01/10 Blicke - Editorial

Mit dieser Ausgabe begeht der Kuckuck sein 25-jähriges Jubiläum. Beim Erscheinen des ersten Heftes 1/1986 hatte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass wir eines Tages ein solches Jubiläum feiern werden. Dazu beigetragen hat neben den Aspekten einer permanenten Selbstausbeutung sicherlich auch die Tatsache, dass der Kuckuck eine mittlerweile über den Entstehungsort Graz hinaus etablierte kulturwissenschaftliche Zeitschrift geworden ist. „Blicke“ lautet das Thema dieses Jubiläumsheftes und die Assoziation liegt nahe, dass dort, wo es um Blicke geht, auch Bilder eine zentrale Rolle spielen, weshalb diese Ausgabe des Kuckucks neben der üblichen künstlerischen Gestaltung eine Fülle weiterer Bilder aufweist. Vielen der Bilder ist ferner zu eigen, dass sie nur in Farbe ihre volle Wirkung entfalten. Daher haben wir uns allen finanziellen Zwängen zum Trotz und einer Jubiläumsausgabe würdig entschieden, diesen Kuckuck in Farbe zu drucken und hoffen, damit auf die Zustimmung der Leserinnen und Leser zu stoßen.

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01/10 Blicke - Inhaltsverzeichnis

 „Gut gesehen“

Visuelle Wissenspraktiken in der Amateurfotografie
Manuela Barth

Der Dresdner SA-Fememord
Anmerkungen zum Begriff des „Dokuments“ in
der Arbeiterfotografie der Weimarer Republik
Wolfgang Hesse

Drei Visiere in Weimar
Wolfgang Kemp

Giorgio de Chirico
Der Künstler zwischen Traum und Wirklichkeit
Karin Wimmer

Blue Fence
Zur Imaginationskraft des verweigerten Blicks
Judith Laister

Der Blick in Nachbarschaftsbeziehungen
Magdalena Weyher

„Europa hat uns nichts mehr zu sagen“, oder doch?
Brasilianische Blicke gen Europa
Lydia Maria Arantes

Zur Funktion des Blicks im sexistischen Arrangement
Ulrike Körbitz

Das Handy als Spiegel der Persönlichkeit seiner NutzerInnen
Eine Untersuchung aktueller Werbebilder
Barbara U. Schmidt

01/10 Blicke - Leseprobe

Manuela Barth

„Gut gesehen“
Visuelle Wissenspraktiken in der Amateurfotografie

„Es ist der 6. Februar 2010 und in München werden gerade die letzten Vorbereitungen für die Sicherheitskonferenz getroffen. Auf dem Weg zur Uni überholt mich ein Mannschaftswagen der Polizei, denn die Innenstadt wird abgeriegelt, um die erwarteten Demonstrant_innen zu kontrollieren. Es handelt sich um einen Routineeinsatz für die Polizist_innen, die aus ganz Deutschland zum Dienst angereist sind. Routiniert wirken inzwischen auch die Stadtbewohner_innen, denen dieses immer wiederkehrende Ereignis vertraut geworden ist. Beim Überqueren des Odeonsplatzes nehme ich deshalb die parkenden grünen Mannschaftswagen nur beiläufig wahr. Etwa fünfzig Polizist_innen sind gerade am aussteigen. Sie tragen alle Uniform. Alter, Geschlecht, „Rasse“ werden hinter der Markierung „Ordnungshüter“ unsichtbar. Nach dem relativ ungeordneten Ankommen und Aussteigen stellen sich die Polizist_innen vor ihren Autos ordentlich in einer langen Reihe auf und kehren dabei dem Platz den Rücken. Diese eigenartige Formation erinnert mich eher an eine Aufstellung für ein Gruppenbild als an polizeiliche Ordnungsmaßnahmen und erregt deshalb meine Aufmerksamkeit. Zunächst scheint mir meine Assoziation kurios zu sein, aber auf den zweiten Blick stelle ich fest, dass es sich bei dieser Übung tatsächlich um eine Gruppenbildinszenierung handelt. Erkennbar ist das an einer Polizistin, die sich in ausreichender Distanz mit einer Kamera in der Hand am Rand des Platzes positioniert hat. Sofort greife ich in meine Tasche nach meiner Kamera, um diese Situation zu knipsen. Doch ich finde sie nicht. Selbst mein Mobiltelefon, die mögliche Alternative, um diese Situation doch noch festhalten zu können, ist in der Tasche unauffindbar. Während ich weitergehe sehe ich, wie einige der Polizist_innen eine bayerische Flagge entrollen und vor sich in die Kamera strecken. Diese Inszenierung mitsamt ihren Elementen eines klassischen Gruppenbildes passt so gar nicht in die bekannten Medienbilder von den Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant_innen und Polizei, die in wenigen Stunden hier stattfinden könnten. Vor dem Hintergrund dieses imaginären Bildes erscheint die sich darbietende Betriebsausflugsatmosphäre befremdlich. Während ich weitergehe, imaginiere ich den verpassten Schnappschuss: Ich würde einen Standpunkt wählen, von dem ich den gesamten Platz im Blick hätte, die Feldherrenhalle im Zentrum, wie eine Bühne. Darauf wäre die ordentliche Reihe der sieben oder acht grünen Mannschaftswagen zu sehen, davor die Reihe der Polizist_innen und vor dieser – mittig, um die Symmetrie von Architektur und der Selbstinszenierung der Ordnungshüter zu unterstreichen - die Polizeifotografin. Während ich mir diesen Bildraum vorstelle, interpretiere ich ihn bereits: eine Bühne, die zugleich die Hinterbühne der Konferenz ist, auf der alles das geschieht, was die Inszenierung von Staatsmacht ermöglicht. Die historischen Bilder von nationalsozialistischen Aufmärschen auf diesem Platz scheinen vor meinem inneren Auge auf. Sie würden auch, so nehme ich an, von den – imaginierten – Betrachter_innen meines Fotos assoziiert werden können, schließlich gehören sie zum kollektiven Bildgedächtnis. Und schon suche ich nach einem Titel, der die Gleichzeitigkeit von Vorder- und Hinterbühne, die Ungleichzeitigkeit der Ereignisse, die einander in diesem Raum überlagern, betonen könnte. Und auch über eine Veröffentlichungsstrategie denke ich nach: ein tagesaktueller Schnappschuss, noch heute auf einer online Plattform publiziert. Welche Reaktionen, Kommentare, Diskussionen könnten sich daraus ergeben, wie könnte diese Geschichte durch die Vernetzung mit Wort- und Bildbeiträgen, Musik- und Video-Verlinkungen weitererzählt werden? Aber, obwohl ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – die Voraussetzung für einen Schnappschuss – fehlte ein Element und so konnte ich ihn nicht materialisieren.“ (Feldnotiz 6.2.2010)

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