2/06 Gerüchte - Leseprobe

Jutta Dornheim
Die Wasser kauenden Enten der Herta M.
Kulturpoetische Betrachtungen zur Verleiblichung von Gerüchten

I. Ein Gerücht - drei Enten - ein Leib
Er esse mit goldenem Besteck, und die Wasserhähne in seinem Bad seien aus purem Gold - so wurde in Rumänien über den Diktator Ceausescu gemunkelt. Herta Müller berichtet es in ihrem autobiografischen Text "Der König verneigt sich und tötet"; sie resümiert: "Ich hielt das Gerücht für eine Spinnerei, es klang wie die dümmliche Vorstellung der Habenichtse vom Reichtum". 
Doch das Gerücht verfolgt sie. Und offenbar muss sie gestalten, was das Geraune mit ihr machte, Jahre noch, nachdem sie aus Rumänien geflohen war und bereits in der Bundesrepublik Deutschland lebte: "An der Lahn kamen drei weiße Enten als Vergangenheit. Mir wurde übel im Magen von ihrem Wasserkauen und schwindlig im Kopf, der Fluss glänzte und hob sich. Ist das Beschädigung, wenn an intaktem Ort, tausend Kilometer vom Elend entfernt, der verabscheute Herrscher einem sein Gold buchstäblich in die Eingeweide drücken kann". Nicht nur der Magen der Erzählerin revoltiert; den Druck des glänzenden Metalls spürt sie im Gedärm. Aber auch im Kopf. Doch ihre Frage ‚Ist das Beschädigung ...?' zeigt sich als Niederschlag einer umfassenderen Perspektive, einer Perspektive, die über das Körperliche hinausweist. Es ist die Perspektive des Leibes. Ist es sinnvoll, diese Unterscheidung zwischen der Perspektive des Leibes und der des Körpers zu machen? Ist es sinnvoll zumal, wenn wir die Darstellung des Erlebens von Gerüchten verstehen wollen?
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2/06 Gerüchte - Inhaltsverzeichnis

Die Wasser kauenden Enten der Herta M. 
Kulturpoetische Betrachtungen zur Verleiblichung von Gerüchten
Jutta Dornheim 


Die Raser vom Balkan. 
Bemerkungen zur Inszenierung eines Medienspektakels
Christine Bischoff 

Besieged by Rumors 
Zur Dynamik von Gerüchten in politischen und gesellschaftlichen Konflikten
Sönke Friedreich 

Gerüchtsgenealogie Geschichte, Gedächtnis und Gerüchte in Kamerun
Pamela Feldman-Savelsberg 

„Dem Vernehmen nach“ 
Zu Wert und Gegenwert von Gerüchten im ländlichen Raum der Vormoderne
Ira Spieker 

Wie alt sind modern legends?
Alfred Messerli 

9/11- fünf Jahre danach 
Über Voraussetzungen und Folgen des Erzählens von Gerüchten und gegenwärtigen Sagen
Ingo Schneider 

Drohende Dornfinger, wilde Waller 
Gerüchte und Sagenhaftes aus dem Tierreich
Bernd Rieken

Überlegungen zum Erfolg von Gerüchten und Verschwörungstheorien 
Oder: Warum wir glauben, was wir glauben wollen
Stephan Gill 

Das „spezifisch Negroide“ und seine weißen Freunde 
Anmerkungen zur Soul-Rezeption in der Bundesrepublik
Moritz Ege 

2/06 Gerüchte - Editorial

Ein Gerücht – das ist das, was uns neugierig macht, auch wenn wir wissen, dass es nicht die Wahrheit verkündet. Aber ist das nicht auch ein Gerücht? Das jedenfalls steht fest: „wo Gerüchte wabern, ist auch der Leib gefordert“. Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Jutta Dornheim macht bewusst, wie Gerüchte unter die Haut gehen und dabei selbst die Kraft einer Leib und Leben bedrohenden Realität gewinnen können. Sie folgt der rumänischen Schriftstellerin und Dissidentin Herta Müller, die von der Wirkung von Gerüchten auf den eigenen Körper erzählt, davon wie der lange Arm politischer Gerüchte einer erlittenen Diktatur das Leben selbst im demokratischen Westen noch zu greifen vermag.

Aber Gerüchte sind nicht an Diktaturen gebunden. Nirgends blühen Gerüchte so üppig, wie in Printmedien. Und dies obwohl – oder besser gerade weil, Gerüchte keinen identifizierbaren Urheber haben, der den Wahrheitsgehalt nach gebotener Recherche bestätigen müsste, wie es etwa ein seriöser Journalismus verlangt. Die Basler Kulturwissenschaftlerin Christine Bischoff leuchtet hinter Medienberichte zu illegalen Autorennen. Berichte, die soziale Konflikte zu unwiderlegbaren „Tatsachen“ ethnischer Charaktereigenschaften stilisieren. Ob die Sache wahr oder falsch ist, scheint dabei keine Frage wert zu sein, wichtig allein ist, dass die Geschichten für wahr gehalten werden.
Der „schlechte Ruf“, kann auch bewusst hergestellt werden, lanciert als „vox populi“, womit Meinungen so gelenkt werden, dass sie zum politischen Potenzial anwachsen können. Der Volkskundler Sönke Friedreich (Dres-den) erinnert, wie die Yippies diese bewusste Strategie einsetzten, um damit das Establishment gehörig herauszufordern, was schließlich in gewalttätigen Polizeiaktionen mündete. Gerade unsichere Zeiten, historische Ausnahmeereignisse und Zustände sind ein garantierter Nährboden für Gerüchte, wobei sich die Wirkung meist einer Legierung aus traditionellen Bildern und Vorstellungen verdankt. Die Geschichten werden glaubhaft, weil ihnen das kollektive Gedächtnis einen faktischen Status verleiht. Die amerikanische Kulturanthropologin Pamela Feldman-Savelsberg führt uns nach Kamerun, wo sie eine Genealogie von Gerüchten auffindet, die in den aktuellen ethnischen und globalen Spannungen eine eminente Rolle spielen. Die als Gerücht oder als Verschwörungstheorie zum Ausdruck gebrachten Ängste verarbeiten gewissermaßen die Krisen und soziale Spannungen und treiben sie auch weiter.

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