Angesichts von mehr als 42 Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Krieg oder Unterdrückung sprechen wir von einem globalen Phänomen. Beim Blick in die Geschichte lassen sich immer wieder Migrationsströme beobachten, wobei sich die „Freiwilligkeit“ oft auf die Einsicht in die Notwendigkeit beschränkt. Leichtfertig spricht man von Wirtschaftsflüchtlingen, um abzugrenzen, um der Das-Boot-ist-voll-Mentalität ohne schlechtes Gewissen anhängen zu können, ist doch auch der öffentliche Diskurs sehr ambivalent. „Flucht ist kein Verbrechen“, versucht die gleichnamige Initiative gegen vorherrschende Tendenzen anzukämpfen. Wenngleich diese Thematik wissenschaftliche Objektivität nicht gerade leicht macht, so haben doch gerade wir KulturwissenschafterInnen das Handwerkszeug, um die Problematik oder besser das Phänomen „Flucht“ aus anderen Blickwinkeln zu betrachten: Flucht bedeutet, einen Schlusspunkt zu setzen, bedeutet Ungewissheit und zeitweise Perspektivenlosigkeit, bedeutet, das Bisherige in Frage zu stellen, bedeutet aber auch Neuorientierung und Neubeginn, bedeutet ein Leben zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Der Umgang mit dem/den Fremden – zeitloser Kern vieler unserer Interessen.

Die eben genannten Konnotationen zum Begriff „Flucht“ sind jedoch nicht vollständig. Flucht-weg-von schließt auch die Flucht vor dem Alltag, vor der Zivilisation, die so oft als Ziel genannt wird, mit ein. Eine Flucht, für die zumeist das Rückfahrticket schon in der Tasche steckt. Sind die Versuche, selbstgeschaffenen Realitäten zu entkommen hoffnungslos, wie dies Enzensberger für die Urlaubsreisen schon vor Jahren entlarvte? Wie steht es heute mit den Versuchen der Zivilisation zu entkommen, die Greverus in den 1980er Jahren unter die Lupe genommen hat? Auch die Orte – real oder virtuell -, die eine Flucht zu lohnen scheinen, unterliegen dem Wandel, sind nicht identisch, sondern auch hier manifestieren sich vorfixierte Bilder des eigenen Lebensstils.

Flucht schließt immer auch das hin zu etwas mit ein, hin zu etwas Besserem, in welcher Form auch immer, dieser gemeinsame Nenner lässt nun zu, unterschiedlichste Fluchtthematiken abzuhandeln.

Extremsituationen und Risikopraktiken untersucht Sabine Boomers und interpretiert diese Flucht als Selbstvergewisserung und als Suche nach dem eigenen Ich. Die Flucht nach oben bezeichnet sie als Phase des Ausgesetztseins und als bewusstes Auslöschen von Identität. Ausgehend von der Flucht Walter Benjamins vor dem Nationalsozialismus beschäftigt sich Marcus Hawel mit dessen Geschichtsphilosophie und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Sanda Üllen stellt die Frage nach Konzepten von Identität und Zugehörigkeit im Zuge der Migration von bosnischen Flüchtlingen in Dänemark. Erfahrungen von Deterritorialisierung und der territorialen Verankerung werden aus kultur- und sozialanthropologischer Perspektive diskutiert und mit den Ergebnissen eigener Feldforschungen verknüpft. Katerina Kratzmann thematisiert den umstrittenen Begriff „Freiwillige Rückkehr“ von MigrantInnen, die vor allem AsylwerberInnen betrifft. Sie gibt ein Bild der Diskussionen im nationalen und internationalen Kontext und beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf die Betroffenen.

Eine weitere Fluchtmöglichkeiten aus der materiellen Welt, die aus Weltverachtung und der Verachtung der Alltäglichkeit und Nichtigkeit des Lebens resultiert, ist Inhalt des Romans À Rebours von Joris-Karl Huysmans, den Juliette Israel analysiert. Das imaginäre Museum Huysmans dient ihr als Ausgangpunkt für ihre Überlegungen zum metaphorischen Einsatz von Kunstwerken. Computerspiele werden von Thomas Lackner als „verführerische“ Form der medialen Flucht beschrieben, um dem Bedürfnis nach Illusionen nachzukommen. Allerdings beziehen alle modernen Medien diese Flucht in virtuelle Räume und Scheinwelten mit ein.

Der Beitrag der Nachwuchswissenschafterin Alexandra Kager öffnet einen Blick auf die Flucht in die Vergangenheit, zumal in die Vergangenheit der eigenen Familie. Ahnenforschung als Raum, der in einer komplexer werdenden Welt Sicherheit zu geben verspricht.. Gerade auch junge KollegInnen zu fördern, ist seit der Gründung des Kuckuck ein wichtiger Leitgedanke, worauf ich in diesem Zusammenhang wieder einmal aufmuntert hinweisen möchte..

Martin Zinggl entführt uns nach Tuvalu in die Südsee, in eine nur scheinbare Idylle. Gerade dieser Teil der Erde muss immer wieder als Gegenmodel für zivilisationsmüde Flüchtlinge herhalten.. Gerade hier scheint nun aber der Klimawandel frühe Auswirkungen zu zeigen - und die Menschen zur Flucht zu zwingen, welch bittere Ironie.

Auch in dieses Heft hat sich ein Artikel geflüchtet, der nicht in die engere Thematik passt, was jedoch nicht dem Konzept der Redaktion von vornherein widerspricht: Jens Wietschorke führt durch die Welt des immer massiver auftretenden C. und sensibilisiert für sprachliche und culturelle Veränderungen.

 

Adelheid Schrutka-Rechtenstamm