichen Erfahrung im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses, das zunächst nicht mit der Absicht zu forschen verbunden war. Die Teilnahme ist vielleicht gerade deswegen – da ich einem ähnlichen finanziellen Druck wie meine KollegInnen ausgesetzt war – als intensiver, wenn auch gleichzeitig aufgrund fehlender Systematik als eingeschränkter einzuschätzen.

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1/11 Leib-Eigenschaft - Inhaltsverzeichnis

The Leib Perspective
Teresa Platz


Verkörperte Ehehindernisse
Margareth Lanzinger


Leibliche Eigenschaften als Leibeigenschaften?
Ambivalente Körperbilder und -praktiken und (deutsch)nationale Geschlechterpolitik
Heidrun Zettelbauer


Der thematisierte Körper
Körperarbeit als somatische Selbstthematisierung im Kontext von Aufmerksamkeitsmanagement
Waltraud Posch


Der Tanz aus dem Körper
Tanzekstase in Zeiten der Verlassenheit
Anna Bergmann


Leibeigenschaft Kontingenz
Elisabeth List


"Wir kontrollieren euch nicht. Das macht ihr schon selbst"
Post-kurative Gesundheitspolitik als Panoptikum? Ein Gefahrenhinweis
Wolfgang Hable


Diskont-Körper
Über das Einlernen von Schnelligkeit in einer Hoferfiliale
Georg Wolfmayr


In den Leib geschrieben
Von Frauen, Männern und Hermaphroditen
Kristin Kastner


Das Ende der "großen Schwester"?
Au Pair in Österreich - Leben in prekären Verhältnissen
Sabine Eggler


"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Frauen sich garnicht als Opfer fühlen"
Von verkauften Körpern, Frauen als "Ware" und Opfern, die keine sein wollen
Eva Bahl und Marina Ginal

1/11 Leib-Eigenschaft - Editorial

Der Körper ist ein furioses Thema - vom Markt begehrt und umworben, Brennpunkt verheißungsvoller Erfüllungsträume zur Herstellung eines neuen, von überkommenen Einschränkungen befreiten Ichs, Brennpunkt aber auch zugleich institutioneller Vorgaben und Kontrollvorschriften.
In der Alltagskulturwissenschaft hat die Aufmerksamkeit für den Körper zunächst innerhalb der Frauenforschung ihren Platz gefunden. Inzwischen erweitert sich die fachspezifische Aufmerksamkeit der alltagskulturellen Bedeutung des Körpers über die Genderforschung hinaus mit neuen Konzepten zur „Körperarbeit“ bis hin zur Reproduktionsforschung.

Wenn wir mit dieser Ausgabe des Kuckucks aus unterschiedlichen Perspektiven und Fachzugehörigkeiten den Körper in den Blick nehmen, dann ganz im Sinne der Doppeldeutigkeit der Wortes „Leib-Eigenschaften“. Wir haben nicht nur einen Körper, über den wir verfügen und den man, wie die Werbung suggeriert, grenzenlos manipulieren kann, wir sind an Leib-Erfahrungen gebunden. Ob wir Glück oder Trauer empfinden, krank oder fit sind, immer sind wir leib-haftig auch von außen bestimmt, vom sozialen Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind und leben. Mit einem Wort, unsere Körper sind in der Leib-eigenschaft struktureller Bedingungen. Einerseits ist uns unser Körper unsere Ressource individueller Freiheit - gleichzeitig aber auch Einfallstor gesellschaftlicher Zwänge, Absichten, Interessen, die auf unser leib-haftiges Leben einwirken.
Teresa Platz eröffnet diese Ausgabe mit grundlegenden Überlegungen zum Perspektivenwechsel kulturwissenschaftlichen Interesses. Vom Körper als Gegenstand der Kultur zu seiner Bedeutung als Akteur. Sie denkt zusammen, was in westlicher Denktradition noch immer getrennt gedacht wird: Körper und Leib. Wie sehr Institutionen die Körper bestimmen, das thematisiert anschließend Margareth Lanzinger am Beispiel kirchlicher Ehegebote und -verbote in ihrem Beitrag „Verkörperte Ehehindernisse“. Heidrun Zettelbauer spürt dagegen den Körperbildern und -praktiken der (deutsch)nationalen Geschlechterpolitik in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Ambivalenz nach. Die logische Konsequenz struktureller Bedingungen verdeutlicht sich auch in Waltraud Poschs Beitrag zur Körperarbeit im Sinne eines „Aufmerksamkeitsmanagements, wenn gerade der grenzenlos gewordenen Individualismus gänzlich fremdbestimmte Körper hervorbringt. In Körperpraktiken übersetzte zeitspezifische Bedingungen anderer Art thematisiert Anna Bergmann am Beispiel der mittelalterlichen Tanzrituale- eine kollektive Körperstrategie zur Bewältigung erlebter Ohnmacht.

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