02/12 Untergrund - Editorial

Die Beiträge dieser Kuckuck-Ausgabe entführen in den Untergrund in seinen unterschiedlichen Schattierungen. Was sich unter der Oberfläche verbirgt, hat den Nimbus des Verborgenen. Nicht immer geschieht der Rückzug in den Untergrund freiwillig. Gegenbewegungen zu herrschenden Meinungen und Lebensstilen, die sich nur im Verborgenen entfalten können, haben aber Potential für gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen und Umbrüche. Zu den vielen Facetten des Themas gehört auch der reale Untergrund als faktische Basis der Oberfläche, die sich oft des kulturwissenschaftlichen Blickes entzieht. Hier sind es vielfach künstlerische Interventionen, die die übersehenen Untergründe aufs Neue bespielen. Auch diese Kuckuck-Ausgabe wird durch einen solchen Kunstbeitrag ergänzt: Michael Hieslmair und Michael Zinganel stellen Auszüge ihrer Arbeit „EXIT Karlsplatz“ zur Verfügung, die die alltäglichen Routen in diesem unterirdischen Wiener Verkehrsknotenpunkt illustrieren.
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02/12 Untergrund - Inhaltsverzeichnis

A symbol that we lost control
Eine Annäherung an die Bedeutung von Graffiti im öffentlichen Raum
Roman Häbler
 
Leere Hallen
Nicht-Ort, Dead Mall, Möglichkeitsraum – Beobachtungen 
in der Grazer Annenpassage
Robin Klengel
 
Coming out aus dem Untergrund 
Transidente Alltagserfahrungen in unserer Gesellschaft
Stephanie Tomschitz
 
„Metal ist Underground“
Zum Verständnis von Underground in der österreichischen Metal-Szene 
Susanne Sackl
 
Undergroundfilme in Iran 
Hamid Hosravi
 
„Untergrunduniversitäten“ zwischen 
Wissensproduktion, Pathos und Alltagswelt  
Marketa Spiritova
 
Rote Heimat und ihr Underground 
Milan Knížák und seine künstlerische Revolte in 
der ehemaligen sozialistischen Tschechoslowakei
Zuzana Biľová
 
„In Russland gibt es keine Zivilgesellschaft“ 
Ist es eine Chance oder ein Mangel der Revolution?
Olga A. Reznikova
 
Überarbeiten
Wissenschaftliche Schreib-Szenen
Klara Löffler
 

02/12 Untergrund - Leseprobe

Leere Hallen
Nicht-Ort, Dead Mall, Möglichkeitsraum – Beobachtungen in der Grazer Annenpassage
Robin Klengel
 
Prolog
 
Langsam und stetig befördert mich die Rolltreppe abwärts in die Passage. Es ist dieser spezielle, undefinierbare Geruch von Verbrauchtheit, der mir entgegenströmt und der, vermischt mit dem gelblichen, elektrischen Licht der Atmosphäre des Ortes einen schummrigen Beigeschmack gibt. Unten erwartet mich ein langer, niedrig wirkender Gang, vielleicht 100 Meter lang, beiderseitig mit Geschäften umsäumt. Es ist wenig los. Vereinzelte Personen bewegen sich über den graubraunen Marmorboden. Die leerstehenden Lokale sind in der letzten Zeit noch zahlreicher geworden. Rechts den Ein-Euro-Shop gibt es noch, in einem Modegeschäft auf der anderen Seite hängen riesige, selbstgezeichnete Abverkaufsschilder in der Auslage. Die Brot-vom-Vortag-Bäckerei neben dem Videospiel-Gebrauchtwarenhändler hat erst kürzlich zugemacht. 
Bei der Abzweigung folge ich dem Korridor nach rechts bis zu einem dreistöckigen Atrium. Hier bin ich ganz alleine, nur die Rolltreppen laufen im Dauerbetrieb. Sie mahlen vor sich hin, nur für sich selbst. Ihr gleichmäßiges Rauschen untermalt die Leere. Aus Lautsprechern ertönt 90er-Jahre-Popmusik, die im Raum widerhallt. Hinter den Rolltreppen im Erdgeschoss verbirgt sich ein Piercing-Studio, etwas weiter links der Hintereingang eines Wettcafés. KundInnen sind keine in Sicht. Seit Kurzem hat auch der kleine Friseur im Untergeschoss zugemacht. In den vielen Spiegeln reflektiert sich die Leere.
Dies ist kein Einkaufszentrum mehr, dies ist etwas Anderes.
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