Der Griechische Begriff pathologia steht für die Lehre von der Krankheit bzw. die Krankheitslehre. Daraus ließe sich nun schließen, dass sich die vorliegende Ausgabe des kuckuck mit dem Krankhaftem, dem Abnormem befassen würde. Tatsächlich jedoch wird das Pathologische in kulturanthropologischen Fachdiskursen dekonstruktivistisch betrachtet: Es also nicht um die Festschreibung des ,Pathologischen‘, vielmehr um Prozesse der Pathologisierung. Dieses Heft behandelt folglich die Frage, wie Akteur_innen, Praktiken oder Objekte als kulturell als krank bzw. krankhaft konstruiert werden.

Ausgehend von dieser Perspektive möchte dieses Heft keine Zurschaustellung von ,Kranken‘ und Leidenden vollziehen, keine Befriedigung eines Voyeurismus bieten, keine Blicke auf das Abartige und Abnorme verschaffen und schon gar kein Othering betreiben. In ihrer thematischen Heterogenität zeigen die Beiträge in dieser Ausgabe, wie unterschiedlich Pathologisierungsprozesse wirken. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf machtdurchzogene Herstellungen von ,Normalität’ und ,Gesundheit’, die erst durch die Abgrenzung vom ,Abnormalen’ und ,Kranken‘ möglich wird. Gesellschaftliche Machtverhältnisse kommen im alltäglichen Handeln der Akteur_innen zum Ausdruck: in Form von widerständigen Praktiken, Umdeutungen, Aneignung der pathologisierten Zuschreibung, Entziehung von dieser sowie im Einfordern von Teilhabe an der Deutungsmacht.


Die Autor_innen dieses Heftes erforschen verschiedene Prozesse von Pathologisierungen aus historischer, repräsentationsanalytischer, ethnografischer, autoethnografischer wie auch diskursanalytischer Perspektive. Ihre  Beiträge zeigen wie Pathologisierungsprozesse und ,Gegenstrategien‘ den Alltag der Akteur_innen wechselseitig konstituieren.

Eröffnend zeigt Anna Kurowicka wie Asexualität als gesellschaftlich pathologischer Zustand verhandelt wird. Am Beispiel von Sheldon Cooper aus der Fernsehserie „The Big Bang Theory” verdeutlicht sie, wie Heterosexualität als Werkzeug zur vermeintlichen ,Heilung‘ von Asexualität und autistischen Persönlichkeitsmerkmalen dargestellt wird.

Barbara Frischling diskutiert die Pathologisierung des Körpers, des Alltags und Lebensstils, durch die Betrachtung von Fitnessarmbändern und -Apps als Mittel zur (Selbst-)Überwachung und Optimierung des Selbst. In ihren ethnografischen und autoethnografischen Erkundungen wird Fitness zum ,Normalzustand‘ des ,Gesunden‘. Durch die kontinuierliche Disziplinierung und Überwachung des Körpers wird schlussendlich der Alltag selbst pathologisiert.

Wenn Pathologisierungen besprochen werden, ist eine Erwähnung der Medizin beinahe unvermeidbar. Ausgehend von einer Autoethnografie thematisiert Cornelia Renggli den Untersuchungstisch als einen Ort, an dem entschieden wird, was als ,normal‘ bzw. ,gesund‘ und ,krank‘ anzusehen ist.

Hans-Peter Weingand zeigt mit einer historischen Perspektive die abwechselnde Pathologisierung und Kriminalisierung von homosexuellen jungen Männern um 1900. Die begleitenden Aushandlungprozesse und Diskurse stellen die heteronormativen Vorstellungen in Frage. Aus akteurszentrierter Persperktive werden diese Aushandlungsprozesse durch stolze Selbstpräsentationen von homosexuellen Personen in den historischen Quellen sichtbar.

Verschiedene Praktiken der Entziehung aus einem pathologisierenden Diskurs beschreibt auch Anna Eckert für den ,abweichenden‘ Zustand der Arbeitslosigkeit. Der von staatlichen Institutionen vorgenommenen Pathologisierung der Arbeitslosigkeit werden individuelle Deutungen der Situation durch die Akteur_innen entgegengesetzt.

Dass eine Pathologisierung eng mit einer Normalisierung in Zusammenhang steht, wird im Beitrag von Stephan Pühringer und Judith Egger deutlich. Die Autor_innen befassen sich mit dem pathologisierten Wirtschaftssystem während und nach einer Krise und der Gegenüberstellung der Konstruktion eines ,gesundes‘ Zustandes des Kapitalismus, der mit der entsprechenden ,Behandlung‘ versucht wird wiederherzustellen.

Einem digitalen Feld widmet sich Harald Koberg mit der Frage nach der ,Gefahr‘ von Gewaltdarstellungen in Computerspielen. Seine Betrachtung fokussiert auf Zuschreibungen des Pathologischen durch jene Akteur_innen, die selbst nicht aktiv am Feld teilhaben.

Im Gegensatz dazu stellt Christine Schmid in ihren Ausführungen zur Psychiatrie jene psychiatrischen Begleiter_innen in den Mittelpunkt, die selbst bereits Erfahrung mit Psychiatrie und psychiatrischer Behandlung gemacht haben. Im Vordergrund stehen dabei jedoch nicht die Pathologien der Psychiatrie, sondern die Expertise der Genesungsbegleiter_innen zu psychischem Leiden.

Zwischen einer Pathologisierung der Akteur_innen und der Aneignung der Situation durch Gestaltung ist auch der Kunstbeitrag in dieser Ausgabe zu sehen. Er setzt sich aus Zeichnungen von Nabeel Taha und Mostafa Kassem zusammen, die im Herbst 2015 im Rahmen des Grazer Refugee-Protest-Camps entstanden. Dieser selbstorganisierte Protest machte auf die Situation von Geflüchteten in bürokratischen Strukturen, die über deren Bleiben oder Gehen entscheiden, aufmerksam.

Eine anregende und bereichernde Lektüre sowie schönes Blättern wünschen

Barbara Frischling

Elisabeth Luggauer

Ruth Dorothea Eggel