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Maximilian Jablonowski
Handlungstheorie im Souterrain:
Statt eines Aufsatzes, subjektive Reflexionen aus dem ausgangsbeschränkten Leben

Konjunktiv

Ich hätte für diese Ausgabe eigentlich einen Aufsatz über Ein- und Entwürfe zu einer Handlungstheorie autonomer Technik schreiben sollen. Die Ausgangsbeobachtung für den Aufsatz wäre gewesen, dass autonome Technologien, insbesondere symbolisch aufgeladene Beispiele wie selbstfahrende Autos und autonome Drohnen, die bisherige Handlungstheorie der kulturwissenschaftlichen Technikforschung herausforderten. Oft, wenn es um diese Technologien geht, taucht nämlich ein lange abgemeldeter Akteur auf: der urteilskräftige Mensch, der bei aller technischen Handlungsfähigkeit ‚in the loop‘ bleiben und die letzte Entscheidungsgewalt behalten müsse. Auf einmal geht es beim Handeln wieder um Kompetenz und Intention, nicht um verteilte Netzwerkeffekte. Meine daran anschließende These wäre gewesen, dass der Umgang mit autonomer Technologie möglicherweise eine Reformulierung der Symmetrie menschlicher und nicht-menschlicher Akteure im Beschreiben von Mensch-Technik-Interaktionen notwendig machen würde.

Am Modus des vorangegangenen Absatzes sieht man: Der Text ist nicht fertig geworden. Mitten in die ohnehin schon überschrittene Deadline und den bereits sportlichen Zeitplan zur Erfüllung meines Schreibauftrags kam die Corona-Krise: Home-Office, räumliche Isolation, soziale Distanzierung. Bei mir hatte all das vor allem einen Effekt: einen massiven Einbruch von Produktivität. Mein Aufsatz blieb deshalb beim Konjunktiv. An dieser Stelle könnte ich nun einen Verweis auf die lange literarische Tradition der Texte über nicht fertiggestellte Texte, das Schreiben über das Nicht-schreiben-können anbringen. Oder ich könnte auf Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten im Schweizer Bundesamt für Gesundheit, verweisen. Dieser hatte in einer Pressekonferenz auf die Frage eines Journalisten, ob er ihm den Konjunktiv in seinen Ausführungen zur gegenwärtigen Situation erklären könne, mit „Ich bin kein Sprachwissenschaftler, ich kann ihnen den Konjunktiv nicht erklären“ geantwortet. Diese schlagfertige Antwort wird nicht nur im Internet gefeiert, sie fasst auch die gegenwärtige Situation gut zusammen. Auf einmal lebt man in der Möglichkeitsform und Uneigentlichkeit: man würde gerne..., man hätte gerne..., eigentlich... stattdessen...; so richtig verstanden hat man das alles aber noch nicht. Ich hätte auch lieber den eigentlich mit den Herausgeberinnen vereinbarten Text geschrieben. In der Nachtschicht, die endlich den Durchbruch in der wissenschaftlichen Textproduktion bringen sollte, sitze ich unkonzentriert am Küchentisch und schreibe stattdessen einen subjektiven Text über meine Unfähigkeit zu handeln, über meine Unproduktivität.

Sag alles ab!

An einem der ersten Tage meines Home-Offices habe ich noch in einem Facebook-Post einen ironischen Umgang mit der Unproduktivität gesucht. Ich habe den Song Sag alles ab der Band Tocotronic als Programm für die nächste Zeit gepostet: „Die Prüfung findet heut nicht statt, die Karriere macht mal Pause“, singt dort Dirk von Lowtzow. Es wäre doch witzig, dachte ich mir anfangs, jeden Tag einen Song über das Nichtstun und Zuhause-bleiben zu posten, und machte mich ans Recherchieren. Auf die Playlist müsste auf jeden Fall der Song Hauptsache nichts mit Menschen der Band Deichkind. Das passt sogar sehr gut, weil der Aufsatz, den ich eigentlich hätte schreiben sollen, auch mit einem Deichkind-Song begonnen hätte, nämlich Endlich autonom vom aktuellen Album der Band. Auch auf meinem derzeitigen Favoriten für das Album des Jahres 2020, Hotspot (ein Wort, das in den zwei Monaten seit der Veröffentlichung des Albums leider eine ganz andere Bedeutung erhalten hat) der Pet Shop Boys, findet sich mit I don’t wanna ein passender Song: „I don’t wanna go out, I don’t wanna go dancing.“ Sofort lege ich die Platte auf und lasse den Song für die gegebene Stunde viel zu laut laufen. Ich tanze etwas in der Küche, aber das ändert nichts daran, dass ich eigentlich lieber raus gehen will zum Tanzen. Dazu fällt mir Jarvis Cockers neuer Song House Music All Night Long ein, wo es in einer Zeile heißt: „One nation under a roof“ – gerade ist nicht nur eine Nation, sondern Schätzungen zufolge ein Viertel der Weltbevölkerung unter dem heimischen Dach – abgesehen natürlich von den Gruppen, für die Home-Office, Social Distancing und Selbstisolation keine Optionen sind und die deshalb besonders unter dieser Situation leiden: Ärzt*innen, Pflegepersonal, Kassierer*innen, Polizist*innen, Mitarbeitende von Lieferdiensten, wohnungslose Menschen, die Flüchtlinge in den Lagern an den europäischen Außengrenzen, die Menschen in informellen Arbeitsverhältnissen in Indien und anderswo. Und der passende Song für die Zeit, wenn das Virus besiegt ist, alle wieder arbeiten und die neu erlernten Hygieneregeln wieder vergessen werden, ist auch schon seit vierzig Jahren geschrieben, nämlich Geier Sturzflugs Bruttosozialprodukt: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt...“.

Wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, welche Songs auf so eine Corona-Playlist gehören würden, fallen einem an den unwahrscheinlichsten Stellen Zusammenhänge auf. Selbst ein unangenehm sexistisches Lied wie Mickie Krauses Ballermann-Hit Geh doch zuhause enthält auf einmal einen ungeahnten ethischen Imperativ: „Geh doch zuhause, Du alte Scheiße, Du wirst zuhause gebraucht und nicht hier!“

Lagebeurteilung

Doch abgesagt wurde zunächst einmal nur ein bestimmter Teil des Lebens: Konzerte, Kurztrips in andere Städte, Treffen mit Freund*innen, das zweite Date, die lang geplante Hochzeit einer alten Schulfreundin. Nicht aber die Arbeit. Den Artikel, auf den die geduldigen Herausgeberinnen dieses Hefts sowieso schon viel zu lange warteten, wollte ich eigentlich nicht absagen. Doch statt der Zeichenzahl des Word-Dokuments wuchs nur das schlechte Gewissen, als die Arbeit ebenso lange liegenblieb wie ich selbst seit einem Morgen in der ersten Woche der ‚ausserordentlichen Lage‘ – so heißt der Notstand in der Schweiz. Ein sehr passender Begriff: Laut Duden verweist das Wort ‚Lage‘ ja schon auf eine Art des Liegens; Notstand wäre wirklich unzutreffend, denn bislang habe ich den geringsten Teil der sozialen Isolation stehend verbracht.

Nicht nur die globale, sondern auch meine ganz persönliche just-in-time-Ökonomie des Deadline-orientierten Arbeitens ist gehörig aus dem Schritt geraten, als ich mich in die instabile Seitenlage des neuen Alltags begeben habe. Mir fällt plötzlich auf: Mein ganzes Leben war vorher um die Maßgabe aufgebaut, möglichst wenig Zeit zuhause zu verbringen. Jetzt rächt sich mein Trade-off bei der letzten Wohnungssuche, eine Wohnung mit möglichst günstiger Miete in möglichst zentraler Lage zu finden, um das so gesparte Geld lieber außerhalb der eigenen vier Wände auszugeben. Jetzt, wo die Cafés, Kinos, Buchläden, Bars, Restaurants, Clubs und selbst die Uni geschlossen sind, merke ich: Die Decke ist dem Kopf im Souterrain doch noch etwas näher als im dritten Stock des gleichen Altbaus. Der Song, der auf einmal besser zur Lage passte, ist Depressiver Tag der Berliner Band Britta.

Zu viel Zeit

Etwas anderes, das mit mir zusammen liegenbleibt, ist die Überarbeitung des Call for Papers für den nächsten dgv-Kongress mit dem Titel:– oh, the irony! – Zeit! Es ist jetzt schon absehbar, dass die jetzige Situation eine Vielzahl an Beiträgen auf dem Kongress bestimmen wird; das Kongressthema wird im besten Sinne zeitgemäß sein!

Produktivität bezeichnet, vereinfacht ausgedrückt, den erarbeiteten Wert je Zeiteinheit, Produktivität ist also eine Funktion aus Handeln und Zeit. Die Moderne ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Zeiteinheiten in einem vorher nicht gekannten Maße normiert hat; alles Handeln ist in Millisekunden (bei einem 100 Meter Lauf), in Stunden (beim Arbeitstag) oder in Jahren (bei der Karriereplanung) eingetaktet. Doch jetzt verschiebt sich dieser Takt: Statt metrischer Einheiten scheint das neue universale Maß für die Bewältigung der unsicheren Zeitspanne der sozialen Isolation Toilettenpapier zu sein: Ich befinde mich seit zwei Rollen im Home-Office, sechs Rollen könnte ich noch durchhalten.

Analog ist Unproduktivität der nicht erarbeitete Wert in einer unbestimmten Zeiteinheit. Man hat zu viel Zeit, in der man zu wenig hinbekommt. Mir fällt dazu der Song Zuviel Zeit von Adolf Noise, dem humorigen Nebenprojekt von DJ Koze, ein, in dem Gunter Gabriels legendäre Publikumsbeschimpfung aus dem sachsen-anhaltinischen Eisleben gesampelt wird: „Ihr habt ja so viel Zeit, sonst wäret Ihr ja nicht am Nachmittag schon hier. Ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt.“ Am Nachmittag sollte man nicht Musik hören, sondern endlich die Texte schreiben, deren Deadline schon seit Wochen abgelaufen ist. Erst recht nicht in der privilegierten Situation eines kantonalen Angestellten, der anders als viele Freischaffende nicht einmal in Bewegung bleiben müsste, damit die Knete stimmt.

Eine ähnliche Haltung wie die Gabriels wurde vor einigen Jahren auf Twitter unter dem Hashtag #hustleporn diskutiert: Vor allem in Berufen, in denen die persönliche Identifikation mit der eigenen Arbeit ähnlich hoch ist wie die Selbstausbeutungsrate, ersetzt das ständige Reden über die momentane Arbeitsbelastung und die unbezahlt abgeleisteten Arbeitsstunden das Zurschaustellen finanzieller Vergütungen und materieller Statussymbole als ein zentrales Kriterium für die Organisation von professioneller und persönlicher Anerkennung. In dieser Beschreibung erkenne ich mich unangenehmerweise gut wieder: Auf die Frage, wie es einem geht, antworte ich schon fast reflexhaft mit: „Okay, halt viel zu tun.“ Was macht es dann mit einem, wenn sich die Wochenarbeitszeit ungewollt im unteren einstelligen Bereich einpendelt? Wenn man auf einmal reflexhaft antwortet: Nicht okay, ich bin total unproduktiv. Zu viel unbestimmte Zeit zu haben, führt eben nicht zwangsläufig zu Produktivität und Kreativität. Es wird allgemein eher als ein verwerflicher Zustand angesehen, der zu nutzlosem Müßiggang und im schlimmsten Fall zu Devianz oder gar Kriminalität führen kann. Aus diesem Grund hat man früher versucht, die Jugend von der Straße zu holen, weil die Straße für diese soziale Gruppe seltsamerweise als ein Ort der Unproduktivität verstanden wurde – jetzt versucht man sie wieder von der Straße zu holen, damit sie zumindest zuhause sind beim Nichtstun.

Während ich mich also selbst von der Straße hole und nichts tue, habe ich die Vorstellung, alle anderen Kolleg*innen sitzen nun zu Hause und schreiben die Bücher, die sie immer schon mal schreiben wollten – oder zumindest lesen sie die Bücher, die sie immer schon mal lesen wollten. Und in ihrer Freizeit schreiben sie noch kluge Feldnotizen aus den eigenen vier Wänden, denn in historischen Momenten sollte man als Person in schreibenden Berufen seine freie Zeit vor allem für Zeitdiagnosen nutzen. Von verschiedener Seite wurde aufgerufen, Corona Diaries zu führen. Das ist für eine Wissenschaft vom Alltag freilich absolut einleuchtend, denn die derzeitige Situation ist Alltag als experimenteller Versuchsaufbau: Was passiert mit dem Alltag, wenn man die Variablen x, y oder z für die Population a, b oder c verändert? Jetzt können wir unseren ansonsten unordentlichen Gegenstand endlich mal in eng begrenzten Laborverhältnissen anschauen; jetzt müssen wir keine Angst vor dem Feld mehr haben und wir müssen keine Reisekostenanträge mehr bei störrischen Univerwaltungen durchboxen, denn jetzt macht man multi-sited ethnography in 2-Zimmer-Küche-Bad. Die Kalauer liegen alle parat wie der Ball auf dem Elfmeterpunkt im ansonsten menschenleeren Fußballstadion, zu diesem Zeitpunkt stehen sicherlich schon einige nerdige Witze in dutzenden Corona Diaries von Anthropolog*innen weltweit: Anthropology at Home bekommt eine ganz neue Bedeutung; Armchair Anthropology feiert wieder fröhliche Urstände.

Auch ich habe ein Corona Diary angefangen, doch ich musste schnell feststellen: In Momenten großer Unproduktivität, wenn man eigentlich nichts tut, sich also auch nicht an konkreten Aufgaben abarbeiten kann, ist der gedankliche Freiraum für Selbstüberschätzung umso größer. Bei meinem Corona Diary müsste deshalb schon so etwas rauskommen wie Adornos Exilschrift Minima Moralia, darunter geht es natürlich nicht! Die Schlagworte für die entsprechende historische Dimensionierung liefert der mediale Diskurs: die größte Krise seit dem zweiten Weltkrieg, Totalmobilmachung im Krieg gegen das Virus, Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Selbstisolation wird zur inneren Emigration, das Home-Office zum heroischen Exil. Und weil die Latte so hoch und die Produktivität so klein ist, fange ich meine Minima Socialia: Reflexionen aus dem ausgangsbeschränkten Leben gar nicht erst an zu schreiben. Mehr als ein paar Stichworte und Beobachtungen stehen auch nach mehr als zwei Wochen nicht in dem mit Corona Diary betitelten Word-Dokument. Ein paar Versatzstücke, unter anderem der zweifelhafte Untertitel, haben es immerhin in diesen Text geschafft. Wie soll ich meinen durcheinander gewirbelten Alltag auch wissenschaftlich analysieren, wenn ich meinen eigenen Alltag als Wissenschaftler schon nicht organisiert bekomme?

Staubsauger und Smartphone

Ein Satz wird seit Wochen so oft im Radio, in Zeitungen, im Fernsehen und diversen Podcasts wiederholt, dass es schon etwas unangenehm ist, ihn nochmals aufzuschreiben: Wir müssen jetzt zusammenhalten, indem wir uns so weit wie möglich voneinander fernhalten. Dieser scheinbar paradoxe moralische Imperativ hat nicht nur unmittelbare rhetorische Evidenz, sondern lässt sich, sofern man nicht in systemkritischen Berufen arbeitet, mit Blick auf das Thema dieser Ausgabe analog formulieren: Man trägt gerade am meisten zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation bei, indem man zuhause bleibt und nichts tut. Ko-Laboration durch Isolation, die ganze Gesellschaft wird zum Akteur-Netzwerk auf Distanz: Denkt man Handeln als hybriden Effekt, hat zu Hause bleiben und Netflix schauen gerade die gleiche gesellschaftliche Bedeutung wie Online Teaching mit MS Teams. Ich könnte mir immerhin mein Nichtstun als produktiven Beitrag zur Lösung der Corona-Krise schönreden und die moralische Kraft meines eigenen „I prefer not to“-Moments genießen.

Meine derzeitige Unproduktivität führt mir die atmosphärische und infrastrukturelle Dimension des alltäglichen Handelns vor Augen. So lange der Alltag funktioniert, merkt man gar nicht, welche komplexen Umgebungen und Netzwerke man sich vorher für das Handeln geschaffen hat oder welche dafür bereitgestellt wurden. Genauso wie die Handlungsfähigkeit der selbstfahrenden Autos oder autonomen Drohnen, über die ich jetzt eigentlich nachdenken sollte, von einer dichten Atmosphäre elektromagnetischer Signale und einer weit verzweigten vertikalen Infrastruktur aus 5G-Sendemasten und GPS-Satelliten abhängt, hängt auch meine eigene Produktivität von einer fein abgestimmten Atmosphäre ab. Ich habe mir ein engmaschiges, fast kybernetisches Feedbacksystem aus gemeinsamen Mittagessen und Raucher*innenpausen, kurzem Schnack am Kaffeeautomaten, der nicht nur symbolischen Transition der Velofahrt zum Institut und meiner Büroeinrichtung geschaffen, das – so merke ich jetzt – nicht nur Umwelt meines täglichen beruflichen Handelns ist, sondern eigenständiger Akteur.

Während ich unkonzentriert im Buch What Things Do des Technikphilosophen Peter-Paul Verbeek, das ich mir für den Artikel aus dem Büro mit nach Hause genommen habe, nach vor Wochen unterstrichenen Zitaten suche, finde ich es gleichzeitig frustrierend und ironisch, dass die Dinge in meinem Umfeld, allen voran natürlich mein Smartphone und mein Staubsauger, viel produktiver zu sein scheinen als ich. Sie sind gerade ständig im Einsatz und lassen mich nicht hängen, anders als ich die Herausgeberinnen dieser Ausgabe. Bruno Latour erzählt in seinem launischen Text zur Soziologie des Türöffners, den ich eigentlich im Aufsatz kritisch diskutieren wollte, von der Verteilung von Handlungsmacht zwischen Menschen und Dingen. Jetzt, wo andere Menschen wegfallen, merke ich, wie es die alltäglichen Dinge und unser gemeinsames Handeln ist, das meinen Alltag noch halbwegs zusammenhält.

Tele-Praktiken

In den frühen Morgenstunden, in denen ich diesen Text schreibe, habe ich seit mehr als zwei Wochen keinen einzigen Menschen mehr berührt: kein Handschlag, keine Umarmung, nicht einmal einen hygienisch vorteilhafteren Fist Bump. Es ist nichts, worauf ich vorher jemals geachtet habe, aber ich glaube, eine solche Phase hat es noch nie in meinem Leben gegeben. Vielleicht liegt es eben daran, dass der Tastsinn bislang trotz des ‚sensory turns‘ im Vergleich zum Hören und Sehen immer noch relativ wenig Beachtung findet. Wie sehr das Berühren anderer Menschen für das Menschsein selbstverständlich ist, fällt erst auf, wenn es mal nicht stattfindet. Mir fällt der Song Touch von Daft Punk feat. Paul Williams ein, den ich wegen seiner unironischen Cheesiness immer sehr mochte, obwohl er relativ wenig beachtet worden ist, weil er auf dem letzten Album der Band zwischen zwei Hits mit einem anderen Herrn Williams untergeht. Dort geht es um das Berühren und Berührt werden von einer geliebten Person. Nach einer effektvollen Pause kurz vor dem Ende, setzt der Song nochmals an mit der Line „Touch! You’ve almost convinced me I’m real!“ Diese Liedzeile, bereits tausend Mal gehört ohne weiter darüber nachgedacht zu haben, leuchtet mir auf einmal unmittelbar ein: Berührungen von anderen Menschen tragen dazu bei, als Mensch real zu werden! In der momentan kaum vorstellbaren, aber eigentlich nicht allzu fernen Zukunft, wenn körperliche Nähe nicht mehr ausschließlich unter epidemiologischen Gesichtspunkten betrachtet wird, trägt dieser kollektive Entzug vielleicht dazu bei, den zahlreichen Menschen, die auch schon vor der Ausgangssperre isoliert waren, mehr Zeit für Nähe einzuräumen und unseren analytischen Blick auf die taktile Dimension unserer gegenseitigen Anrufungen als Mitmenschen im Alltag zu richten.

Wie bei den Gegenständen meines eigentlichen Aufsatzes dreht sich mein ganzer Alltag gerade um Tele-Praktiken, also um die Praktiken, die Handeln und Kommunizieren jenseits des unvermittelten körperlichen Nahraums ermöglichen und vollziehen – und dabei eigentlich erst Nähe und Distanz als kulturelles Verhältnis herstellen. Kulturtechniken und Infrastrukturen des Fernsteuerns und Fernspürens (remote control & remote sensing), die für das Funktionieren selbstfahrender Autos und autonomer Drohnen so unerlässlich sind, erhalten auf einmal auch in meinem Alltag verstärkt Einzug, wenn ich jetzt versuche, meine sozialen Kontakte aus der Ferne zu organisieren und aufrecht zu erhalten, um ein bisschen vermittelte Nähe einzustellen. Statt Menschen berühre ich gerade exzessiv die Oberflächen meiner digitalen Interfaces – um sie anschließend umso exzessiver zu desinfizieren. Dabei komme ich den Gesichtern meiner Freund*innen allerdings streng genommen so nah wie selten zuvor, wenn sich ansonsten gut gestylte Hipster*innen auf dem Touchscreen meines iPhones in ungeschminkter und unrasierter Nahaufnahme präsentieren, schlecht beleuchtet und mit einem der laxen Körperhaltung auf dem Sofa geschuldeten Doppelkinn – niemals sonst würde man sich so bei öffentlichen oder auch privaten Treffen vorzeigen! Doch auf einmal taucht in den ungewohnten Tele-Praktiken wieder unerwartet ein Stück Normalität auf: Die Videochat-App Houseparty ist an einem Freitagabend so überlastet, dass ein ordentliches Gespräch mit den Freund*innen genauso wenig möglich ist wie in einem lauten und überfüllten Club.

Konjunktiv (reprise)

Jetzt ist es sechs Uhr an einem Donnerstagmorgen, die Nacht ist durchgeschrieben, der Text fast fertig, nur eben der falsche. Ich setze Kaffee auf und meine Kopfhörer ab, auf denen zuletzt Morisseys Everyday Is Like Sunday lief. Normalerweise würde ich jetzt den langsam beginnenden Verkehr des nur wenige Kilometer entfernten Zürcher Flughafens hören, dessen Flugspuren eigentlich ein dichtes Netz über der Stadt bilden. Den gedämpften Fluglärm über dem hippen Zürcher Industriequartier habe ich immer, neben der ständigen Geräuschkulisse der nahe gelegenen Hardbrücke, als ein akustisches Zeichen von Urbanität empfunden. Stattdessen höre ich nun Vögel singen und frage mich, ob ich die Zeit nicht auch besser hätte nutzen können, um den eigentlichen Artikel fertigzuschreiben? Ach, Konjunktiv, geh doch zuhause!

 

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Statt eines Literaturverzeichnisses die unvollständige Corona-Playlist dieses Texts

Adolf Noise aka DJ Koze (2005) ‘Zuviel Zeit’, Wo die Rammelwolle fliegt. Buback Records.

Britta (2006) ‘Depressiver Tag’, Das schöne Leben. Flittchen Records.

Daft Punk feat. Paul Williams (2013) ‘Touch’, Random Access Memories. Columbia Records.

Deichkind (2015) ‘Hauptsache nichts mit Menschen’, Niveau Weshalb Warum. Sultan Günther Music.

Geier Sturzflug (1983) ‘Bruttosozialprodukt’, Heiße Zeiten. Ariola.

Jarvis Cocker, Jar Vis (2020) ‘House Music All Night Long’, House Music All Night Long. Rough Trade Records.

Mickie Krause (2003) ‘Geh doch zuhause’, Krause Alarm. Capitol Music.

Morrissey (1988) ‘Everyday Is Like Sunday’, Viva Hate. Parlophone Records.

Pet Shop Boys (2020) ‘I don’t wanna’, Hotspot. x2 Recordings.

Tocotronic (2007) ‘Sag alles ab’, Kapitulation. Universal Music.