Zufall lässt Deutungsmöglichkeiten offen, dort wo kausale Erklärungen nicht mehr greifen. Gleichsam hat er damit den Beigeschmack des Erlebnishaften und Abenteuerlichen und erscheint als Sehnsuchtsort der Spontaneität und der Befreiung aus einem berechnenden und kontrollierenden Korsett. Die Beiträge der vorliegenden Ausgabe des Kuckucks zeigen jedoch: Zufall muss nicht notwendigerweise das Gegenteil von Berechnung und Kontrolle sein, sondern geht auch oft eine Komplizenschaft mit der Kalkulation ein – und wird etwa schon längst ökonomisch nutzbar gemacht. Aus kulturanthropologischer Sicht scheint es deshalb wichtig, Zufall zu thematisieren und als oft nur scheinbar „zufällig“ zu entlarven, etwa wenn es um Determinanten sozialer Ungleichheiten geht. Die aktuelle Ausgabe versammelt Beiträge aus verschiedenen Disziplinen zum Thema und fragt danach, welche Rolle Zufall im jeweiligen fachlichen Zusammenhang spielt. Von chaosthereotischen Gedanken über eine musikwissenschaftliche Betrachtung bis zu theologischen Überlegungen reicht diesmal die Bandbreite an Texten. Die versammelten kulturanthropologischen Beiträge versuchen den Zufall in alltäglichen Kontexten zu greifen.
Rainhard Z. Bengez schreibt über ein Konzept, das das aktuelle Zeitalter in besonderer Weise von vorangegangenen abgrenzt: Wahrscheinlichkeit und Zufall, ohne die heutige Geld- und Kapitalmärkte und Versicherung nicht denkbar wären. Er rafft die Geschichte von Wahrscheinlichkeit und Risiko von der Antike bis zur heutigen – jenseits von Schicksalsängsten von Gestaltungswillen geprägten – Zeit zusammen.

Ina-Maria Greverus macht sich mit der Figur des Kamels auf die Suche nach Serendipity und dem Zufall, den sie im Prinzip des Reisens findet. Ihre Gedanken wandern von den schweifenden Ethnolog_innen über Sprache als Form sinnlicher Forschung bis zur Möglichkeit des bösartigen Zufalls. Maria Schwertls Gedanken kreisen ausgehend von eigenen Feldforschungserfahrungen rund um das Thema der Komplexität. Sie fragt danach, inwiefern sich Ethnographie als Methode eignet, um komplexe Phänomene zu beschreiben und stellt mit Marilyn Strathern fest, dass Komplexität keine Frage des Maßstabs und damit weder an das Konkrete noch an das Abstrakte gebunden ist. Verschiedene Ansätze – von Post-ANT bis zu mobiler Feldforschung – versuchen diese Komplexität zu fassen.
Lena Kohl schreibt über Mitfahrgelegenheiten und -geschichten, die sich rund um das Unerwartete beim Mitfahren spannen. Anhand von Texten über dieses Phänomen analysiert sie die Verknüpfung des funktionalen (pragmatischen) Reisezwecks mit dem Reiz des Zufalls und dem Umgang mit Unwägbarkeiten.
In dem essayistischen Streifzug durch medizinanthropologische Notizen zum Thema Transplantationsmedizin verdeutlicht Katrin Amelang sogenannte Kausalitätslücken in medizinischen Erklärungsketten. Diese offenbaren sich vor allem in der Kluft zwischen medizinisch-statistischer Berechnung und Erklärungsmustern, die auch für die Betroffenen zufriedenstellend sind bzw. zwischen rationalen Erklärungen und vermeintlich irrationalen Vorstellungswelten.
Andreas Pirchners Beitrag nimmt verschiedene Arten des Einsatzes von Zufall in der Musik in den Blick. Im Mittelpunkt stehen dabei Strategien, die von Komponist_innen entwickelt wurden um zufällige Elemente in die Kompositionen zu integrieren. Die Beispiele von unter anderem John Cage und Iannis Xenakis verdeutlichen dabei die enge Verwobenheit von Zufall und Kontrolle sowie das Bedürfnis Zufälliges kontrolliert einzusetzen.
Gerd Möll und Ronald Hitzler schreiben über das in den letzten Jahren einen weltweiten Boom erlebende Phänomen Poker. Gleichzeitig Glück- und Geschicklichkeitsspiel finden die Spieler_innen beim Poker eine Ambivalenz vor, die ihr Selbstverständnis zwischen eigenem Können und (unglücklichem) Zufall, kurzfristigem Risiko und langfristigem Gewinn prägt.
Anna-Carolina Vogel beleuchtet den Kontingenzbegriff, der im Gegensatz zum Zufall nicht auf das Unerwartete beschränkt ist, sondern als eine Handlungsorientierung taugt, und seine Bedeutung in der kapitalistischen Geldökonomie. Zentral ist dabei die Bewertung von Risiken und Chancen, auf Basis wirtschaftswissenschaftlichen Wissens, ebenso wie die Komponente Vertrauen.
Hans H. Diebner geht von einem pluralen Zufallsverständnis aus, indem er feststellt, dass in Bezug auf diesen Begriff eine ontologische Mehrdeutigkeit vorliegt. Am Beispiel der Populationsdynamik geht er dem Wesen des Zufalls in der Chaostheorie auf den Grund.
Peter Vogt schreibt über das Verhältnis Gott und Zufall und wie sich die beiden Konzepte trotz ihrer Widersprüchlichkeit vereinen. Die Konsequenz ist, dass Gottes Handlungen nicht mehr in Form allwissender Voraussicht und allumfassender Vorausbestimmung verstanden werden können. Die Fotogramme von Tanja Fuchs und Linda Riedl ergänzen die sprachliche Auseinandersetzung mit dem Zufall.

 Georg Wolfmayr & Barbara Frischling