1/04 Angst Editorial

Die Angst, ist wohl gravierendste, alltäglichste und vertrauteste aller Emotionen. Gleichzeitig stellt sie ein prägnantes zeitspezifisches Phänomen dar, das eine unglaubliche Kraft im Mächtespiel der Spätmoderne entwickelt hat. Sie zu einem Thema der Kulturwissenschaften, zu unserem Thema zu machen, war uns ein Anliegen. Ein oft tabuisierter Gegenstand der noch wenig diskursiven Raum in der Wissenschaft gefunden hat, da doch die Auseinandersetzung mit Gefühlen nach wie vor eher dem Bereich der Literatur zugeordnet wird. Doch wie sehr die Angst heute tatsächlich in allen Lebensräumen unserer Gesellschaft Platz genommen hat und wie sehr es notwendig ist, dass dieses Phänomen (sozial)wissenschaftlich beschrieben wird, lässt sich schon allein an der breiten thematischen Fächerung der bei uns eingelangten Artikel lesen.

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1/04 Angst Inhaltsverzeichnis

Angst vor Migranten und Migrantenängste
Helena Flam und Jochen Kleres

Kriminalitätsangst und staatliches Strafen
Amerikanische Erfahrungen und europäische Relevanzen
Joachim J. Savelsberg

Gewaltbereitschaft oder Angst?
Reaktionen Jugendlicher auf kulturelle Umbrüche im Neoliberalismus
Gilles Reckinger und Diana Reiners

Angst - Bedrohung und Feindbilder
Zur xenischen Ikonographie im deutschen Migrationskontext
Yomb May

Verschwörungstheorien und die Angst vor unter- und überirdischen Mächten
Verschwörungen und Verschwörungstheorien
Michael Schetsche und Ina Schmied-Krittel

Angst in der Organisation Krankenhaus und existentielle Verunsicherung unter neoliberalen Verhältnissen
Studien am Beispiel von Beobachtungen auf einer chirurgischen Abteilung
Werner Vogd

NachtAngst
Regina Bendix

Bourdieu und die Aliens
Variationen über das Thema der Angst bei Bourdieu
Christophe Mangand

1/04 Angst Leseprobe

Helena Flam und Jochen Kleres
Angst vor Migranten und Migrantenängste


1. Einleitung

Während Angst sehr oft in verschiedenen populären wie wissenschaftlichen Diskursen zur Fremdenfeindlichkeit auftaucht, wird sie dort dennoch meist unzureichend theoretisiert. Insbesondere die Konzepte der sich seit Mitte der 70er Jahre rasch entwickelnden Emotionssoziologie (s. Übersicht in Flam 2002) werden weitgehend nicht beachtet. Dies gilt auch für neuere, Angst stärker ansprechende Arbeiten zum Thema (z.B. Rippl 2003; Wahl 2002; Wahl, Tramitz und Blumtritt 2001). Demgegenüber möchten wir hier eine neue Perspektive skizzieren, die das Konzept der Gefühlsregeln (Hochschild 1979; 1990) für eine Theorie der Fremdenfeindlichkeit nutzbar macht. Damit wird insbesondere eine kulturelle Perspektive auf Fremdenfeindlichkeit eröffnet. Wir werden zeigen, dass wissenschaftliche, mediale und politische Diskurse Angst als Gefühlsregel im Umgang mit dem "Fremden" in Deutschland diktieren und wie diese Emotion die Gesetzgebung beeinflusst. Im zweiten Teil wird an Hand von Interviews mit Migranten und ihren Kindern gezeigt, dass Angst, Misstrauen und Verdächtigung das Verhalten der Deutschen und der deutschen Behörden den Migranten gegenüber weitgehend bestimmen. Umgekehrt, erfahren auch die "Fremden" in dieser Situation vielfache Ängste. Insgesamt möchten wir unser Hauptaugenmerk auf die sogenannte "Mitte der Gesellschaft" richten und werden Rechtsextremismus daher nur in seinem Bezug dazu diskutieren.

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