„unten oben?“ - für dieses Thema haben wir uns aus zwei Gründen entschieden. Erstens war uns die dabei stets mitschwingende Assoziation einer vertikalen sozialen Stratifikation vor allem in ihrer spätmodernen ökonomischen Ausprägung durchaus willkommen. Allen Vermutungen zum Trotz, dies wäre alles längst erschöpfend erforscht und beschrieben, ergeben sich aus dieser Perspektive immer wieder vorzügliche Beiträge und Überlegungen, wie auch dieses Heft belegt. Zweitens hat unsere Erfahrung gezeigt, dass der Kuckuck Autorinnen und Autoren dazu anregt, nicht nur das Naheliegende zu bearbeiten, sondern unsere Themen in verschiedene Richtungen weiter zu denken. Dieser Tatsache verdanken wir vielseitige und anregende Hefte, was auch die vorliegende Ausgabe bestätigt, die bei den geneigten Leserinnen und Lesern hoffentlich auf dasselbe Interesse stoßen wie in unserer Redaktion.

Eingeleitet wird dieses Heft von einem kleinen, aber feinen Artikel des jungen Berliner Wissenschaftlers Jens Wietschorke, der einen Vorfall bei einer Talksendung vor 25 Jahren analysiert, bei welcher der Ex-Kommunarde Fritz Teufel und Ex-Bundesminister Hans Matthöfer „aneinander geraten“ waren. Für dieses Lehrbeispiel einer Kulturanalyse sei begleitend die Betrachtung der entsprechenden Szene auf youtube empfohlen (http://de.youtube.com/watch?v=37NV7lyaJKQ). „Ratlos auf der Wippe“ sieht anschließend der Berliner Soziologe Ulf Kadritzke die Mittelklassen, denen unter den neuen ökonomischen Verhältnissen ihre Verwundbarkeit deutlich geworden ist bzw. die sie – wenn sie sie schon nicht erfahren – zumindest imaginieren und auf diese Weise eine Angst davor, zur Nutzlosigkeit verdammt zu werden, entwickeln.

Verlaufen bei Kadritzke im weitesten Sinne die Distinktionslinien zwischen Gewinnern und Verlierern der Mittelklasse im neo-
liberalen ökonomischen Regime, so richtet die Münchner Volkskundlerin Daniella Seidl ihr Augenmerk auf „Kultur“ als Distinktionsmittel unter deutschen Ferienhaustouristen in Italien. Hier wird nicht nur zwischen jenen Ferienhausbesitzern, die sich auf italienische „Kultur“ einlassen und ihre Häuser nach einer imaginierten Vorstellung von Authentizität einrichten, und den Touristen, die als der negative Gegenpol zu dieser italienischen Sinnsuche gelten, unterschieden. Außerdem analysiert sie auch, wie über jene Einheimischen, die sich von Neubauten einen besseren Lebensstandard erhoffen, das Verdikt gesprochen wird. Einem nur am Rande touristischen Phänomen ist der Artikel der Frankfurter Kulturanthropologin Ramona Lenz über das „Hotel Royal“ auf Kreta gewidmet. Am Beispiel dieses Hotels belegt Ramona Lenz die verschwimmenden Grenzen verschiedener Mobilitätsgruppen. Mobilität und Immobilität stehen dort in einem ebenso interessanten Wechselverhältnis wie die Frage nach dem Verständnis von freiwilliger und erzwungener Mobilität. Schließlich zeigt die Autorin auch noch die einander überschneidenden Praktiken von Touristen, Migranten und Dienstleistern, die in diesen Fremdenverkehrsregionen an den Rändern Europas auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind.

Unter dem Titel „Leuchttürme der Wissenschaft“ widmet sich die in Hannover lehrende Soziologin Eva Barlösius den hochschulpolitischen Veränderungen in Deutschland, die mit ihrem neuen, kompetitiven Wissenschaftsverständnis aber über Deutschland hinaus Signalcharakter haben. Entlang der in diesem Kontext häufig gebrauchten Leuchtturmmetapher setzt sie sich kritisch mit der so genannten Exzellenzinitiative auseinander und zeigt, dass bei der Bestimmung von Exzellenz nicht allein Fragen wissenschaftlicher Qualität, sondern auch Machtprozesse eine gewichtige Rolle spielen.

Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Jutta Dornheim verlagert das Thema „oben unten?“ von den Kategorien sozialer Verortung auf den Körper. Dabei gelangt sie durch die Verbindung psychologischer, pflegewissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu Einsichten über so genannte Körperschemata, über absolute und relative Orte des Leibes und über die Folgen, die aus dem Nicht-Wissen kultureller, sozialer und körperlicher Zusammenhänge resultieren können. Auch die Innsbrucker Volkskundlerin Margret Haider denkt die Kategorie „unten“ nicht sozial, sondern zunächst räumlich, wenn sie sich aus kulturhistorischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive den Unterführungen widmet. Dieses anscheinend so simple Produkt des Tiefbaus stellt ein Phänomen dar, das einerseits tief in unser Unbehagen an der technischen Kultur führt, wenn wir nur an die unangenehmen Assoziationen wie Unsicherheit oder Unwirtlichkeit denken, die viele Menschen mit Unterführungen verbinden. Andererseits werden aber auch die Aneignungsmöglichkeiten in den Blick genommen, die solche Bauwerke eröffnen.

Eine weitere Perspektive auf das Thema eröffnet Christine Walther mit ihrem Beitrag über die Siegerfotografie im Sport. Hier setzte sich seit der Jahrhundertwende „Der Blick von unten“ durch, der als ein ikonographisches Indiz für die Überhöhung von Sportstars gelten kann, die auf diese Weise idealisiert und heroisiert werden. Diese Form der Darstellung und Inszenierung galt lange Zeit nur für die männlichen Sieger, während Frauen gar aus der Perspektive der Aufsicht oder aus der Augenhöhe aufgenommen wurden, die eine völlig andere Wahrnehmung zur Folge haben. Abschließend analysiert Nikola Langreiter die diffusen Gegensätze des Oben und Unten bei Tupperware. Das reicht von den Protagonisten Earl Tupper und Brownie Wise über die Produkte und Produktformen bis hin zum legendären Partyverkauf mit seinem Anerkennungs- und Belohnungssystem.

Liebe Leserinnen und Leser, wir hoffen, dass Sie an diesem Heft ebensoviel Gefallen finden werden wie wir. Auffallen wird Ihnen auch die leichte gestalterische Modifikation, die der Kuckuck durchlaufen hat und der hoffentlich ebenfalls auf Ihre Zustimmung stößt.


Johannes Moser