2/02 Freiheit Editorial

Der Freiheitsbegriff hat Konjunktur - so war zumindest unser Empfinden bei der Gestaltung dieses Heftes. Das rege Interesse am Thema Freiheit in einer Zeit erhöhter Unsicherheiten, lässt allerdings auf Umstände schließen, die sowohl von strukturellen als auch von alltäglichen Zwängen gekennzeichnet sind. Für das Denken im "Digitalen Zeitalter" werden auch kulturelle Lebensbedingungen quasi digitalisiert. Arbeitsbedingungen aber auch private Beziehungen sind immer mehr in ein marktorientiertes Funktionsschema eingebunden, das eine "Freiheit" im Sinne eines "utopischen Denkens" nicht mehr zulässt. Rüdiger Safranski nennt die Freiheitstheoretiker wie Marx oder Hegel Ingenieure des Fortschritts: "Die Revolutionäre des wissenschaftlichen Sozialismus antizipieren im 19. Jahrhundert die Träume der Gesellschaftstechnologen des 20. Jahrhunderts." Die Interpretationen der "Ingenieure des Fortschrittes" sind im Bereich einer neoliberalen Gesellschaftstheorie an einem Endpunkt angelangt, der keine Utopie oder Vorstellung darüber zulässt, wie sich eine, wie auch immer geartete menschliche Freiheit außerhalb von marktwirtschaftlichen Theorien, beziehungsweise Verwertungsvorstellungen von Lebenspraxen denken lässt.

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2/02 Freiheit Inhaltsverzeichnis

Von freien und unfreien Körpern
Susanne Geser

The Individual and the Collective
vs. (Post-)Modernity and "Tradition"
Rada Ivekovic

Woanders daheim
Das Freiheitsversprechen der Freizeitimmobilie
Johanna Rolshoven

Der Einzige und sein Eigenheim
Michael Zinganel

Die Steinfiguren
Anna Schuster

Komplexe Freiheiten
Wie Velokuriere ihre Arbeit beschreiben und reflektieren
Sabine Eggmann

Erfahrene Freiheiten
Uta Rosenfeld

Der Einzelne und seine Freiheit
Adolf Rami

buchkuck:
"Anthropologisch reisen"
von Ina-Maria Greverus
Sönke Löden

2/02 Freiheit Leseprobe

Susanne Geser
Von freien und unfreien Körpern

"Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für Etwas am Leibe ... Ich, sagst du und bist stolz auf dies Wort, aber das Größere, woran du nicht glauben willst, dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich"

Frei sein meint auch frei tun

In einer freien Gesellschaft sollen und können freie Bürger frei handeln, frei wählen und sich frei entscheiden. Das Recht auf Freiheit ist grundgesetzlich verankert, kann und muss aber von den Gesellschaftsmitgliedern selbstbewusst geäußert, beharrlich praktiziert und kontinuierlich aktiviert werden. Viele beschränken sich jedoch auf freien Konsum und fühlen sich frei im Wissen, dass andere für sie mitentscheiden. Gar manche schwimmen sich von Vergangenheit und einengenden Zwängen frei und andere bleiben ein Leben lang im Nichtschwimmerbecken. Frei sein meint auch frei tun und ist also eine aktive freie, selbstbewusste Gestaltung des eigenen Lebens.

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