01/15 Allmende - Leseprobe

„Alte“ und „neue“ Commons in Zeiten der Krise.

Eine Forschungsskizze zu Agrargemeinschaften in Österreich

Leo Kühberger

 

Mit dem Zusammenbruch der „Lehman Brothers“ im September 2008 haben sich die krisenhaften Tendenzen der letzten Jahrzehnte weiter zugespitzt. Dieser neuerliche Krisenausbruch, der die gesamte Weltwirtschaft miteinschließt und die rasche Zunahme an Protesten gegen die wenig später durchgesetzte Austeritätspolitik hat die Diskussion um politische, wirtschaftliche und soziale Alternativen befördert. In den Praktiken Sozialer Bewegungen und einer Vielzahl konkreter Projekte spielt die Frage der Commons, des Gemeineigentums, zunehmend eine Rolle. Begleitet wird dies durch einschlägige Publikationen und Konferenzen. Eingangs werde ich eine grundsätzliche Bestimmung des Themas und der damit einhergehenden Probleme und Widersprüche vornehmen, um danach die Geschichte der „alten“ Commons auf der einen und die Genese der „neuen“ Commons auf der anderen Seite in aller Kürze nachzuzeichnen. Daran anschließend werde ich in einer kurzen Skizze Fragen erörtern, die sich daraus für die kulturanthropologische Forschung ergeben.

Mit Zügen von Blut und Feuer

Trotz der angesprochenen Veränderungen sind die Commons in Europa lediglich ein Thema für eine kleine Zahl von Aktivist_innen und Wissenschafter_innen, obwohl sie in vielerlei Hinsicht im Zentrum der Auseinandersetzung um die aktuelle Krise und mögliche Auswege aus derselbigen stehen. In den Commons verdichten sich grundlegende Probleme und Widersprüche des kapitalistischen Weltsystems. Die kapitalistische Produktionsweise kann als Durchsetzung spezifischer historischer Formen der Vergesellschaftung gelesen werden: Materielle wie immaterielle Güter erscheinen in Waren-Form, Arbeit in der Form von Lohnarbeit und Eigentum als Privateigentum. Dieses Wirtschaftssystem ist aus einem strukturellen Zwang heraus dazu verdammt eine ständige Expansion voranzutreiben. Das gilt nicht nur in räumlicher Hinsicht, sondern auch dergestalt, dass immer größere Teile des Lebens an sich warenförmig organisiert werden. Wir können also einen fortschreitenden Prozess der Kommodifizierung beobachten dem de-kommodifizierende Praxen oder noch nicht kommodifizierte Bereiche entgegenstehen. 

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1/15 Allmende - Editorial

Praxen, die auf Allmende abzielen, scheinen in den letzten Jahren im Alltag kontinuierlich an Bedeutung gewonnen zu haben. Unter anderem haben die Informations- und Vernetzungsqualitäten digitaler Medien zu alternativen und (in)formellen Ökonomien, wie z.B. Tauschnetzwerken, und deren Präsenz im Alltag einer breiten Öffentlichkeit beigetragen. Diese Entwicklung nehmen wir zum Anlass, dem historischen Begriff der Allmende eine Ausgabe zu widmen und ihn gleichsam auf seine Anwendbarkeit auf gegenwärtige Phänomene des Gemeinsamen zu befragen.

Der Begriff Allmende verweist auf zwei Konzepte. Zum Ersten beschreibt dieser materielle Ressourcen, die aus rechtlicher Perspektive jenen Teil des Gemeineigentums bezeichnen, der von Gemeindemitgliedern benutzt werden darf. Darunter sind Land, Wald Seen oder Rohstoffe zu verstehen, welche in endlicher Form zur Verfügung stehen. Zum Zweiten meint Allmende immaterielle Ressourcen, wie Wissensbestände, Ideen, Bräuche oder Traditionen, auf die zugegriffen werden kann.

Während Allmende in seiner historischen Bedeutung in Form von materiellen Ressourcen wie Landschaften oder Gemeindegütern auftrat, spielen heute wissensbezogene Ressourcen sukzessive eine wichtigere Rolle und werden von unterschiedlichen AkteurInnen verhandelt. Dabei stehen oftmals Konzepte der Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Ökonomie im Vordergrund. Alltagskulturell zeigt sich dies anhand neuer Formen des Teilens, Tauschens und des Gemeinsamen, die unter dem Konzept der Sharing Economy respektive Collaborative Consumption subsumiert werden.

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01/15 Allmende - Inhaltsverzeichnis

 Zum aktuellen Verständnis von commons, Gemeinnutzen und Genossenschaften Eine kulturwissenschaftliche Sicht
Dieter Kramer

 

Gemeinsam wandeln: Überlegungen zu Commons, Commoning und Transformationsinstrumenten
Britta Acksel, Johannes Euler

 

Open Source auf dem Acker. Ein Portrait zum quelloffenen Bau landwirtschaftlicher Geräte
Andrea Vetter

 

„Alte“ und „neue“ Commons in Zeiten der Krise. Eine Forschungsskizze zu Agrargemeinschaften in Österreich
Leo Kühberger

 

Geteiltes Gut? Der Abfallcontainer als Form der Allmende
Frederike Müller-Späth

 

Sparen _eine knappe Ausstellungsrezension zwischen Kreativität und Pragmatismus
Miriam Feldmann

 

Sharing und Caring in der Kleiderei. Kleidertausch als Peer-Produktion
Heike Derwanz

 

Gastfreundschaftsnetzwerke. Auf den Spuren virtueller Praxen des Gemeinsamen
Karl Richter-Trummer

 

Die urbane Allmende. Städtebau als „peer-to-peer production“ guter Adressen
Georg Franck