Der Körper ist ein furioses Thema - vom Markt begehrt und umworben, Brennpunkt verheißungsvoller Erfüllungsträume zur Herstellung eines neuen, von überkommenen Einschränkungen befreiten Ichs, Brennpunkt aber auch zugleich institutioneller Vorgaben und Kontrollvorschriften.
In der Alltagskulturwissenschaft hat die Aufmerksamkeit für den Körper zunächst innerhalb der Frauenforschung ihren Platz gefunden. Inzwischen erweitert sich die fachspezifische Aufmerksamkeit der alltagskulturellen Bedeutung des Körpers über die Genderforschung hinaus mit neuen Konzepten zur „Körperarbeit“ bis hin zur Reproduktionsforschung.

Wenn wir mit dieser Ausgabe des Kuckucks aus unterschiedlichen Perspektiven und Fachzugehörigkeiten den Körper in den Blick nehmen, dann ganz im Sinne der Doppeldeutigkeit der Wortes „Leib-Eigenschaften“. Wir haben nicht nur einen Körper, über den wir verfügen und den man, wie die Werbung suggeriert, grenzenlos manipulieren kann, wir sind an Leib-Erfahrungen gebunden. Ob wir Glück oder Trauer empfinden, krank oder fit sind, immer sind wir leib-haftig auch von außen bestimmt, vom sozialen Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind und leben. Mit einem Wort, unsere Körper sind in der Leib-eigenschaft struktureller Bedingungen. Einerseits ist uns unser Körper unsere Ressource individueller Freiheit - gleichzeitig aber auch Einfallstor gesellschaftlicher Zwänge, Absichten, Interessen, die auf unser leib-haftiges Leben einwirken.
Teresa Platz eröffnet diese Ausgabe mit grundlegenden Überlegungen zum Perspektivenwechsel kulturwissenschaftlichen Interesses. Vom Körper als Gegenstand der Kultur zu seiner Bedeutung als Akteur. Sie denkt zusammen, was in westlicher Denktradition noch immer getrennt gedacht wird: Körper und Leib. Wie sehr Institutionen die Körper bestimmen, das thematisiert anschließend Margareth Lanzinger am Beispiel kirchlicher Ehegebote und -verbote in ihrem Beitrag „Verkörperte Ehehindernisse“. Heidrun Zettelbauer spürt dagegen den Körperbildern und -praktiken der (deutsch)nationalen Geschlechterpolitik in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Ambivalenz nach. Die logische Konsequenz struktureller Bedingungen verdeutlicht sich auch in Waltraud Poschs Beitrag zur Körperarbeit im Sinne eines „Aufmerksamkeitsmanagements, wenn gerade der grenzenlos gewordenen Individualismus gänzlich fremdbestimmte Körper hervorbringt. In Körperpraktiken übersetzte zeitspezifische Bedingungen anderer Art thematisiert Anna Bergmann am Beispiel der mittelalterlichen Tanzrituale- eine kollektive Körperstrategie zur Bewältigung erlebter Ohnmacht.

Elisabeth List rückt das leibhafte Leben ins Zentrum. Ein Beitrag, der dazu anregt, über die Ethik des Lebensdingseins nachzudenken. Was bedeutet eigentlich Leben, was die Grenze seiner Verfügbarkeit? Wie kann man mit Behinderung, Verletzbarkeit umgehen, wenn Leben doch stets am standardisierten Körpermaß, an der Norm ausgerichtet wird?
Dass angesichts der staatlichen Rückzugs der gesundheitspolitische Trend unter dem Signum „Public Health“ Menschen zur Selbstregierung in das Maß des „flexiblen“, leistungsorientierten Körpers eingepasst werden, verdeutlicht Wolfgang Hable in seinem Beitrag „Wir kontrollieren euch nicht. Das macht ihr schon selbst“. Aber Selbstkontrolle als Bestandteil des „gewöhnlichen Lebens“ könnte auch zur Ausgrenzung dessen führen, was nicht dem Normkörper einspricht.
Was es heißt, den Körper an die Herrschaft neuer Arbeitskulturen einpassen zu müssen und seine Vernutzung am eigenen Leib zu erfahren, beschreibt Georg Wolfmayr anhand einer ethnologischen Selbsterfahrung an der Kassa eines Lebensmitteldiskonters.
Über Körper zu sprechen heißt immer auch in Geschlechterordnung zu denken. Welcher geschlechtliche Ort wird hermaphroditisch geborenen Menschen zugewiesen? „In den Leib geschrieben“, so Kirstin Kastner, ist die kulturelle Selbstverständlichkeit des Zweigeschlechtermodells, die es unsverunmöglicht, darüber hinaus zu denken. Sabine Eggler wendet sich dann einem Aspekt der geschlechtsspezifischen Auswirkungen der weltweiten Umverteilung der Hausarbeit zu. Ihr Beitrag „Das Ende der großen Schwester“ folgt dem strukturellen Muster eines in Leibeigenschaft genommen Leben in der globalisierten Arbeitswelt. Eva Bahl und Marina Ginal führen abschließend in ihrem Beitrag „Wir würden sagen, sie ist ein Opfer“ vor Augen, auf welche Weise Opfer-Diskurse und skandalisierende Bilder von so genannten „Sex-Arbeiterinnen“ auf ganz spezifische Weise dazu beitragen, dass gerade im Namen humanitärer Rettungsmaßnahmen Frauen erneut entrechtet werden.
Markus Seidl stellte uns einige seiner Gedichte zur Verfügung, die wir als Referenz an die Leiblichkeit des Körpers, an die sinnhafte Wahrnehmung des Lebens verstehen; künstlerisch gestaltet wurden die Gedichte von Maria Theresia Rittsteuer, so dass ihre Gedicht-Bilder als künstlerischer Beitrag in die vorliegende Ausgabe eingeflossen ist.

Elisabeth Katschnig-Fasch