Es ist soweit, ein Methoden-KUCKUCK!  

Als empirische Kulturwissenschaft ist die Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie stets bemüht, sich mit ihrem Forschungsgegenstand mitzubewegen, ihn in seinen sich wandelnden Dynamiken immer wieder aus neuen Perspektiven in den Blick zu nehmen und neu zu erforschen. Dieser Anspruch bringt die Notwendigkeit eines flexiblen Umgangs mit methodischen Instrumenten wie auch eine stetige Diskussion derselben mit sich. Die Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie/Volkskunde brachte bereits eine Vielzahl an Schriften(sammlungen) zu neuen methodischen Ansätzen und Reakzentuierungen bestehender Zugangsweisen hervor, die so Diskussionen über das Forschen lebendig wie den Gegenstand selbst halten. 

Mit "Forschen" möchte sich der KUCKUCK nun in Liste dieser Schriften einreihen und einen Beitrag zu aktuellen Diskussionen zu menschlichen und nichtmenschlichen Körpern, Machtbeziehungen, Wahrheiten, Irritationen, und Institutionen, zu Argumentationsweisen, Instrumentarien und Selbstverständlichkeiten in Forschungsprozessen beitragen. Dieses Heft orientiert sich besonders an einem berühmten Vorbild, dem von Utz Jeggle 1984 herausgegebenen Band „Feldforschung“. Jeggle versammelt darin keine formalisierten Abhandlungen, sondern lebendige Erzählungen, in denen sich methodische Fragen fast wie von selbst ergeben. Diesem Ansatz möchte auch dieses Heft folgen. 

Die hier versammelten Beiträge kreisen um drei Schwerpunkte. Katharina Eisch-Angus, Robin Klengel und Fritz Schlüter thematisieren feldforscherische Ansätze, zu denen es bislang wenig methodologische Literatur innerhalb der deutschsprachigen Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie gibt. Eisch-Angus geht es um einen zwar selbstverständlichen aber wenig theoretisierten Aspekt der Ethnographie: das Verfassen von Feldnotizen. Anhand konkreter Beispiele aus ihrer Feldforschung zum Alltag in der Sicherheitsgesellschaft in England zeigt sie sehr anschaulich, welche Möglichkeiten sich aus dem strukturierten Verfassen von Feldnotizen und Forschungstagebucheinträgen eröffnen und welche Bedeutungen diese Praktiken des Dokumentierens für Forschungsprozess und -ergebnisse haben. Als „zeichnender Feldforscher“ positioniert sich Klengel als Vertreter einer „graphischen Anthropologie“. Die ethnographische Zeichnung hat, wie der Autor anhand einer urbananthropologischen Forschung in Ahmedabad (Indien) erörtert, als vermittelnde Aktantin, als tool zur Fokussierung der forschenden Aufmerksamkeit und als Vermittlungsmedium einiges zu bieten. 

Fritz Schlüter beschäftigt sich mit einem weiteren feldforscherischen Werkzeug: dem soundwalk. Gleich der Zeichnungen erlauben soundwalks eine Lenkung und Kanalisierung der forschenden Aufmerksamkeit. Von daher gilt es auch, diese beiden Methodenbausteine kritisch auf ihren Erkenntniswert hin zu befragen. 

Die Texte von Michaela Fenske, Beate Sløk-Andersen, Stephanie Schmidt, Linda Mülli und Stefan Wellgraf zeigen, wie sich aus „besonderer“ Gefordertheit oder Irritationen im Forschungsprozess eine Neubestimmung der Rolle der Forscherin im Feld ergeben und wie dies für den Verstehensprozess fruchtbar gemacht werden kann. Michaela Fenske nimmt dabei die Kollision des menschlichen Forscherinnenkörpers mit jenem einer Biene als Akteurin in ihrem multispecies-Feld zum Ausgangspunkt, um die methodischen Möglichkeiten der Erforschung dieses Beziehungsgefüges im Sinne einer „anthropology beyond the human“ auszuprobieren. Beate Sløk-Andersen reflektiert ihr körperliches Im-Feld-sein während ihrer ethnografischen Forschung im dänischen Militär. Die Notwendigkeiten und Eigenlogiken des Feldes schreiben sich buchstäblich in den Forscherinnenkörper ein und werden damit sichtbar. Als Medium wird dieser zu einem Mittel der Erkenntnis, mit dem die Dynamik des Feldes aufgefangen werden kann. 

Die Reflexion ihrer Doppelrolle als Praktikantin und Forschende in einer transnationalen Organisation nimmt Linda Mülli zum Anlass, um die methodischen und ethischen Wege und Grenzen auszuloten, die dieses Feld durchziehen. 

Stefanie Schmidt thematisiert die ethnografischen Herausforderungen in einer mächtigen, gewaltausübenden und tendenziell forschungskritischen Institution: der Polizei. Die zahlreichen Hürden, die die Institution und ihre Vertreter_innen der Forscherin in den Weg legen, geben Auskunft über die Eigenarten dieses sozialen Feldes und sein Verhältnis zum gesellschaftlichen „Außen“. 

„Wege ins Feld – Wege im Feld“ führen Stefan Wellgraf entlang seiner Reflexionen über seine teils prekären Rolle(n) in Forschungen, der Wissenschaft und seiner Umgebung. Am Beispiel seiner Arbeit zu Berliner Hauptschüler_innen zeichnet er in einem sehr persönlichen Text die Exklusionsmechanismen nach, denen jede seiner Rollen ausgesetzt ist.  

Die Texte aus der ethnographischen Praxis werden von zwei Texten gerahmt, die sich mit allgemeineren, aber umso aktuelleren und fundamentaleren Aspekten des Forschens  auseinandersetzen. Der Sozialwissenschaftler Tino Heim überprüft den Nimbus der Wissenschaftlichkeit auf seine Objektivitätsansprüche im Zeitalter des Postfaktischen. Dem Wunsch nach „objektiven Fakten“ jenseits der Ideologie stellt Heim ein Wissenschaftsverständnis gegenüber, das sich kritisch zu seiner eigenen Konstruiertheit verhält und die Umstände seiner Entstehung offenlegt. Er warnt vor einem naiven wissenschaftlichen „Realismus“ als vermeintliche Antwort auf „Fake News“ und plädiert stattdessen für eine sich „als reflexiv kritisches Ferment“ verstehende, mitgestaltende Wissenschaft. 

Abschließend weist Heiner Goldinger auf die Fruchtbarkeit analytischer Verfahren in der ethnographischen Forschung hin. Mit „Anthropotaktik“ bezeichnet er die jeweils aktualisierte „transhistorische, transkulturelle und transhabituelle Grundlage menschlichen Handelns“. Forscherisch fassbar wird diese einerseits durch Höflichkeitstheorien in Anlehnung an Penelope Brown und Stephen Levinson und andererseits mit Hilfe der „Transactional Analysis“ des Psychotherapeuten Eric Berne. 

Kontrastiert werden die Texte vom Kunstbeitrag der Fotografin Clara Wildberger. Sämtliche Bilder entstammen ihrer work-in-progress Serie This night perhaps won't be the night of your life. But really, that's ok. Sie sind Zeugnisse ihrer fotografischen Streifzüge, in denen sie die kulturelle Disposition des Nachtlebens in unterschiedlichen Kontexten künstlerisch erforscht und dokumentiert.