„Zuerst trachtet man nach Gerechtigkeit und zum Schluss organisiert man eine Polizei.“ Albert Camus

Wie viel Gerechtigkeit braucht die Gesellschaft? Wie gerecht ist das Recht? Aus welchen konsensuellen Grundprinzipien besteht Gerechtigkeit, wann und wo? Welche Formen von Ungleichheit und Gleichheit unter freien Menschen sind gerechtfertigt? Das sind nur einige Fragen, denen sich u. a. Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Mediziner, Theologen, Politik-, 
Rechtswissenschaftler und Künstler annehmen, wenn über Gerechtigkeit nachgedacht wird. Selbst Neurobiologen beschäftigen Nachweise eines social brain des Menschen – biologische Systeme sind darauf angewiesen, dass Menschen sozial gerecht interagieren und kooperieren, so eine jüngere Erkenntnis ganz entgegen der Darwinschen Evolutionstheorie. Das Thema Gerechtigkeit wirft unterschiedlichste Facetten und Fragen auf und wird aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet.

Ausgangspunkt der Idee, dem Kuckuck ein Heft zum Thema Gerechtigkeit zu widmen, war die zentrale Frage einer eingreifenden Kulturwissenschaft nach der sozialen Beschaffenheit der Gesellschaft, in der wir leben. Mit Richard Sennett gedacht leben wir in der „Kultur des neuen Kapitalismus“. Diese Kultur bestimmt die gegenwärtigen Sinnwelten, stellt kulturelle Gewissheiten, erworbene und erkämpfte soziale und rechtliche Sicherheiten in Frage und dringt tief in das alltägliche Leben der Menschen ein. Was Max Weber in der Analyse zur Ambivalenz von Demokratie und Freiheit als Anomalie oder als Verfall noch einer Krise der Moderne zuschrieb, gibt sich nun als durchgehende Realität zu erkennen.

Soziale Gerechtigkeit spielt in einer auf schnellen Gewinn orientierten Logik der Kultur des neuen Kapitalismus, dessen Herrschaft sich in Form von Dominanz und zunehmender Angst der Menschen durchsetzt, kaum eine Rolle. Zwar gibt es heute – zumindest in Europa – keine Alleinherrschenden, keine Diktaturen mehr, nichts woran wir unser Heldentum beweisen müssten; die Macht, die uns regiert, ist ungreifbar geworden, weil sie eng an die Bedingungen der lokal wie global agierenden Vorherrschaft der Ökonomie gebunden ist. Alles, was gestern noch Kontinuität in ihren gewohnten Grenzen und damit auch Verlässlichkeit bedeutet hat, ist heute der Doktrin der Flexibilität, der Anpassungsfähigkeit an ständig wechselnde Situationen gewichen. In allen Bereichen, ob in nationalen oder in transnationalen, in Privatheit oder Öffentlichkeit, in der Arbeitswelt, im Lebenslauf, im Alltag und der kulturellen Identität des Einzelnen: Unsere Gesellschaft ist in die Sogkraft des alles durchdringenden Ökonomismus geraten. Unter dieser Perspektive stellt sich also nicht mehr die Frage, wie gerecht oder sozial die Gesellschaft ist, sondern wie viel soziale Gerechtigkeit die vorherrschende Ökonomie verträgt.
Soziale Gerechtigkeit – eine Illusion? Dieser wichtigen Frage spürt Holger Lengfeld am Beginn dieses Heftes nach und kommt nach differenzierten Überlegungen zum Begriff der sozialen Gerechtigkeit und empirischen Einblicken über Gerechtigkeitsvorstellungen zur Einkommens- und Vermögensverteilung zum Schluss, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen empirischer Gerechtigkeitsforschung und dem normativen Zweig der Gerechtigkeitsforschung einen fruchtbaren Beitrag zu realpolitischen Entscheidungen liefern könnte.
Michael Vester geht in seinen sozialstrukturanalytischen Ausführungen über neue soziale und politische Spaltungen am Beispiel Deutschlands der Frage nach, wie sich die alltagspraktischen Strategien der Menschen unterschiedlicher Milieus im Prozess der politischen Willensbildung widerspiegeln. Entgegen des Mythos der trägen „Mentalität des Volkes“ und entgegen des Mythos der „rebellischen Masse“ zeigt der Autor, dass die Strategien der Milieus, ihre soziale Lage durch eigene Aktivität zu bewältigen, erstaunlich konsistent und realistisch sind.
Menschen reagieren auf widersprüchliche Erfahrungen auf der Grundlage habitueller Handlungsstrategien. Dabei geht es nicht, wie häufig irrtümlicherweise angenommen, um sozialen Aufstieg oder die Vorstellung einer egalitären Gesellschaft, sondern um die Verteidigung der gewohnten Stellung und Lebensweise. Damit verbunden ist die Hoffnung auf die Verlässlichkeit einer sozialpolitischen Ordnung, die von der Mehrheit der Bevölkerung als gerecht empfunden wird.
Die rechtsanthropologischen Überlegungen Werner Zips’ über globale soziale Gerechtigkeit führen von den Problematiken internationaler Gerechtigkeitsdebatten über das konkrete Beispiel „Botswana“, das für die Verselbstständigung des Rechtsdiskurses steht, zum Schluss, dass Herrschafts-, Macht- und Profitansprüche die legitimen Forderungen nach (historischer) Gerechtigkeit aufgrund der institutionalisierten Doppelmoral auch heute noch überlagern. Der Autor plädiert für ein verfahrensethisches Konzept der Gerechtigkeit, das auf die Selbstbestimmung aller Betroffenen abzielt, da jeder theoretische Bezugspunkt in einer Weltgesellschaft konkurrierender Anschauungen zum Scheitern verurteilt ist.
Der Sozialmediziner Willibald Stronegger weist anhand statistischer Analysen auf die Einflussgrößen auf Gesundheit hin und liefert damit einen wichtigen Beitrag zur Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit von Gesundheitsrisiken und -chancen. Er problematisiert Untersuchungen, die einseitig auf Verhaltensfaktoren zur Erklärung von Krankheiten abstellen und damit eine wesentliche Einflussgröße, nämlich jene des sozioökonomischen Status, ausklammern. Allzu schnell werden mit derartigen Argumentationsstützen soziale Problemlagen als Resultate des ungesunden Lebensstils individualisiert. Sozial- wie gesundheitspolitische Programme sehen dann eine Bekämpfung der Muster der Lebensführung (Alkohol, Rauchen, Fast Food, Unterschichtsfernsehen etc.) vor, während Veränderungen der strukturellen Rahmenbedingungen ausgeblendet bleiben.
Der Germanist Hans Helmut Hiebel spürt in einem dichten, ästhetisch verschlungenen, fast rhizomorphen Gewebe der inhaltlichen Verwendung und Bedeutung der Begriffe „Gerechtigkeit“ und „Gewalt“ im Werk Franz Kafkas nach und zieht dabei erstaunliche Vergleiche –  nur zum Beispiel zu den Ideen poststrukturalistischer Denker wie Michel Foucault.
Einen persönlichen Schlusspunkt des Heftes und einen Ausblick auf ein vielleicht gerechteres Verteilungsmodell setzt Enno Schmidt mit seiner Begründung des Grundeinkommens, die zugleich als ein Plädoyer für Selbstbestimmung und kulturelle Teilhabe, für die Selbstverantwortung jedes Menschen in seiner Würde zu lesen ist. Als Kontrapunkt eines für so viele zunehmend gehetzten Alltags wird die Bedeutung einer „handwerklichen Einstellung“ zur Arbeit, wie Richard Sennett es nannte, bewusst gemacht, einer Einstellung, die das Streben nach Qualität zum Selbstzweck erklärt – einer Einstellung, die nach einer gesicherten Existenzgrundlage verlangt, um realisiert werden zu können.

Gerlinde Malli & Elisabeth Katschnig-Fasch