Abwesenheit als Nicht-Wissen um etwas, als Vergessen und Nicht-Erinnern, als Ausschluss, als Lücke, als Fehlen und Verfehlen. Das Abwesende als Unsichtbares im Anwesenden lässt sich schwer fassen, denn sobald das Abwesende anwesend gemacht oder die Lücke zum Thema wird, hat diese bereits wieder Platz und Sichtbarkeit gefunden und ist schon nicht mehr abwesend. Zugleich hat die Abwesenheit eine ganz eigene Qualität und die Abwesenheit von Anwesenheit und die Anwesenheit von Abwesenheit kann, wie Lars Frers in „The matter of absence“ schreibt, ganz ohne logische oder sinnlich-sensorische Probleme koexistieren. In dem Zusammenhang schreibt er von einem Gefühl von „dislocation and disruption“, welches nicht aus der paradoxen Unterscheidung von An- und Abwesenheit, sondern aus der Störung von Erwartungen („disruption of expectations“) entsteht.[1]

Diese Störung von Erwartungen zum Thema und in dieser Ausgabe sichtbar zu machen, ist gewiss eine Herausforderung. Denn um das Abwesende überhaupt denk- und vorstellbar zu machen, müssen Fragen nach dem gestellt werden, was eben (noch) nicht da ist, nicht greifbar, nicht erwünscht, nicht erträglich, nicht gewollt, nicht erfüllt, nicht gegeben, nicht verfügbar, nicht erinnert oder einfach nach dem, was stört und nicht sein darf.

Das, was nicht sein darf, entzieht sich allzu leicht der Wahrnehmung und birgt somit die Gefahr des Übersehen-Werdens, des Ausgegrenzt-Seins, der Nichtbeachtung. Abwesenheit bietet aber auch Chancen, Möglichkeiten und Platz für Neues, ist Widerstand in einer Gesellschaft, in der die Forderung nach Anwesenheit, Teilhabe und -nahme, Sichtbarkeit und Verfügbarkeit allgegenwärtig scheint.

Um viele der genannten Aspekte kreisen die Beiträge dieser Kuckuck-Ausgabe. Robert Hübner und Yuka Meubrink stellen Fragen, wie Street Photography Ungleichheit und soziale Missstände aufzeigen kann, ohne zu einer Abstumpfung zu führen oder Voyeurismus zu betreiben. Gerade durch das Auslassen und durch die vermeintliche Abwesenheit des eigentlichen Sujets, könnten etwa Fragen aufgeworfen werden und Fotografie ihre gesellschaftskritische Wirkung erzielen.

In den Arbeiten Khaled Barakehs tritt die Brutalität der Gewalt in Syrien besonders deutlich durch ihre Abwesenheit hervor. Nur die durch das Ablösen der bedruckten Papierschicht zurückbleibenden weißen Leerstellen lassen erahnen, dass es sich um einen verwundeten, toten Körper handelt. Mit dieser Nicht-Sichtbarkeit und der stärkeren Sichtbarkeit des Krieges um den toten Körper herum, wird die Tragik des Verlusts besonders hervorgehoben.

Dass Abwesenheit Platz und Möglichkeiten schaffen kann, illustriert Sarah Bergbauer in ihrem Trialog „Ich, ich und Nina“, der die Abwesenheit und Präsenz im beruflichen Alltag einer Tänzerin sowie innerhalb einer Forschungsbeziehung und Freundinnenschaft thematisiert. Nähe und Distanz werden hierbei mit An- und Abwesenheiten ausgehandelt und finden sich auch in Fragen wieder, was es heißt Forscherin bzw. Beforschte zu sein und wie eine Forschungsbeziehung durch Abwesenheit (Distanz) von einer Freundinnenschaft (Nähe) unterschieden werden will und nicht kann bzw. kann und nicht will.

Bernd Rieken zeigt hingegen anhand einer Fallgeschichte aus der psychoanalytischen Praxis, dass Abwesenheit, in Erscheinung von Müdigkeit und Langeweile nicht nur Chancen, Platz und Möglichkeiten schafft, sondern ein Leben mitunter überschatten kann. Dabei beschreibt Rieken Müdigkeit, Langeweile und Gefühle von Sinnlosigkeit als spezifische Formen innerer Abwesenheit, die unbewusst, vorbewusst oder bewusst erreichen möchten, dass etwas nicht gesehen werden muss – und das seien in der Regel jene Bereiche, in denen es dunkel, trübe oder traurig ist.

Dass es mitunter unterschiedliche Vorstellungen und Ansprüche gibt, was oder wer wie anwesend sein soll, findet sich in Gerhard Schönhofers Beitrag zu Selbstepräsentationen von geflüchteten Jugendlichen innerhalb partizipativer Filmworkshop-Formate wieder. Dabei thematisiert Schönhofer anhand eines Fallbeispiels, was Sichtbarkeit für die unterschiedlichen Akteur_innen beudetet und dass Gefühle von Anerkennung und Sichtbarkeit nicht unbedingt mit den Ansprüchen der Workshop-Organisator_innen nach Anwesenheit und Teilhabe einhergehen müssen.

Christoph Ernst konzentriert sich in seinem Beitrag auf die Abwesenheit des Interfaces im ‚Ubiquitious Computing‘ und der Forderung nach dem Verschwinden bzw. der Unsichtbarkeit von Technologie im alltäglichen Gebrauch. Ernst stellt insbesondere Fragen nach ihrer Verfügbarkeit und Zugänglichkeit (‚Accessibility‘) und plädiert letztlich für einen komplexeren Begriff der ›verfügbaren Abwesenheit‹ von Technologie.

Farina Asche und Johanna Strunge zeigen in fünf Vignetten wie Abwesenheit im Museum als Teil der visuellen Ausstellungspraxis verhandelt wird, um marginalisierte Geschichte(n) sowie Institutions- und Selbstkritik sichtbar zu machen. Eine Verbindung von repräsentationskritischen wie institutionskritischen kuratorischen Zugängen wird dabei mit der Frage, was im Text selbst abwesend bleibt, stark gemacht und verdeutlicht, dass eine Auseinandersetzung mit dem Abwesenden für die kuratorische Praxis unabdingbar ist.

Über das Nicht-Wissen und unbeantwortbare Fragen über das Leben eines Menschen, dessen Hinterlassenschaft gesichtet wird, schreibt Christoph Dautermann in Anbetracht einer kompletten Wohnungseinrichtung, die der Sammlung des Museums Burg Linn in Krefeld angeboten wurde. Was lässt sich über die Lebensrealität eines Menschen sagen, wenn dieser nicht mehr befragt werden kann, wenn das, was er hinterlassen hat mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt und Vieles, was den Menschen im Laufe seines Lebens begleitet hat, nicht (mehr) in der Hinterlassenschaft zu finden ist?

Dass das Entfernen von Gegenständen und die gewollte Abwesenheit von Dingen mitunter auch Trends und Ordnungen unterliegt, zeigt uns Verena Strebinger, die sich mit dem Trend der “Capsule Wardrobes” beschäftigt. Dieser Beitrag handelt vom Entfernen von als „zu viel“ wahrgenommenen Kleidungsstücken, der Sehnsucht nach Ordnung und einem Lebensstil in dem nur das Nötigste anwesend sein soll. Aber was muss hier wieso eigentlich abwesend sein?

Die Wirkkraft dieser Trends und Ordnungen thematisiert Stefanie Mallon anhand ihrer Abwesenheit und der Unordnung in sogenannten Messiehaushalten. Im Gespräch mit deren Bewohner_innen zeigt sie, wie diese als „das Andere“ einer Wohnkultur inszeniert werden, die das Ideal des sozial erwünschten und medial repräsentierten Haushalts darstellt und in der Unordnung abwesend sein muss. Das disziplinierende Element der Abwesenheit von Unordnung zeigt sich in den Gesprächen insbesondere dadurch, dass die anwesende Unordnung zu Strategien des Vermeidens, des Isolierens, und Sich-Entziehens führt.

Die An- und Abwesenheiten in Texten, die die Komplexität eines Forschungsfeldes abdecken sollen, machen uns die Beiträge von Carolin Ruther und Katharina Steiner deutlich. Beide widmen ihre Beiträge der paradoxen Präsenz abwesender Körperteile und der Inkorporierung von Prothesen nach einer Amputation. Sie stellen in ihren jeweiligen Arbeiten Fragen nach der Bedeutung vermeintlich „unvollständiger“ und „behinderter“ Körper und sind in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten in direkter Beziehung zueinander zu lesen.

Julie Dawson und Răzvan Anton geben in ihrem Foto-Essay Einblick in das künstlerisch-wissenschaftliche EU-Projekt TRACES. Im Fokus ihres Beitrags liegen der Zerfall und die Spuren jüdischen Lebens in Mediaș, Rumänien, und die in diesem Zusammenhang entstandenen Drucke Antons. Dass diese inzwischen schon wieder verblasst und nur als digitales Abbild erhalten sind, vergegenwärtigt den ephemären Charakter des Vergangenen, der den beiden auf ihren Nachforschungen in Mediaș begegnet ist.

Die Fotoarbeiten von Lena Prehal, die zwischen den Beiträgen zu sehen sind, greifen die beim Lesen aufkommenden Fragen auf, indem ein genauer Blick  auf zwischenmenschliche und -dingliche Leerstellen geworfen und mit dem (Nicht-)Sichtbaren gespielt wird. Sichtbar werden dabei Abwesenheiten in unterschiedlichsten Nuancen: Was oder wer verbirgt sich in diesen Fotos? Was wird gezeigt und bleibt doch verborgen? Wohin (ver-)führen diese Fotografien und welche Geschichten spinnen sich bei den Betrachtenden fort?

Wir wünschen somit viele Seiten mit Ecken und Kanten, sodass nach dem Lesen Abwesenheiten auffallen, stören und zur Auseinandersetzung einladen. Denn selbst in einer Ausgabe zur Abwesenheit müssen unweigerlich Themen und Perspektiven abwesend bleiben.

 

Johanna Menhard
Johannes Moser



[1] Lars Frers: The matter of absence. In: Cultural Geographies 20 (2013) 4, S. 431–445, hier S. 434.