2/14 Figuren - Leseprobe

Moritz Ege
„Chavs“ als kulturelle Figur

Rückblick und theoretischer Ausblick

Seit etwas mehr als zehn Jahren geistert das Wort „Chav“ nun schon durch die britische (vor allem englische) Alltagskommunikation und Popkultur. Wer von „Chavs“ sprach und spricht, meint damit Jugendliche, unintelligent bis dümmlich, moralisch „verwahrlost“, gewaltaffin-territorial, mit Messern bewaffnet, arbeitslos oder den „working poor“ zugehörig. Oder, in den Worten von Imogen Tyler, die das Stereotyp – in kritischer Absicht – zusammenfasst: „Chavs are white, live on council estates, eat junk food, steal your phones, wear crap sports wear, drink cheap cider, they are the absolute dregs of modern civilization; a social underclass par excellence, chavs are disgusting.“ (Tyler 2008, 24)

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2/14 Figuren - Inhaltsverzeichnis

„Chavs“ als kulturelle Figur
Rückblick und theoretischer Ausblick
Moritz Ege

‚Der Flüchtling‘ oder:
Von der Schwierigkeit eines Kulturwissenschaftlers, mit Sozialfiguren zu denken
Maximilian Jablonowski    

„Der Flaschensammler“ als neue urbane Sozialfigur
Alexandra Rau   

Schwellenwächter: Türsteher
Eine kleine Ethnographie im Grazer Nachtleben
Ruth Eggel    

Die Tante
Eine facettenreiche Figur zwischen Realitätsuntüchtigkeit und Identifikationsideal
Eva Kreissl    

Berater, Minenaktionäre und Pariser Damen
Die Repräsentation sozialer Ordnungen und der Kunstgriff der Sozialfigur
Christiane Schwab    

Notizen zu Figurationen des Sozialen
Von Figuren der Eindeutigkeit zur figure de la pensée
Elisa Rieger  

2/14 Figuren - Editorial

Der Begriff der Figur reklamiert neue Aufmerksamkeiten. Wir kennen ihn aus der Alltagssprache ebenso wie aus der Wissenschaftssprache. Beide sind nicht gänzlich verschiedene ethymologische Register, es unterscheidet sie die Benennungsabsicht. Alltagsäusserungen wie: „In diesem Anzug macht er eine komische Figur!“ oder „An ihrer Veranstaltung hat sie eine gute Figur gemacht!“ spielen auf den begrifflichen Kontext einer öffentlichen Situation an. Eine andere Bedeutungsdimension evoziert Körperlichkeit, wenn etwa mit „Figur“ Form und Fülle des Körpers, die Norm der „schlanke Linie“ verstanden wird. Als fachlicher terminus technicus ist der Begriff der Figur unter anderem in der Theatersprache und in den Literaturwissenschaften zuhause. Die Figuren von Dostojewski sind Legende in der europäisch-bürgerlichen Kultur. Annette Kolbs brillant gezeichnete Romanfiguren sind alternative exemplarische Entwürfe von Frauengestalten, die der Wirklichkeit zwar abgerungen, als literarische Figur jedoch stilisiert sind, ausgeschmückt und übertrieben, um Reiz und Spannung der Lektüre an die LeserInnen bringen zu können.
In Theater, Musik, Tanz und Literatur sind Figuren Überzeichnungen, Verdichtungen angehefteter Eigenschaften zu erkennbaren Profilen, was nichts anderes heisst als ihre Stereotypisierung. Dürfen nun Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen, deren Anliegen die kritische Gesellschaftsanalyse ist, mit dergestalten Kunstgriffen der Typisierung arbeiten? Oder müssten sie sich nicht, im Gegenteil, an möglichst realitätsnahe Beschreibungen von Menschen halten, um Individuen in ihren Besonderheiten gerecht zu werden? Dürfen SoziologInnen zum Beispiel verdichtete Beschreibungen des Typischen einer sozialen Gruppe vornehmen, eines Geschlechts- oder Altersgruppe oder sogar – noch heikler – einer nationalen oder kulturellen Zugehörigkeitsgruppe, mit dem Ziel, bestimmte Probleme eines schichtspezifischen Habitus zu veranschaulichen? Dürfen EthnologInnen Angehörige fremder Gesellschaften als MerkmalsträgerInnen darstellen jenseits von agency, dem intentionalen Handeln, das Individuen ausmacht und unterscheidet?

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