Der Begriff der Figur reklamiert neue Aufmerksamkeiten. Wir kennen ihn aus der Alltagssprache ebenso wie aus der Wissenschaftssprache. Beide sind nicht gänzlich verschiedene ethymologische Register, es unterscheidet sie die Benennungsabsicht. Alltagsäusserungen wie: „In diesem Anzug macht er eine komische Figur!“ oder „An ihrer Veranstaltung hat sie eine gute Figur gemacht!“ spielen auf den begrifflichen Kontext einer öffentlichen Situation an. Eine andere Bedeutungsdimension evoziert Körperlichkeit, wenn etwa mit „Figur“ Form und Fülle des Körpers, die Norm der „schlanke Linie“ verstanden wird. Als fachlicher terminus technicus ist der Begriff der Figur unter anderem in der Theatersprache und in den Literaturwissenschaften zuhause. Die Figuren von Dostojewski sind Legende in der europäisch-bürgerlichen Kultur. Annette Kolbs brillant gezeichnete Romanfiguren sind alternative exemplarische Entwürfe von Frauengestalten, die der Wirklichkeit zwar abgerungen, als literarische Figur jedoch stilisiert sind, ausgeschmückt und übertrieben, um Reiz und Spannung der Lektüre an die LeserInnen bringen zu können.
In Theater, Musik, Tanz und Literatur sind Figuren Überzeichnungen, Verdichtungen angehefteter Eigenschaften zu erkennbaren Profilen, was nichts anderes heisst als ihre Stereotypisierung. Dürfen nun Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen, deren Anliegen die kritische Gesellschaftsanalyse ist, mit dergestalten Kunstgriffen der Typisierung arbeiten? Oder müssten sie sich nicht, im Gegenteil, an möglichst realitätsnahe Beschreibungen von Menschen halten, um Individuen in ihren Besonderheiten gerecht zu werden? Dürfen SoziologInnen zum Beispiel verdichtete Beschreibungen des Typischen einer sozialen Gruppe vornehmen, eines Geschlechts- oder Altersgruppe oder sogar – noch heikler – einer nationalen oder kulturellen Zugehörigkeitsgruppe, mit dem Ziel, bestimmte Probleme eines schichtspezifischen Habitus zu veranschaulichen? Dürfen EthnologInnen Angehörige fremder Gesellschaften als MerkmalsträgerInnen darstellen jenseits von agency, dem intentionalen Handeln, das Individuen ausmacht und unterscheidet?


Neuere Begriffsformulierungen nehmen hier eine kritische Perspektive ein, wenn sie epistemische Verdichtungen als „Denkfigur“ heranziehen, die zur heuristisch gewinnbringenden Methodologie der Erschliessung kultureller Ambivalenzen wird. Eine „Denkfigur“ verstärkt Komplexität, während die „Sozialfigur“ sie reduziert. Das „Figurativ“ wiederum bedeutet die Kontextualisierung einer Denkfigur. Der Begriff lenkt die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf den komplexen Zusammenhang des Dispositivs, in dem sich „Figuren“ in der Regel eingebettet finden, wie es u.a. in dem Band „Das Figurativ der Vagabondage von Johanna Rolshoven und Maria Maierhofer (2012: S.9-29) herausgearbeitet wird (vgl. auch Rieger in diesem Heft).
Mit dieser Ausgabe zum Thema „Figuren“ schließt der Kuckuck an Vorstellungen an, welche die komplexen Gesellschaften unter anderem durch Typisierungen von Personen als soziale Figuren strukturiert sehen. Diese Überlegungen haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, sind aber keineswegs neu, wie etwa Christiane Schwab in ihrem Beitrag zu dieser Kuckuck-Ausgabe zeigt. Schon Louis-Sebastien Mercier hat in seinem Tableau de Paris (1780ff.) verschiedene Personen im Paris des 18. Jahrhunderts in den Blick genommen und seither ist eine Fülle an Beschreibungen von und Auseinandersetzungen mit sozialen Figuren dazu gekommen. Erinnert sei nur an Georg Simmel, an Robert Ezra Park und die Chicago School of Urban Sociology, an Max Weber, Alfred Schütz oder an Orrin Klapp, die sich auf je verschiedene Weisen mit sozialen Figuren auseinandergesetzt haben, wobei diese Figuren ihrerseits – und hier sei auf eine Tradition seit Norbert Elias hingewiesen – in Figurierungsprozesse eingebunden sind. Bedeutsam scheint uns dabei, dies hat Moritz Ege in seinem anspruchsvollen Buch „Ein Proll mit Klasse“ (2013) gezeigt, dass es sich bei Figurierung um einen kulturellen Prozess handelt, „der einen wichtigen Beitrag zur Reproduktion sozialer Ungleichheit leistet“ (S. 37). Dies nimmt der Beschäftigung mit sozialen Figuren als Zeichenträger ihrer Klasse und Schicht ihre scheinbare Unschuld, weshalb sie in eine kritische Auseinandersetzung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Feldern eingebettet werden muss.
Moritz Ege nimmt in seinem Beitrag den „Chav“ als ein Beispiel für eine stereotype Unterschichts-Figur ins Visier und arbeitet jene methodologischen Herausforderungen heraus, die sich bei der Kulturanalyse eines solchen Phänomens stellen. In der Tradition der Cultural Studies fragt er erstens nach den Conjunctures, also nach den spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen, in der solche Figuren „entworfen“ werden, und zweitens danach, wie eine gesellschaftskritische Kulturwissenschaft dieses Thema behandeln kann.
Den Schwierigkeiten des Umgangs mit sozialen Figuren spürt auch der Aufsatz von Maximilian Jablonowski nach. Er widmet sich der Figur des Flüchtlings, wie er in unterschiedlichen Kontexten von den Sozialwissenschaften konzipiert wurde und wird, und belegt damit die Gefahr, die in einer potentiellen Stillstellung eines komplexen Phänomens im Modell einer Sozialfigur liegt. Politisch zwingend gilt es daher, einen Migranten oder Flüchtling als kontextualisierte Konfiguration zu betrachten, um die ideologische Durchdringung ihrer Figurierung zu dechiffrieren.
Einen ethnographischen Einblick in die Sozialfigur des Flaschensammlers bzw. der Flaschensammlerin bietet Alexandra Rau, die für ihre Magisterarbeit dem Phänomen Flaschensammeln in München nachgegangen ist. Im Certeauschen
Sinne könnte von einer Taktik gesprochen werden, die Menschen in prekären Verhältnissen einen Zusatzverdienst ermöglicht, dementsprechend werden die Ergebnisse auch im Zusammenhang mit jüngeren Theorien zu sozialer Ungleichheit interpretiert. Indirekt lassen sich die FlaschensammlerInnen als urbane Ethnographen lesen, weil ihren Fährten folgend eine Topographie städtischer Ausgeh- und Vergnügungsszenen gezeichnet werden könnte.
Als suspekte „Figur“ der städtischen Nacht-
welten untersucht Ruth Eggel Grazer Türsteher als eine vorwiegend männliche Berufsgruppe, deren Repräsentationen sich zwischen Heroisierung und Angstbesetzung bewegen. In den Blick genommen werden die nächtlichen (Übergangs)Räume, in denen sie sich bewegen und die sie bewachen, ihre Arbeitsbedingungen und die Stigmatisierungen, denen sie ausgesetzt sind. In der Unwägbarkeit des Nachtraumes sind Türsteher zwiespältige Ordnungsgaranten, die Konflikte zugleich auslösen wie regulieren.
Ausgehend von einer heute manchmal abwertenden Verwendung des Begriffs nimmt Eva Kreissl eine kulturhistorische Skizze der Figur der Tante vor. Mit Belegen aus Filmen, Literatur, populären Medien und lebensgeschichtlichen Erinnerungen skizziert sie Vorurteile und stereotype Vorstellungen, die über die Tante existieren. Sie belegt damit, dass Sozialfiguren vorurteilsbeladene Verdichtungen von Vorstellungen sind, die auf reale Personen gemünzt werden. Auch wenn die Tante real und durchschnittlich ist, repräsentiert sie etwas, das sie nicht sein sollte.
Wie zuvor erwähnt blickt Christiane Schwab auf eine frühe Hochphase der Beschäftigung mit sozialen Figuren zurück. Vor allem ab 1830 wird eine Fülle von Werken in Europa publiziert, die sozialen Figuren in einem nationalen oder urbanen Kontext gewidmet sind. Durch „anekdotische Personalisierungen“ und Ausdrucksformen, die sich u. a. auch in sprachlich-visuellen Repräsentationsformen – in „Visiotypen“ – ausdrücken, können, so Schwab, soziale Makroordnungen sichtbar gemacht und kulturelle Vielfalt vermittelt werden. Die Paradigmatisierung von Figuren erscheint so als ein Mittel, kontingente gesellschaftliche Entwicklungen fassbar zu machen
Elisa Riegers philosophisch-kulturwissenschaftlicher und begriffsgenetisch angelegter Essay schließlich wirft einen Blick auf ganz grundsätzliche Erkenntnisinteressen der „Figurationen des Sozialen“. Für ihre Kreateure oder Konstrukteure sind Figuren Modi der Distanzierung, während sie sich für ihre RezipientInnen als Diskurse darstellen. Das macht sie per se suspekt und brisant. Hier gilt es, das zeitgenössische Verlangen nach Eindeutigkeit zu hinterfragen, das dem fragmentarischen Charakter des Sozialen ebenso diametral entgegen steht wie den Erkenntnisinteressen einer Ethnographie, die den Prozess des Denkens erst hervorbringt.
Die Ereignisse um die aktuellen Pariser Anschläge auf die Redaktion der Satire- und Karikaturzeitschrift Charlie Hebdo, ihre Folgen und Reaktionen in der Öffentlichkeit rufen nach einer weiteren vertiefenden Auseinandersetzung mit Sozialen Figuren, ihren Visiotypen, Reduktionen und Differenzierungen im Hinblick auf Rezeptionen, Kontextualisierungen und Konsequenzen.
Hierzu möchten wir anregen und wünschen in diesem Sinne allen Leserinnen und Lesern des Kuckuck ein nachdenkliches Neues Jahr und eine anregende Lektüre!

Johannes Moser & Johanna Rolshoven