1/03 Ostwärts Editorial

Ostwärts. Dieses Thema ist für uns wichtig und höchste Zeit geworden. Nirgends sonst in Europa sind die Turbulenzen des kulturellen Flusses, jene als Glokalisierung bezeichneten Phänomene des Aufeinandertreffens globaler Einflüsse und ihre regionale oder lokale "Verarbeitung", so deutlich zu beobachten wie im Gefolge des politischen und wirtschaftlichen Umbaus Osteuropas. Der Titel ostwärts soll nicht nur unseren aus dem Westen nach Osteuropa gerichteten Blick bezeichnen, sondern auch die westlichen Zuschreibungen und Mythen des Ostens, unsere Vorstellungen über die Uniformität - sowohl des real existierenden Sozialismus als auch der Transformationsbarrieren und der dafür verantwortlichen Mentalitäten - reflektieren und dekonstruieren.

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1/03 Ostwärts Inhaltsverzeichnis

Eine Frage der Werte
Vom Modus des ostdeutschen Fortlebens
Sönke Löden

Gender in den Transformationsprozessen Osteuropas
Transformation als androzentrisches Projekt
Sabine Hess

Ethnographie des realsozialistischen Alltags
Fallbeispiel Ždár nad Sázavou (Tschechien)
Petr Lozoviuk

Neue Grenzziehungen zwischen West- und Osteuropa
Bettina Messner

Bulgarien verstehen
Reflexionen zur Annäherung in einem imaginären Raum
Angelika Paier

Familie und Jugend im sozialistischen Bulgarien, 1944-1989
Ulf Brunnbauer, Karin Taylor

Arizona-Market
Die Transformation eines transistorischen Raumes oder: Wie sieht gebaute Demokratie aus?
Margareth Otti

Lokales Leben und Politik ohne Perspektiven in der südlichen Republika Srpska/Bosnien-Herzegowina
Hannes Grandits

1/03 Ostwärts Leseprobe

Sönke Löden
Eine Frage der Werte.
Vom Modus des ostdeutschen Fortlebens

Am 25. Oktober 2001 erschien in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Artikel mit dem Titel "Der Sozialismus siegt". Der Autor behauptete darin, der Sozialismus in Ostdeutschland sei zwölf Jahre nach der Wende nicht nur nicht untergegangen, er sei vielmehr so lebendig wie nie zuvor: "Politisch hat der SED-Staat verloren. Wirtschaftlich hat er versagt. Kulturell jedoch ist die DDR allgegenwärtig, obwohl es diesen Staat seit zwölf Jahren nicht mehr gibt." Der Autor konstatierte, dass nicht nur eine wie auch immer geartete und artikulierte Ost-Identität oder eine aus Zitaten collagierte "Ostalgie" die Bevölkerung der neuen Bundesländer erfasst habe, sondern dass eine "Kultur der Gleichmacherei, des Proletarischen und des Antikapitalistischen" vorherrsche, die tief im Habitus der ostdeutschen Bevölkerung verankert sei. Es gehe nicht allein um einzelne Elemente, die aus dem Arsenal des öffentlichen Lebens, der sozialistischen Kultur und der Konsumwelt der DDR gerettet worden seien und nunmehr gehegt und gepflegt würden, seien es der "Trabant", die Jugendweihe oder die Kindertagesstätten. Vielmehr sei es eine Grundhaltung, ein spezifisches Geflecht von Normen, Werten und Verhaltungsweisen, eben eine Kultur, die sich paradoxerweise gerade dann voll entfaltet habe, als der äußere Druck zur Entfaltung dieser Kultur verschwunden sei. Der Autor bedauert diese Entwicklung und befürchtet, sie könne die Zukunft Ostdeutschlands negativ beeinflussen.

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