Mit diesem Heft spüren wir den innersten Kategorien kulturellen Daseins nach, den immer relativen, wandelbaren und subjektiven Vorstellungen und Konstruktionen von Zeit und Raum. Räume und Zeiten bedingen einander: Keine Bewegung ohne Raum und Zeit. In den unterschiedlichen Formen des Zusammenspiels verwirklicht sich kulturelles Leben, darin bringt sich die Beziehung der Menschen zu sich und zur Welt zum Ausdruck. In diesem Zusammenwirken entstehen Vergangenheit und Gegenwart, Öffentlichkeit, Privatheit, Gleichheit und Ungleichheit, Inklusion und Exklusion, Identitäten, Normalität, Transformationen, Hybridität, mit einem Wort: Wirklichkeit, deren Gefangene und Produzenten wir bleiben, auch wenn Raum und Zeit heute bereits entkoppelt scheinen.

Mit der Frage, welche Konsequenzen die spezifischen Zeitraumbilder der Kulturwissenschaft auf die Konstitution von Realitäten haben, steckt Karl-Heinz Wöhler den Rahmen des Heftes ab. Wenn Menschen in Bewegung kommen, gerät auch die Ethnologie in Bewegung, sie entwirft ein „postmodernes Bild vom atopischen Menschen“: Ich bewege mich, also bin ich. In diesem Sinne folgen Johanna Rolshoven und Justin Winkler einer Pendlerin, die ihnen, so wie deren soziale Realität, doch nicht fassbar, irgendwohin verschwindet: Eine neue kulturelle Realität also, dynamisch und beweglich, nicht mehr lokal erfahrbar, aber ist sie auch nicht mehr sozio-kulturell diagnostizierbar? Auch Anja Schwanhäußer ist in der „Fluid City“ denjenigen auf der Spur, die herumschweifen und weiterziehen und sich in ihrem subkulturellen Outfit durch soziale Bricolage auszeichnen. Eine neue Realität oder gelebte Utopie, um die Trennung (Lefèbvre) zu überwinden und um sich Orte und Plätze nur noch temporär, und dafür, so ahnt die Autorin, poetisch anzueignen.

Mit klassisch ethnologischem Theoriengepäck ausgerüstet und mit dem Blick auf Räume, wo Identitäten noch von klaren Zeitstrukturen konstruiert werden, folgen wir Gebhard Fartacek und Maria-Katarina Lang nach Westasien und in die Mongolei. Hier wird das (noch) stabile kulturelle Gefüge von Begrenzungen durch Rituale und Tabuisierungen überwunden und gesichert zugleich. Mit volkskundlichem Blick auf die Kultur des Eigenen entdeckt  Helga Maria Wolf hingegen den Verlust geordneter, kontinuierlicher Zeit- und Raumstrukturen, vor allem – emotional nachvollziehbar – an den einmal darin gebundenen „Nachfreuzeiten“. Räume, in denen die Zeit stillgehalten werden soll, in einer Art Gegenwelt zur immer schneller fließenden Zeit der Moderne, sind kulturgeschichtliche Museen: Zeitspeicher, so Eva Kreissl, in denen sich die Dingwelt den Zeithorizonten der Wissenschaft, Konservatoren und dem Bedürfnis der Betrachter nach Beweisen, dass der Vergänglichkeit doch zu entkommen ist, zu fügen scheint. Auch öffentliche Bibliotheken sind in je eigener Raum-Zeit Formatierung geschrieben. Dem Provenienzforscher werden sie heute zu einem Fundort geraubter Bücher, mit Max Leimstättners Bewegungen im Bookscape werden sie uns zu einer besonderen Landschaft an der Schnittstelle von Raum und Zeit.

Um dem Wesen und der Dimension von absoluter und individuell erfahrener Zeit, der Paradoxie von Erkennen und Erleben, auf die Spur zu kommen, folgt Lutz Götze den Gedanken von Philosophen, Historikern, Physikern und Dichtern. Jedes Zeitverständnis, ist gebunden an den Erlebnisraum und immer Hoffen auf eine bessere Zeit zugleich. Wie  universell gedeutete Zeiterfahrung letztlich kulturell und sozial geprägt wird und Deutungen und Repräsentationen ausgeliefert ist, zeigt Meike Wolf an der weiblichen Körpererfahrung der Wechseljahre.

Einen markanten Schlusspunkt und ein neues Licht setzt die Architektin Gabu Heindl mit ihren Überlegungen „Schattenseiten“ – durch eine sinnlich erschließbare Erkenntnis zur kulturwissenschaftlichen Bedeutung von  Zeiträumen und Raumzeiten.

 

Elisabeth Katschnig-Fasch