Jutta Dornheim
Die Wasser kauenden Enten der Herta M.
Kulturpoetische Betrachtungen zur Verleiblichung von Gerüchten

I. Ein Gerücht - drei Enten - ein Leib
Er esse mit goldenem Besteck, und die Wasserhähne in seinem Bad seien aus purem Gold - so wurde in Rumänien über den Diktator Ceausescu gemunkelt. Herta Müller berichtet es in ihrem autobiografischen Text "Der König verneigt sich und tötet"; sie resümiert: "Ich hielt das Gerücht für eine Spinnerei, es klang wie die dümmliche Vorstellung der Habenichtse vom Reichtum". 
Doch das Gerücht verfolgt sie. Und offenbar muss sie gestalten, was das Geraune mit ihr machte, Jahre noch, nachdem sie aus Rumänien geflohen war und bereits in der Bundesrepublik Deutschland lebte: "An der Lahn kamen drei weiße Enten als Vergangenheit. Mir wurde übel im Magen von ihrem Wasserkauen und schwindlig im Kopf, der Fluss glänzte und hob sich. Ist das Beschädigung, wenn an intaktem Ort, tausend Kilometer vom Elend entfernt, der verabscheute Herrscher einem sein Gold buchstäblich in die Eingeweide drücken kann". Nicht nur der Magen der Erzählerin revoltiert; den Druck des glänzenden Metalls spürt sie im Gedärm. Aber auch im Kopf. Doch ihre Frage ‚Ist das Beschädigung ...?' zeigt sich als Niederschlag einer umfassenderen Perspektive, einer Perspektive, die über das Körperliche hinausweist. Es ist die Perspektive des Leibes. Ist es sinnvoll, diese Unterscheidung zwischen der Perspektive des Leibes und der des Körpers zu machen? Ist es sinnvoll zumal, wenn wir die Darstellung des Erlebens von Gerüchten verstehen wollen?
 
Die Körper-Geist- bzw. Körper-Seele-Differenz ist den europäischen Kulturen spätestens seit Descartes Unterscheidung der Substanzen res extensa und res cogitans geläufig. Jüngeren Datums hingegen ist die Unterscheidung Körper - Leib, und sie ist dem Sachverhalt geschuldet, dass die cartesianische Differenz unserem Spüren des eigenen Seins nicht genügt. Noch im 18. Jahrhundert hat alltagsweltliches Sprechen, auch ärztliches, den "Leib" in einem umfassenden Sinne zum Ausdruck gebracht. Und obwohl wir uns das schon in der Antike, spezifisch neuzeitlich dann von Descartes Unterschiedene kaum noch ungeschieden vorstellen können, wird doch spätestens seit den Anfängen der phänomenologischen Bewegung um die Wende zum 20. Jahrhundert der Dualismus "Körper - Geist" bzw. "Körper - Seele" nicht mehr als überzeugend empfunden, vor allem dann nicht, wenn er als Polarität daherkommt. Herta Müller nimmt an diesem vorwiegend philosophischen Diskurs nicht teil, ich weiß nicht einmal, ob er ihr bekannt ist. Herta Müller gestaltet, denn sie ist Dichterin - natürlich auch dann, wenn sie ihre Autobiografie gestaltet. Und damit entsteht eine andere Form von Authentizität: Das Wasserkauen der Enten, denen die Lahn dabei aus den gelben Schnäbeln tropft, weckt in ihr die Erinnerung an das Gerücht von den goldenen Wasserhähnen Ceausescus. Die hat sie sich vermutlich, allen Vergoldungsgerüchten zum Trotz, stets tropfend vorgestellt, vielleicht, weil im Lande des Diktators alle Wasserhähne tropften außer den seinigen - zumindest in der typisierenden Wahrnehmung der Bevölkerung. Der Unterschied, auf den das Gerücht abhebt, bestand wohl nicht im Material der Wasserhähne selbst - hier Gold, dort Aluminiumguss -, sondern im Grad der Funktionstüchtigkeit (die allerdings auch wieder von Materialien abhing). Wie auch immer, für Müller werden die drei weißen, Wasser kauenden Enten auf der Lahn zum Gedächtnis generierenden Bild. Und das Gerücht wird leiblich. Jedoch nicht in Gestalt der Enten, sondern als Teil des Leibes der Autorin. Schwindlig ist ihr im Kopf und übel im Magen. Wie hartes Gold drückt ihr das Gelb der kauenden Entenschnäbel in die Därme. Solche Empfindungen sind die Sprache des Leibes. Die Verleiblichung des Gerüchtes geht von der Autorin aus und wirkt auf sie zurück; die Enten geben dem erinnerten Gerücht lediglich ein Bild. Und dennoch: Bilder haben "gegenüber ihren Trägern eine relativ selbständige Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit". Über ihr Bildnis verbreiten die weißen, Wasser kauenden Enten eine Stimmung, eine, die Herta Müller ergreift. Sie wirken als Medium; die Verleiblichung des Gerüchtes geschieht hier auf mittelbare Weise.
 
Bernhard Waldenfels sieht im Leib ein Grundphänomen. Der Leib ist - wie die Sprache, wie die Zeit, wie "die Anderen" - an der Konstitution anderer Phänomene ständig beteiligt. Und er "wirkt zurück auf die Zugangsweise, in der uns dieses oder jenes begegnet." Der Text der Dichterin bestätigt den Philosophen: "In solchen Momenten", kommentiert Müller ihr Erleben, "wenn sich Gegenwart und Vergangenheit durchkreuzen und gegenseitig Sinn nehmen, und sich beide verzerren in unerwarteter Dimension, ist man völlig verrückt und glasklar normal. Man steht kauzig neben sich selbst, lässt sich überfallen und schützt sich in einem, redet sich das Dümmste ein und aus. Aber ein und aus bleibt sich gleich. Ein schrumpelig hypochondrischer Elendskönig soll nicht der Kumpan dreier Enten sein, sagt man sich in den Kopf." Der Leib ist selbstbezüglich; unsere Leiblichkeit bestimmt unsere Wahrnehmungen, Reflexionen und Äußerungen. Die Enten auf der Lahn sind ein Bild; es setzt sich für Herta Müller um in eine leibliche Erfahrung, die sie beeinflussen, steuern will.
 
II. Autobiografie-theoretische Zwischenbemerkung
 
Auch für autobiografische Texte gilt, dass das gestaltende (schreibende) Ich und das Ich der Autorin, des Autors nicht identisch sein müssen. Und niemals identisch sein können das sich erinnernde Ich und das erinnerte Ich. Mit dieser Erkenntnis wurde der subjektive und fiktionale Charakter auch von Autobiografien hervorgehoben. Damit aber stellte sich auch das Problem, wie denn die Unterscheidbarkeit von autobiografischen und fiktionalen Texten noch gewährleistet sei. An diesen Auseinandersetzungen sich zu beteiligen, hieße, ein weiteres Diskussionsforum zu eröffnen. Stattdessen seien einige Hinweise notiert, zum einen: Es geht hier um das Erleben von Gerüchten. Verleiblichte Gerüchte sind im Sinne des hier Vorgetragenen erlebte Gerüchte und als solche allemal real - wäre dem nicht so, könnten sie bestenfalls berichtet, nicht aber gestaltet werden. Zum anderen: Die autobiografischen Texte von Herta Müller sollten als zwingender Anlass verstanden werden, empirieferne und undifferenzierte Thesen eines durchweg fiktionalen Charakters von Autobiografien, wie sie häufig in der sogen. postmodernen Diskussion aufgestellt wurden, anhand von Untersuchungen konkreter Texte zu begründen.
 
III. Metamorphosen am "Umschlagsort" Leib
 
Die Verwendung des Begriffs "Verleiblichung" in der vorliegenden Betrachtung wurde angeregt durch das Experiment, das Husserl in seinen "Ideen II" beschreibt und das neuerdings Gernot Böhme wieder aufgegriffen hat. In diesem Experiment beschreibt Husserl, was er empfindet, wenn er mit seiner rechten Hand die linke betastet. Zunächst empfindet er, wie die linke Hand zum Tastobjekt der rechten wird, dann aber findet er auch in der linken "Serien von Tastempfindungen". Von diesen sehe er aber ab, wenn er vom "physischen Ding ‚linke Hand'" spreche (physische Dinge, wie z.B. eine Bleikugel, haben keine Empfindungen). Schließe seine Wahrnehmung aber diese Tastempfindungen ein, so bereichere sich nicht etwa das physische Ding, "sondern es wird Leib, es empfindet." So gilt ihm der Leib als "Umschlagstelle von geistiger Kausalität in Naturkausalität." Auch für Waldenfels lässt der Leib sich weder nur reinen Körpermechanismen, noch allein "einer freien Sinngebung" zuordnen; auch für ihn ist er "'Umschlagsort' zwischen Sinn und Kausalität". Auch wenn Böhme zurecht darauf hinweist, dass es sich im Husserlschen Experiment um von außen stimulierte Empfindungen handelt, wo Husserl doch das leibliche Spüren auch ohne äußere Stimulation hätte erfahren können, so ist doch das Experiment als Ausgangsbasis der hier vorgebrachten Überlegungen geeignet. Für das Phänomen Gerücht muss genau diese Stimulation von außen in Anspruch genommen werden wie andererseits die Möglichkeit der Metamorphose. Für Husserl fallen Leib und Körper nicht auseinander, sondern stellen verschiedene Aspekte dessen dar, was er als "Leibkörper" bezeichnet. Maurice Merleau-Ponty aber, Gernot Böhme und Hermann Schmitz, letzterer Begründer der Neuen Phänomenologie, unterscheiden zwischen Leib und Körper. Vom vorgestellten Körper, aber vom gespürten Leib spricht Schmitz. "Der Leib ist das leibliche Befinden", die leibliche Erfahrung des Selbst. Der Leib ist das Lebendige, Nicht-Konservierbare schlechthin, nicht anzutreffen in den "Körperwelten". Und er ist den Lebenden nicht einfach gegeben, er muss erworben werden: Leibsein sei eine Aufgabe, meint Böhme, mitnichten sei Leibsein selbstverständlich in unserer technischen Zivilisation, in der die Perspektive des Körpers vorherrscht. Dieser ist Gegenstand der Fremd-Erfahrung; primär ist er dem fremden Blick zugänglich, vor allem dem Blick des Arztes und dem der Apparate. An Michel Foucault sei erinnert, er hat diesen für die Neuzeit charakteristischen Blick am Beispiel des ärztlichen Blicks auf den Körper des Patienten beschrieben. Der Leib aber ist kein Gegenstand; ihn kann jedes Individuum nur selbst erleben, als ständig wechselndes Befinden.
 
Die neue Differenz "Leib" - "Körper" begann im 20. Jahrhundert die mit Descartes akzentuierte Polarität von Körper vers. Geist/Seele in Frage zu stellen. Heute ist es so, dass das Sprechen vom Leib ein anderes Seinsspüren meint als das Sprechen vom Körper. "Man kann eigentlich vom Leib erst richtig reden, wenn man die Existenz der Seele bestreitet", sagt Böhme. Er betrachtet Leib und Seele korrelativ: Das, was der Leib ist, hängt davon ab, "inwieweit der Mensch sich als Seele versteht". Denn tut er das, so distanziert er sich von sich als Leib. Und Waldenfels fordert auf, die Differenz von Leib und Körper auch im Sprechen (und Schreiben) zu beachten: "Die Ausdrücke ‚Leib' und ‚Körper' bilden ein sprachliches Kapital, das man nicht einfach verschleudern sollte, indem man vom ‚Körper' spricht, wenn man den ‚Leib' meint".
 
IV. Gerüchte als Bedrohung von Leib und Leben
 
Wo Gerüchte wabern, ist der Leib gefordert. Herta Müller erlebt es, spürt ihre Beschädigung in Marburg noch, an einem für sie harmlosen Ort, tausend Kilometer entfernt vom Ort der erlittenen Verfolgungen, Demütigungen, Todesängste. Damals, in Temeswar, hatte der König, der sich verneigt und tötet, noch lange und gewalttätige Arme, die er in Gestalt seiner Geheimdienstler nach den ihm prinzipiell verdächtigen BürgerInnen ausstreckte. Bis zum Eintritt von Gewissheiten lagerten die Geschichten der aus Fenstern geworfenen, von Flussbrücken gekehrten, unter Züge oder Autos geratenen, vergifteten, oder sonst wie aus dem Wege geräumten Menschen als Gerüchte über dem Land. Oder sie ergriffen gleich Wegelagerern die Mienen der auf dem Asphalt der Straßen blicklos aneinander Vorbeieilenden. Und auf diesen Straßen sehen wir die junge Herta Müller "beim Zuschauen, wie jemand, den man nicht kennt, vor aller Augen verhaftet, geprügelt, getreten wird." In diesen Jahren liefen die Gerüchte neben ihr her, jederzeit auf dem Sprung, sich zu verwandeln in die Furcht, nun selbst verhaftet, verhört, getreten, geprügelt, getötet zu werden. Und schließlich sehen wir Müller im "Weitergehen mit trockenem Gaumen, heißem Hals und so stracksem Gang, als wären der Magen und die Beine mit fauler Luft aufgepumpt". Die Gerüchte haben sich inzwischen in ihren Leib eingenistet, sind Teil ihres Leibes geworden. Aber auch ihres Körpers: Diesen Gang spürt sie zwar - aber er ist auch sichtbar. Für andere. Für sie selbst; von außen, als Spiegelung in den Schaufenstern der Großstadtstraßen. Der "strackse Gang" eines hölzernen, behinderten Körpers. Verleiblichung und Verkörperung - zwei verschiedene Vorgänge, aber erfahrbar an ein und demselben Geschehen. Auf Leib und Leben gerichtete Gerüchte, von Anfang an nicht leicht, nicht vage oder luftig gar, sondern bleierne Schwergewichte, scheinen die Autorin von innen und außen zu erdrücken.
 
Die bedrohlichste Verleiblichung gestaltet Müller anhand einer Szene, in der sie ein Verhör wiedergibt, dessen sie ein Mitarbeiter des Geheimdienstes unterzog - in ihrem eigenen Büro, mitten in der Fabrik, in der Hunderte von Kolleginnen und Kollegen hätten Zeuge werden können. Ein Verhör, in dem die Drohung im Raum hängt, ertränkt zu werden. Sie könnte nicht wirken, wäre dieser Vorgang nicht bereits auch Inhalt eines Gerüchtes. Ertränkt und dann des Selbstmordes bezichtigt zu werden, besagt es, sei eine realistische Perspektive für Dissidenten in diesem Land. Müller muss es ernst nehmen, weil andere Gerüchte bereits wahr geworden waren: "Es gibt auch Verkehrsunfälle", wurde ihr in einem Verhör gesagt, nachdem sie sich einige Tage zuvor ein Fahrrad gekauft hatte. Einen Tag später wurde Herta Müller von einem Lastwagen angefahren und durch die Luft geschleudert, sie kam mit "ein paar Schürfwunden" davon. Beim nächsten Verhör wurde ihr gesagt: "Ja, ja, es gibt wirklich Verkehrsunfälle". Da verschenkte sie ihr Fahrrad an eine Freundin, verriet aber nicht den Grund. Und irgendwann wurde sie aufgesucht zwecks Verhörs in der Fabrik. Artig schenkte sie ihrem ‚Gast' Mineralwasser ein. Zuerst war es so still, dass man die Bläschen des Wassers im Glas knistern hörte. "Da begann er zu schreien, brachte sich in Rage und vergaß sein Mineralwasser. Er spreizte die Ellbogen so breit auf den Tisch, überdehnte die Schultern, daß er den Nacken einziehen mußte. Es zerriß ihm die Stimme, an seinem Hals quoll die Ader wie blauer Draht. Ich stand, weil er auf meinem Stuhl saß, lehnte mit dem Rücken am Schrank und piepste nur hier und da einen unsinnigen Satz. Meine Angst gab sich den Anschein von Ruhe". Später wechselte er die Methode "und sagte, als würde er mich mit etwas versöhnen: ‚Ist schon gut, wir stecken dich ins Wasser'." Die Vorstellung, von Vertretern des Staates ertränkt und als "Selbstmörderin" verunglimpft zu werden, verleiblicht sich im Piepsen unsinniger Sätze. Hier finden wir, anders als im Beispiel der Marburger Enten, die Gestaltung der unmittelbaren Verleiblichung eines Gerüchts. Die Leiblichkeit, sagt Waldenfels, wirkt "bis in die Rede und bis in die Satzbedeutung hinein". Und so gab sich die Angst der Verhörten den Anschein von Ruhe. Dies ist eine in unseren kulturellen Kontexten fest verankerte Codierung. Gerüchte können mächtig sein. Wenn sie es sind, haben sie die Macht, Codierungen von Gefühlen aufzurufen.
 
V. Einfallstor für Gerüchte: die Bezugsdimensionen des Leibes
 
Es gibt offenbar verschiedene Weisen der Selbstgegebenheit des Leibes. So unterscheidet Waldenfels drei Dimensionen der Leibbezogenheit, den Selbst-, Welt- und Fremdbezug. Als Beispiel für "Weltbezug" bietet uns der Autor die Aussage: "Es ist kalt". Man kann dies auch sagen, ohne zu frieren. Die Aussage kann also für realisierten Weltbezug stehen, ein Selbstbezug ist aber ebenso mit im Spiele. Des Autors Beispiel für die Dimension Fremdbezug ist die Grußgebärde ‚Jemandem-die-Hand-Geben'. Die drei Dimensionen seien immer mit im Spiel - Waldenfels belegt es mit den indexikalischen Ausdrücken der Sprache: Wenn man jemandem durchs Telefon zuruft: "Ich bin hier", so weiß der Angerufene weder, wer anruft, also das "Ich" repräsentiert, noch, wo sich dieses Ich zur Zeit befindet - es sei denn, der Angerufene kann noch andere Informationsquellen nutzen (Merkmale der Stimme; Erinnerung an eine Verabredung usw.). Da ist zweitens der Ausdruck "Es geht". Handelt es sich dabei um eine bloße Metapher, um eine Übertragung körperlicher Ortsveränderung in einen unkörperlichen Bereich - oder besteht doch ein Bezug zum Gehen, etwa, weil wir es mit einer mehrförmigen Bewegung zu tun hätten? Da ist drittens wiederum das Beispiel "Es ist kalt". Die Äußerung kann zwar abgelöst sein von den aktuellen Empfindungen der sprechenden Person - und kann dann als Beispiel für Weltbezug gelten - , sie kann aber nicht abgelöst sein von jedweder Empfindsamkeit, denn sie setzt ein Wesen voraus, das Kälte empfindet. Hier ist also gleichzeitig auch ein Selbstbezug deutlich. Meine Beobachtungen alltagsweltlicher und literarischer Texte sprechen dafür, dass in den (mitunter zutage tretenden) Leibkonzepten kaum jemals alle drei Dimensionen gleichgewichtig realisiert werden, dass vielmehr jeweils einer der Bezüge hervortritt und den Sinn dominiert.
 
VI. Gerüchte ruinieren das Selbst
 
Aber es gibt auch verschiedene Arten von Gerüchten. Am bedrohlichsten werden offenbar diejenigen empfunden, die durch einen übergewichtigen Fremdbezug bei gleichzeitig sehr starkem Selbstbezug charakterisiert sind; häufig ist dabei das Gewicht des Fremdbezuges von außen erzwungen. In diesen Fällen kann es geschehen, dass der Weltbezug auf den erzwungenen, übergewichtigen Fremdbezug zusammenschrumpft. In der Verhörszene, die sich in der Fabrik abspielt, ist dies der Fall. Die Welt, die anfangs noch repräsentiert ist durch das Knistern der Bläschen im Mineralwasser, die räumliche Situierung ‚Büro in einer Fabrik in Temeswar', zieht sich zusammen in der hervorquellenden Halsader eines Schreienden. Aber nicht irgendwohin schreit er und auch nicht irgendetwas; er schreit die verängstigte, wenn auch äußerlich ruhige Dissidentin an. Sein Schreien ist intentional, es hat ein Gegenüber. Unter einer so bedrohlichen Manifestation des Fremdbezugs könnte jeder Selbstbezug zusammenbrechen - Wahrnehmungsblockaden bis hin zum völligen Verlust des Sinnverstehens oder gar Ohnmachten könnten Anzeichen dafür sein. Doch in dieser Szene trügt der Schein: Zwar piepst Müller unsinnige Sätze, aber sie bleibt doch soweit Selbst, dass sie die Unsinnigkeit ihres Sprechens wahrnehmen kann.
 
Was die Gerüchte, von denen die Autorin berichtet, so bedrohlich macht und die Verleiblichungsprozesse unmittelbar in Gang setzt, ist die Möglichkeit ihrer Materialisation auch außerhalb der Subjekte. Auf die zunächst nur geraunten Verkehrsunfälle folgt die verbale Anspielung "Es gibt auch Verkehrsunfälle", und am nächsten Tag erleidet Herta Müller tatsächlich einen Unfall, der später dann als beabsichtigter bestätigt wird: "Ja, ja, es gibt wirklich Verkehrsunfälle". Auch von der Materialisationsmöglichkeit des Gerüchtes, ertränkt zu werden, muss sich die Verfolgte überzeugen, aber noch betrifft es eine andere junge Frau, die da als Wasserleiche und nackt auf einem Gestell in der Friedhofshalle liegt.
 
Wer unter diesen Umständen den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren. Schon Lessing sagte es, Herta Müller spürt es. Aber es geht ihr nicht schnell genug: Sie hat sich in dieser Zeit oft "den Irrsinn gewünscht, um mich loszuwerden, ohne mich zu töten." Später erkannte sie, dass auch der Wahnsinn diese Gnade nicht gewährt. Aber sie ist nahe daran, die Nerven zu verlieren. Und später, in Deutschland, wird sie schreiben: "Erst dann wußte ich, daß alle Nerven von einem zu tiefen Einbruch für immer überfordert bleiben. Daß diese Überforderung sich behauptet in den späteren Tagen, ja sogar auf die Zeit davor zurückgreift. Sie verändert nicht nur die Dinge danach, auch vorherige, die mit dem Riß im Leben nichts zu tun hätten, wenn es den Riß nicht gäbe". Sie muss mit der bleibenden Überforderung durch das Flüstern und Raunen genau so leben wie mit der Erinnerung an die materiellen Zeichen der Gehilfen des "Königs": an Wanderungen von Stühlen aus den Wohnzimmern in die Küchen, wenn die dem Staate Missliebigen gerade abwesend waren; an Zettelnachrichten, die Freunde an die Türklinke im Treppenhaus gesteckt hatten, die aber bei der Heimkehr der Adressaten auf deren Kühlschrank lagen. Fremd- und Selbstbezug zusammen bringen das Selbst in Not, wenn das Fremde nur aus Bedrohlichem sich konstituiert, aus dem Zeitungsleser vor der Wohnung, "dann in der Straßenbahn, obwohl er an der Haltestelle nicht zu sehen war. Er verschwindet beim Aussteigen. Irgendwann beim Betreten oder Verlassen des Brot- oder Kleiderladens oder im Warteraum des Arztes ist er wieder da oder wieder weg. Irgendwann, die Zielschreibe hat sich ins Straßencafé gesetzt, kommt er auf dem Fahrrad daher, stellt es ab und setzt sich an den Nebentisch. Die Zielscheibe sitzt auf dem Heimweg im Bus, und er fährt im Auto nebenher. Das läuft und läuft." Dies ist die Schilderung des bedrohten Selbst; das Fremde kommt nicht aus der Welt schlechthin, sondern aus dem eigenen Staat. Hier kann studiert werden, welche Formenvielfalt in einer Phänomenologie des leiblichen Selbst zusammentreffen könnte.
 
VII. Von Diktaturen und Demokratien: Gerüchte allüberall
 
Verleiblichung von Gerüchten kostet Nerven. Vor allem, wenn die Verleiblichung auf direktem Wege geschieht, nicht vermittelt durch Bilder wie die der weißen Enten mit gelben Schnäbeln. Obwohl auch schon die mittelbare Verleiblichung von Gerüchten Leib und Körper angreift. Gerüchte sind nicht an Diktaturen gebunden. In Demokratien wühlen sie auch. In Institutionen wie Organisationen. Doch gemessen an den Darstellungen Müllers (und inzwischen auch anderer Autorinnen und Autoren) wirkt diese Art von Gerüchten wie die kleine Schwester mit rosa Schleifchen im Haar. Bei Herta Müller ist kein Platz für die Gestaltung von Varianten in Form oder als Folge von Intrigen, Verleumdungen, Kabalen, Hinterlist oder bloßer Schikane. Zu direkt treffen alle ‚ihre' Gerüchte den Leib.
 
Nachtrag: Müller schreibt, dass sie, vor den Todesdrohungen der Ceausescu-Gehilfen nach Deutschland geflohen, hier noch drei Jahre lang den gleichen Drohungen durch anonyme Anrufe und Briefe ausgesetzt war. Wie bitte: in einer - in unserer - Demokratie?