1/00 Übergänge Editorial

Übergänge fordern heraus, sie verlangen, Position zu beziehen und Entscheidungen zu treffen, auf Neues zu reagieren, sie evozieren Unsicherheiten. Übergänge - da denkt man im Jahr 2000 natürlich auch an den Millenniumswechsel: Großveranstaltungen, Endzeitstimmungen und spirituelle Transformationen begleiteten den Übergang ins nächste Jahrtausend und interessieren als millennial movements auch von kulturanthropologischer Seite.

Übergänge, Schwellen, Transformationen, Brüche oder Zäsuren repräsentieren jedoch viel breitere Möglichkeiten der Auseinandersetzung, auf die die Beiträge des aktuellen Kuckuck zumindest einige Schlaglichter werfen. Was passiert bei Übergängen, wie kommt es zu Veränderungen, was sind die auslösenden Momente, welche gesellschaftlichen Konsequenzen sind damit verbunden? Das Leben ist kein ruhiger Fluß, sondern ist - um im Bild zu bleiben - immer wieder mit Richtungswechseln und unterschiedlichem Gefälle konfrontiert, mal werden Hindernisse einfach überspült oder mitgerissen, mal staut sich davor das Wasser auf, mal werden sie hartnäckig bekämpft, mal ein neuer Weg gesucht. Die Fließgeschwindigkeit ändert sich, je nach Gefälle und Möglichkeit der räumlichen Ausbreitung. Übergänge rufen auch Assoziationen zu den sie begleitenden Handlungen, den rites de passage, hervor, die den Einzelnen und die Gruppe stützen und lenken. Arnold van Gennep und Victor Turner haben dazu bekanntermaßen ihre klassischen Beiträge geliefert und das Augenmerk auf die zentrale Phase der Transformation gerichtet. Das Modell ist jedoch nicht auf den menschlichen Lebenslauf beschränkt, sondern schließt Übergänge ganz allgemein mit ein, seien sie gesellschaftlicher, räumlicher, biologischer oder kosmischer Art. Immer wieder neue Schwellen wie Nacht, Jahreszeit, Adoleszenz trennen und vereinigen wieder, verändern Zustand und Form und stehen für Sterben und Wiedergeborenwerden. Die Schwellen symbolisieren Handeln und Innehalten, Warten und Sich-Ausruhen; die typische Abfolgeordnung ist markiert durch Trennung, Umwandlung und Angliederung.

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1/00 Übergänge Inhaltsverzeichnis

Der gläserne Vorhang.
Ein Grenzprojekt zwischen Ethnographie und Kunst
Katharina Eisch

Der endlose Übergang des Postsozialismus
Peter Niedermüller

Übungen auf der Schwelle zu einer "intelligenteren Welt"
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Ute Süßbrich

Überlokale Liminalitäten:
Notizen zu Übergängen in der Welt und zu solchen in den Wissenschaften
Andre Gingrich

Was passiert eigentlich?
Einige Beobachtungen zur Funktion von Übergängen
Christoph Köck

Gefährliche Übergänge
Exkurs über Freuden, Gefahren und gesellschaftliche Nützlichkeit des 'Passagenraumes'
Johanna Rolshoven

Meerbäume
Rosa Julia Rosenberger

1/00 Übergänge Leseprobe

Johanna Rolshoven
Gefährliche Übergänge
Exkurs über Freuden, Gefahren und gesellschaftliche Nützlichkeit des 'Passagenraumes'

Für Maks!

"Ich entsinne mich noch des Schauers, den mir in der Knabenzeit das Wort Durchgang einflößte. In den Büchern, die ich damals verschlang, war der dunkle Durchgang gewöhnlich die Stätte mörderischer Überfälle, von denen hinterher eine Blutlache zeugte, oder doch zum mindesten die passende Umwelt zweifelhafter Existenzen, die darin beisammen standen und ihre düsteren Pläne berieten." Siegfried Kracauer

'Das Schicksal des Überganges ist es, übergangen zu werden' - so hat es einmal der Basler Volkskundler Marius Risi in einer Übung zum Thema humorvoll auf den Punkt gebracht. Der Übergangsbegriff befand sich lange Zeit weder im Vordergrund des wissenschaftlichen noch des gesellschaftlichen Interesses. Auch die "Rites de Passage", das Hauptwerk des französischen Gelehrten Arnold van Gennep , das zu den grundlegenden Begriffsbildungen in Volkskunde und Ethnologie zählt, hat in die Annalen der Fachgeschichtsschreibung nur marginal Eingang gefunden. Eine derzeit vermehrte Thematisierung von Übergängen, wie sie sich auch im Motto dieser Kuckuck-Ausgabe niederschlägt, mag mit bestimmten Veränderungen unserer Lebensweise und ihren historischen Umständen zusammenhängen. Die Jahrhundert- und Jahrtausendwende löst Ängste aus und eine vermehrte Reflexion über das Phänomen der Veränderung.

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