2/15 Politiken - Editorial

„Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen,“ schrieb Hannah Arendt in Was ist Politik? An diesen Gedanken knüpft die aktuelle Ausgabe des kuckuck an, die sich bewusst nicht Politik nennt, sondern Politiken.

Politiken sind etwas zwischenmenschliches, sie sind Handlungspraktiken, durch die sich eine Vielzahl verschiedener Akteur_innen auf unterschiedlichste Weise zueinander in Bezug setzen. Politiken konstruieren, öffnen und ordnen Räume wie auch Wirklichkeiten. Sie gestalten Alltagswelten und produzieren kulturelle Bedeutungen. Sie schaffen und verschieben Machtverhältnisse. Sie verändern und sie halten fest.

Gleich den Akteur_innen zwischen denen sich Politiken ereignen, sind auch die Perspektiven, aus welchen Politiken in den Beiträgen dieses kuckuck beleuchtet werden, in sich sehr verschieden und dementsprechend auch sehr vielfältig.

Im, dieses Heft eröffnenden, Essay von Diana Reiners, Carole Reckinger und Gilles Reckinger begegnen uns Politiken als Handlungsstrategien des Staates Italien -  eingebettet in die Strukturen einer Europäischen Union - gegenüber Flüchtlingen/Asylwerber_innen/Migrant_innen. Aus  langjährigen Forschungen in Sizilien und Kalabrien heraus beleuchtet das Trio deren Lebenssituationen zwischen Ausgrenzung, Hoffnung und Überlebenskampf in ständiger „existentieller Schwebe und Prekarität“. Die Autor_innen geben uns den dringlichen, Besorgnis erweckenden, Befund mit auf den Weg, dass ein solches Leben zur Akzeptanz von Prekarität als Schicksal führt, und damit einhergehend Zukunftsperspektiven schwinden, die jedoch nötig wären, um Widerstand zu schüren.

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2/15 Politiken Inhaltsverzeichnis

Vor dem Zaun.
Ausgesperrt und ausgegrenzt in Europa
Diana Reiners / Carole Reckinger / Gilles Reckinger 

"Das ist nun mal meine Arbeit!“.
Methodologische Überlegungen zur Erforschung von "Positionen der Macht“ in einer ethnographischen Grenzregimeanalyse
Miriam Gutekunst

Zur Politisierung des Ingenieurs.
Begriffsgeschichtliche Betrachtungen aus geschlechterkritischer Perspektive
Armin Ziegler

Politik der Performance.
Zur zeitgenössischen Regierung des Wissenschaftssubjekts
Tobias Peter

Die stille Politik der Algorithmen.
Das Beispiel Facebook
Daniel Kunzelmann

Spritzenfrei! Bürgerliche Panik und die Inszenierung der Idylle
Alexandra Schwell

„Punk minus Politik gleich Pop“. Musikalische und politische Praxis in der Grazer DIY Punkrock- und Hardcoreszene
Martin Winter

Politisch, Kritisch, Öffentlich. Plädoyer für den Sprung aus dem Elfenbeinturm
Andreas Hackl

2/15 Politiken Leseprobe

Andreas Hackl
Politisch, Kritisch, Öffentlich
Plädoyer für den Sprung aus dem Elfenbeinturm

 Anthropology will survive in a changing world by allowing itself to perish in order to be born again under a new guise.” -Claude Lévi-Strauss, 1966[1]

“My starting point is always a feeling of partisanship, a sense of injustice. When I sit down to write a book, I do not say to myself, ‘I am going to produce a work of art’. I write it because there is some lie that I want to expose, some fact to which I want to draw attention, and my initial concern is to get a hearing.” –George Orwell, 1946[2] 

Journalismus und wissenschaftliche Forschung sind verwandt und doch sehr unterschiedlich. Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen kritisieren die Oberflächlichkeit journalistischer Berichterstattung, flüchten sich aber auch vor einer breiten Öffentlichkeit in die Welt komplizierter Sprache, abgeriegelter Zeitschriften und spezialisierter Fachdebatten. JournalistInnen kritisieren die Wissenschaft deshalb als abgeschottet und weltfremd, leiden aber selbst unter Zeitdruck und prekären Arbeitsverhältnissen in einer sich schnell verändernden Medienwelt. Während man als JournalistIn Twitter & Co nicht mehr ignorieren kann, sickern die neuen Anforderungen und Chancen einer gewandelten Informationsgesellschaft nur langsam in den Alltag des wissenschaftlichen Elfenbeinturms durch. Wie könnte sich die Kultur- und Sozialanthropologie an die Anforderungen der nahen Zukunft anpassen, wenn sie politischer und für eine breite Öffentlichkeit relevanter sein will? Und was könnte sie vom Journalismus lernen, was besser nicht?

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