2/13 Bilden - Leseprobe

Paul Mecheril und Andrea J. Vorrink
Selbst(bildung) und Differenz(ordnungen). Das Beispiel HartzIV1


Im vorliegenden Artikel wollen wir den Versuch unternehmen, das Verhältnis von Erfahrungen und Selbstrepräsentationen zu Differenzordnungen – und dabei die in diesem Verhältnis eingelagerten Bildungsqualitäten – exemplarisch mit Bezug auf die juridisch, materiell, aber auch kulturell vermittelte Subjektivierungsform  „HartzIV“ herauszustellen. Im Folgenden beziehen wir uns so auf den Zusammenhang Subjektivierung – Differenz – Bildung, dass eine Idee von individueller Handlungsfähigkeit und struktureller Gewordenheit deutlich wird. Hierbei geht es darum, Herrschaftsverhältnisse und Möglichkeitsräume von Differenzverhältnissen in Rechnung zu stellen und die spannungsvolle Eigenart dieser Verhältnisse weder in einer subjektidealistischen noch einer strukturdeterministischen Konzeption zu verkennen.

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2/13 Bilden - Inhaltsverzeichnis

Selbst(bildung) und Differenz(ordnungen)
Das Beispiel HartzIV
Paul Mecheril & Andrea J. Vorrink

Das E-Portfolio
Eine mediale Technologie zur Herstellung von Kontrolle
und Selbstkontrolle in Bildungsprozessen
Ramón Reichert    

Von „Sprachvorbildern“ und „Mischungsverhältnissen“
Zugriffsweisen auf Kindheit in Institutionen
der frühkindlichen Bildung in Berlin
Isabel Dean

Bildungssemantiken und Bildungspraktiken
Ethnografische Perspektiven
Sophie Reimers & Stefan Wellgraf

„Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst“
Bildungsprozesse in Gruppen
Ulrich Kirchgässner

Ethnofiction im Klassenzimmer
Audiovisuelle Selbstrepräsentation als Methode der Bildungsforschung
Bernadette Brunner & Kathrin Oester

Networks of Knowledge and Action  
(Re-)Thinking School Ethnography under the Focus of Multi-Sited Ethnography
Anja Kittlitz

Liquid Volkskunde  
Über einen Paradigmenwechsel, der merkwürdigerweise ausbleibt
Christoph Köck

2/13 Bilden - Editorial

„Bildung ändert alles“, wirbt derzeit eine deutsche NGO auf überdimensionalen Werbeplakaten in der Münchner Innenstadt. Und kaum ein Tag vergeht, an dem die deutschsprachige Medienlandschaft nicht über Themen wie die PISA-Studie, die Hattie-Studie oder Reformen des Schul- und Universitätswesens diskutiert. Gleichzeitig steht nahezu jedem Reformversuch eine Studie gegenüber, die belegt, wie wenig er gegen die soziale Ungleichheit auszurichten vermag. Denn der Bildungssektor ist, wie uns etwa Pierre Bourdieu und Paul Willis gezeigt haben, ein Schauplatz sozialer Kämpfe und dient sowohl der Transformation als auch der Verfestigung sozialer Verhältnisse. Mit diesem Umstand sind auch wir selbst als Wissenschaftler_innen immer wieder konfrontiert, unterliegen wir doch ebenso aktuellen Bildungskonzeptionen beziehungsweise gestalten die-
se selbst mit.

Es ist also mehr als an der Zeit, sich mit der Thematik aus einer kultur- respektive sozialanthropologischen Perspektive auseinanderzusetzen. Konzeptuell ist das Feld jedoch bislang vornehmlich durch Theoretiker_innen der Erziehungswissenschaften und der Bildungssoziologie besetzt. Gleichzeitig verstehen sich die Bildungswissenschaften allerdings als interdisziplinär und nicht erst seit Paul Willis Studie „Learning to Labour“ ist Bildung auch Interessensgegenstand der Kulturwissenschaften. Dennoch ist die kulturwissenschaftliche Stimme in den Debatten um Erziehung und Bildung bis heute eine kaum vernehmbare und nimmt sich derzeit wenn überhaupt vor allem der Universitäts- und Wissenschaftsforschung an. So fragt beispielsweise der Kulturwissenschaftler Andreas Wittel, wie Bildung zum Gemeingut, zum commons werden kann, wenn Bildung zunehmend Hand in Hand mit Ökonomisierungs-, Regionalisierungs- und Globalisierungstendenzen geht.1 Gerade aber eine kulturwissenschaftliche, ethnographische Perspektive ermöglicht es, Praxen, Figurationen und Subjektivierungen in den Blick zu nehmen, um so einen ganz spezifischen Beitrag zur Bildungsforschung zu leisten.

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