Die Beiträge dieser Kuckuck-Ausgabe entführen in den Untergrund in seinen unterschiedlichen Schattierungen. Was sich unter der Oberfläche verbirgt, hat den Nimbus des Verborgenen. Nicht immer geschieht der Rückzug in den Untergrund freiwillig. Gegenbewegungen zu herrschenden Meinungen und Lebensstilen, die sich nur im Verborgenen entfalten können, haben aber Potential für gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen und Umbrüche. Zu den vielen Facetten des Themas gehört auch der reale Untergrund als faktische Basis der Oberfläche, die sich oft des kulturwissenschaftlichen Blickes entzieht. Hier sind es vielfach künstlerische Interventionen, die die übersehenen Untergründe aufs Neue bespielen. Auch diese Kuckuck-Ausgabe wird durch einen solchen Kunstbeitrag ergänzt: Michael Hieslmair und Michael Zinganel stellen Auszüge ihrer Arbeit „EXIT Karlsplatz“ zur Verfügung, die die alltäglichen Routen in diesem unterirdischen Wiener Verkehrsknotenpunkt illustrieren.
Mit dem Beitrag von Roman Häbler beginnt die Reise in den Untergrund, wobei sich gerade am Beispiel Graffiti zeigt, wie die Grenzen zwischen oppositioneller Subkultur und Kunst verwischen können und Graffiti immer mehr als urbanes Phänomen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs verhandelt wird. Häbler sucht soziokulturelle Erklärungen für diese Prozesse. Die Vereinnahmungen durch den Mainstream funktionieren immer nur scheinbar, die Schlupflöcher bleiben konstitutives Merkmal und entziehen sich der Institutionalisierung.
In reale städtische Untergründe führt der Beitrag von Robin Klengel. Die Grazer Annenpassage, ein ehemals frequentiertes unterirdisches Einkaufszentrum zwischen Bahnhof und Annenstraße, erfuhr in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen einen Niedergang und ist heute eine jener städtischen „Problemzonen“, denen mit verstärkter Überwachung und Kontrolle vonseiten der Behörden begegnet wird. Klengel thematisiert in seinem Beitrag die Leere, die diesen Raum nun kennzeichnet, und zeigt auf, welche AkteurInnen sich den Leerraum aneignen.
Eine besondere Form des „Auftauchens“ aus dem Untergrund beschreibt Stephanie Tomschitz in ihrem Beitrag über ein transidentes Coming-out. Transidente Personen, die einen Wechsel von einer Geschlechtsidentität zu einer anderen vollziehen, entscheiden sich früher oder später dazu, ihre gefühlte Geschlechtsidentität auch nach außen hin sichtbar zu machen. Dieser Augenblick, der erste Tag, an dem Transidente sich ihrem Wunschgeschlecht entsprechend auch in der Öffentlichkeit kleiden, stellt einen besonderen Moment im Transformationsprozess dar.
„Metal ist Underground“ betitelt Susanne Sackl ihren Beitrag und geht darin auf einen populären österreichischen Musikstil ein. Die Beschäftigung mit den Begriffen Subkultur, Unterground oder Independent-Szene weist auf eine antibürgerliche Grundhaltung, einen politischen Anarchismus, geprägt von Provokation und Nonkonformismus. Der empirische Zugang legt den Schwerpunkt auf die Diskussion Mainstream oder Unterground, wobei die Dichotomisierung der Begriffe kritisiert wird und die Bedeutung der Authentizitätsfrage hervorgehoben wird.
Der Film eignet sich besonders als Medium, um breite Bevölkerungskreise anzusprechen, wie Hamid Hosravi ausführt und am Beispiel des Iran zeigt, wie der rigide Umgang mit dem Kulturschaffen zu einer regen Filmproduktion im Untergrund geführt hat. Nach einem Blick auf die historische Entwicklung beleuchtet er die Produktionsbedingungen und die Repressionen, unter denen die RegisseurInnen und DarstellerInnen zu leiden haben. Fragen nach Identität und politischem Engagement beschäftigen die FilmemacherInnen und kennzeichnen die Filme ebenso wie Reduktion und Umgang mit beschränkten Ressourcen in ihrer Existenz jenseits des offiziellen Kunstbetriebes.
Zwei Beiträge dieser Kuckuck-Ausgabe führen uns in die ehemalige Tschechoslowakei. Sie zeigen auf, dass angesichts der Instrumentalisierung von Kunst und Wissenschaft regimekritische Formen kultureller und wissenschaftlicher Produktion in der ČSSR nur im Untergrund stattfinden konnten. Marketa Spiritova beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem Phänomen der „Untergrunduniversitäten“. Lehrende und Intellektuelle, die der Hochschule verwiesen wurden, führten ihre Seminare in den 1970er und -80er Jahren oft im privaten Kreis als „Wohnungsseminare“ fort. Besucht wurden die Veranstaltungen sowohl von Studierenden, die aus politischen Gründen vom Studium ausgeschlossen wurden als auch von jenen, die ihr Studium bei ihren suspendierten MentorInnen weiterführen wollten.
Zuzana Bil’ová zeigt am Beispiel des Künstlers Milan Knížák auf, wie in der ehemaligen Tschechoslowakei mit Kunstproduktionen und KünstlerInnen verfahren wurde, die nicht der ästhetischen Doktrin des sozialistischen Realismus entsprachen. Knížáks Aktionskunst, die mit Kunstproduktionen jenseits des Eisernen Vorhangs durchaus vergleichbar war, blieb aufgrund staatlicher Repressionen letztlich nur der Rückzug in den sogenannten „Underground“, wo neben der bildenden Kunst auch alternative Musik-, Theater- und Literaturformen ihren Ausdruck finden konnten.
Die neue Protestkultur in Russland behandelt Olga A. Reznikova in einem kurzen Essay vor dem Hintergrund des Diskurses um die Zivilgesellschaft. Eine Fülle an „separatistischen“ Bewegungen hat sich herausgebildet, die in ihrer stabilisierenden bzw. destabilisierenden Funktion thematisiert werden.
Den Abschluss dieser Ausgabe bildet ein Beitrag von Klara Löffler, der sich dem wissenschaftlichen Schreibprozess als einem bislang wenig beleuchteten Teil des wissenschaftlichen Arbeitens widmet. Der Artikel bietet sich dazu an, den eigenen Assoziationen zum wissenschaftlichen Schreiben als einer im Verborgenen stattfindenden Praxis nachzugehen.
 
Dunja Sporrer & Adelheid Schrutka-Rechtenstamm