2/99 Leidenschaften Editorial

„Das Herz hat ein Verstehen, das den Verstand nicht kennt“ (Blaise Pascal)

Damit mag sich erklären, weshalb das Thema selbst den Kulturwissenschaften kein Thema ist. Nicht nur dieses Faktum reizte uns leidenschaftlich Aufgeklärte. Auch wenn man darüber nicht schreibt, so spricht man über sie, zumindest über ihre verformten, deformierten, ihre eruptiven oder krankmachenden – oder auch ihre verkümmerten Formen: Leidenschaften in Talk-Shows, Leidenschaften in Süchten, Leidenschaft in Gewaltausbrüchen. Die Herrschaft der Leidenschaft hat sich auch in einer zunehmend rationalisierten und verwalteten Zeit nicht besiegen lassen. Im Gegenteil. Daß in einer Gegenwart der Technologien, der wirtschaftlichen und der wissenschaftlichen Beherrschung des Alltags, die für spontane Gefühlsäußerungen keinen Platz vorsieht, Leidenschaften unterschiedlichster Art an den negativen Auswüchsen ihrer Verdrängung zunehmend auffällig werden, war ein zusätzlicher Anreiz, uns dem Thema zu stellen. Was ist Leidenschaft – ein Gefühl, das sich Zeit nimmt, um sich tief einzuwurzeln. Und so heftig Leidenschaft auch sein mag, sie kalkuliert, um ihren Zweck zu erreichen; ein Strom der sich in seinem Bett immer tiefer gräbt – so oder so ähnlich formulierte es Kant. Eine psychische Grenzerfahrung, die die Gefühle ergreift, aufregend und erregend, behar­­­rlich und meist unüberwindlich ist. Die Triebfeder der Leidenschaft mag zwar körperlicher Natur sein, der wir ausgeliefert sind, gleichzeitig sind unsere Leidenschaften aber auch Produkte ganz bestimmter sozialer Verhältnisse und kultureller Bilder, Vorstellungen und Wünsche, die sie wiederum schaffen – mag es um leidenschaftliches Spielen, Sammeln, Lieben, Malen oder was auch immer gehen.

 

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2/99 Leidenschaften Inhaltsverzeichnis

Die großen Gefühle der kleinen Bürger
Heinz Schilling

A Case of Triple Passion:
Ethnographic Fieldwork, Religious Brotherhoods
and the Holy Week
Henk Driessen

Jugendliche im Farbrausch
Silke Andris

PARADOXIE, TIEFENRAUSCH, ENTZUG
Sandra Buchgraber

Zwei Gedichte
Christoph Dolgan

Liebeskummer als Passion
Eine soziologische Annäherung an eine Leidenschaft,
die Leiden schafft
Jonas Grutzpalk

ZEICHEN AUS DEM UNTER-GRUND
Ein Zwie-Gespräch zur Eröffnung der Ausstellung
im Bildungshaus Graz-Mariatrost im Februar 1999
Elisabeth Katschnig-Fasch und Ulrike Körbitz

2/99 Leidenschaft Leseprobe

Henk Driessen
A Case of Triple Passion: Ethnographic Fieldwork, Religious Brotherhoods and the Holy Week.


1.

Passion and science have a troubled relationship. On the one hand, scientific reason requires the repression and sublimation of sentiments, while on the other hand, passion, as one of the strongest human emotions, is the fuel of the best scientific research, for instance quantum physics being considered by its practitioners as 'passion-at-a-distance'.[1] Without passionate scholarship, in the sense of a strong consuming enthusiasm to doubt, explore, describe, argue, and discuss there would be no enthralling scientific results, no breakthroughs, and no good academic teaching.

 

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