Praxen, die auf Allmende abzielen, scheinen in den letzten Jahren im Alltag kontinuierlich an Bedeutung gewonnen zu haben. Unter anderem haben die Informations- und Vernetzungsqualitäten digitaler Medien zu alternativen und (in)formellen Ökonomien, wie z.B. Tauschnetzwerken, und deren Präsenz im Alltag einer breiten Öffentlichkeit beigetragen. Diese Entwicklung nehmen wir zum Anlass, dem historischen Begriff der Allmende eine Ausgabe zu widmen und ihn gleichsam auf seine Anwendbarkeit auf gegenwärtige Phänomene des Gemeinsamen zu befragen.

Der Begriff Allmende verweist auf zwei Konzepte. Zum Ersten beschreibt dieser materielle Ressourcen, die aus rechtlicher Perspektive jenen Teil des Gemeineigentums bezeichnen, der von Gemeindemitgliedern benutzt werden darf. Darunter sind Land, Wald Seen oder Rohstoffe zu verstehen, welche in endlicher Form zur Verfügung stehen. Zum Zweiten meint Allmende immaterielle Ressourcen, wie Wissensbestände, Ideen, Bräuche oder Traditionen, auf die zugegriffen werden kann.

Während Allmende in seiner historischen Bedeutung in Form von materiellen Ressourcen wie Landschaften oder Gemeindegütern auftrat, spielen heute wissensbezogene Ressourcen sukzessive eine wichtigere Rolle und werden von unterschiedlichen AkteurInnen verhandelt. Dabei stehen oftmals Konzepte der Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Ökonomie im Vordergrund. Alltagskulturell zeigt sich dies anhand neuer Formen des Teilens, Tauschens und des Gemeinsamen, die unter dem Konzept der Sharing Economy respektive Collaborative Consumption subsumiert werden.

Die vorliegende Ausgabe will Praktiken, AkteurInnen, Strategien, Räume und Gegenstände des Gemeinsamen in den Blick nehmen um gegenwärtige Bedeutungen von Allmende im gelebten Alltag fassbar zu machen. Die Beiträge der Ausgabe versammeln theoretische Auseinandersetzungen mit Allmende und deren Erforschung und geben anhand von Beispielen aus der empirischen Forschung Einblicke in gegenwärtige Praxen des Gemeinsamen. Dabei werden sowohl ökonomische und politische Aspekte im Kontext von Allmende analysiert, als auch sozialen und kulturellen Sinnzusammenhängen nachgespürt.

Den Anfang macht Dieter Kramer, der es als notwendig für die kulturwissenschaftliche Erforschung von neueren Formen des Geimeinnutzens erachtet, sich Gedanken über das begriffliche Umfeld und dessen Zusammenhänge zu machen. Sein Beitrag widmet sich dieser Feststellung folgend Überlegungen zu Commons, Gemeingut und Genossenschaften.

Britta Acksel und Johannes Euler stellen in ihrem Beitrag die Frage, inwiefern sich Commons, verstanden als soziale Form von Gütern oder (Infra)Strukturen, und die Praxis des Commoning als Transformationsinstrumente begreifen lassen.

Der Landwirt Klaus Strüber und ein von ihm selbst gebautes quelloffenes Landwirtschaftsgerät, der Zwiebelleger, stehen im Zentrum von Andrea Vetters Beitrag. Ausgehend davon geht die Autorin der Frage nach, wie sich diese Formen von Open Source Hardware in Bezug zu Commons oder Allmende denken lassen.

Ausgehend von einer Bestimmung „alter“ und „neuer“ Commons, die durch die Krise zunehmend in Bedrängnis gekommen sind, skizziert Leo Kühberger Fragestellungen zur Erforschung von Agrargemeinschaften. Diese können als „Überreste der historischen Allmende“ begriffen werden und wurden bisher von der kulturanthropologischen Forschung weitgehend ausgeklammert.

Der Frage, inwieweit Containern respektive das Weiterverwenden von Abfall eine Form der Allmende darstellt, geht Frederike Müller-Späth in ihrem Beitrag nach. Dabei beleuchtet sie unterschiedliche Perspektiven wie eine kritische Haltung gegenüber einer "Wegwerfgesellschaft", die AkteurInnen des Containerns sowie die gesetzliche Lage.

In ihrem Beitrag rezensiert Miriam Feldmann die Ausstellung „Sparstadt. Zwischen Aushalten und Haushalten“, welche aus einer Kooperation zwischen der HafenCity Universität Hamburg und dem Hamburg Museum resultierte. Hierbei erläutert sie die, in der Ausstellung vermittelte, Vielschichtigkeit des Themas Sparen, die historische und lokale Sichtweisen mit einschloss.

Das Thema Kleidertausch erkundet Heike Derwanz anhand der Initiative Kleiderbücherei in Hamburg. Sie stellt fest, dass die Praxen und Handlungen der Akteurinnen in den Kontext einer Collaborative Consumption beziehungsweise Sharing Economy eingebettet werden können. Die Akteurinnen tauschen Kleidung aufgrund von kommunikativ-gemeinschaftlichen, ethischen sowie ökologischen Gründen.

Karl Richter-Trummer beschäftigt sich in seinem Beitrag anhand des Beispiels CouchSurfing mit Gastfreundschaft. Er zeigt auf, dass die AkteurInnen durch eine Schaffung an Vertrauen, persönlichen Beziehungen und einer flachen sowie dezentralen Struktur der Onlineplattform eine Praxis des Gemeinsamen entstehen lassen.

Der letzte Beitrag in dieser Ausgabe thematisiert Allmende vor dem Hintergrund des Städtebaus. Der Raum öffentlicher Straßen und Plätze bilde, so Georg Franck, durch die Architektur ein kollektives Gemeingut, welches von den AkteurInnen verhandelt und verwaltet wird.

Die Zeichnungen wurden von Konrad Bayer als Kunstinserat für diese Ausgabe zur Verfügung gestellt.

 

Barbara Frischling und Alexander Greie