Andreas Hackl
Politisch, Kritisch, Öffentlich
Plädoyer für den Sprung aus dem Elfenbeinturm

 Anthropology will survive in a changing world by allowing itself to perish in order to be born again under a new guise.” -Claude Lévi-Strauss, 1966[1]

“My starting point is always a feeling of partisanship, a sense of injustice. When I sit down to write a book, I do not say to myself, ‘I am going to produce a work of art’. I write it because there is some lie that I want to expose, some fact to which I want to draw attention, and my initial concern is to get a hearing.” –George Orwell, 1946[2] 

Journalismus und wissenschaftliche Forschung sind verwandt und doch sehr unterschiedlich. Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen kritisieren die Oberflächlichkeit journalistischer Berichterstattung, flüchten sich aber auch vor einer breiten Öffentlichkeit in die Welt komplizierter Sprache, abgeriegelter Zeitschriften und spezialisierter Fachdebatten. JournalistInnen kritisieren die Wissenschaft deshalb als abgeschottet und weltfremd, leiden aber selbst unter Zeitdruck und prekären Arbeitsverhältnissen in einer sich schnell verändernden Medienwelt. Während man als JournalistIn Twitter & Co nicht mehr ignorieren kann, sickern die neuen Anforderungen und Chancen einer gewandelten Informationsgesellschaft nur langsam in den Alltag des wissenschaftlichen Elfenbeinturms durch. Wie könnte sich die Kultur- und Sozialanthropologie an die Anforderungen der nahen Zukunft anpassen, wenn sie politischer und für eine breite Öffentlichkeit relevanter sein will? Und was könnte sie vom Journalismus lernen, was besser nicht?

In diesem Text begebe ich mich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten und Trennlinien zwischen Journalismus und der Kultur- und Sozialanthropologie sowie ihrem Verhältnis zu Politik und Öffentlichkeit. Dabei werde ich diskutieren, wie kommuniziert wird, aber auch warum. Das ist mitunter auch eine Suche nach mir selbst: Als Anthropologe und Journalist habe ich vier Jahre in Israel-Palästina gelebt, dort geforscht und recherchiert. An manchen Tagen bin ich als Journalist aufgewacht, an anderen als Forscher. Ich habe interessanten Menschen Fragen gestellt und mit ihnen Zeit verbracht, ob für die Dissertation, Zeitungen oder Magazine, und manchmal für alle zugleich. In kurzen Sätzen wurden Artikel eilig an Zeitungen geschickt. An anderen Tagen habe ich gemächlich wissenschaftliche Artikel gelesen und neue Erkenntnisse in meinem Feldtagebuch festgehalten. Durch ständigen Wechsel musste ich den Anforderungen zweier Disziplinen gerecht werden, was man schon an der unterschiedlichen Sprache erkennt:

Welche Einleitung gefällt Ihnen eigentlich besser, die vorangegangene, oder die folgende?

Aus den Ähnlichkeiten und Unterschieden wissenschaftlichen und journalistischen Arbeitens lassen sich Schlüsse über deren Verhältnis zu Politik ziehen, wobei das Politische hier als die gesellschaftspolitische Funktion von Wissensproduktion zu verstehen ist. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis über den unterschiedlichen politischen Charakter von Journalismus und Wissenschaft wird der folgende Text aufarbeiten, wie der Autor als Journalist und Wissenschaftler die unterschiedlichen Anforderungen beider Disziplinen im beruflichen Alltag ausverhandelt hat, und welche Schlüsse sich aus dieser Praxis für die Diskussion über eine kritische und politische Wissensproduktion ableiten lassen.

Die Wahl der Sprache ist eines der auffälligsten Unterscheidungsmerkmale von Journalismus und Wissenschaft. Doch nicht jede Geschichte lässt sich auf zwei Seiten erklären, nicht jede Idee im Telegrammstil erläutern. Außerdem arbeiten JournalistInnen in einer völlig anderen Zeitdimension: Journalistische Beiträge sind oft nur zu einem bestimmten Zeitpunkt relevant, müssen meist eilig produziert und daher auch schnell recherchiert werden. Anthropologische Forschung kann und soll sich Zeit nehmen. Und ihre Inhalte gehen meist über das Aktuelle hinaus weil sie auch Jahre danach noch relevant sein müssen. Denn immerhin dauert es einige solcher Jahre, bis aus einer Forschung eine Dissertation, und daraus wiederum ein Buch wird. So musste die Wissenschaft andere Wege finden, um parallel zu diesen langen Prozessen in kürzeren Intervallen am öffentlichen Diskurs teilzunehmen.

Das Grundgerüst der Kultur- und Sozialwissenschaften folgt weiterhin den langsamen, aufwendigen Prozessen, die über Jahre hinweg ein spezialisiertes Werk für ein enges Publikum an ExpertInnen aufarbeiten. Dennoch haben AnthropologInnen parallel dazu alternative Wege der Kommunikation eingeschlagen, wie etwa in der angewandten oder aktivistischen Anthropologie, oder dem ethnografischen Film. Das Fach öffnet sich außerdem zunehmend nach außen und diese Entwicklung ist auch an der Vielzahl veröffentlichter Kritiken zum Thema abzulesen.[3] Das wissenschaftliche  Engagement außerhalb des Elfenbeinturms umfasst viele unterschiedliche Bereiche: (1) Austausch und Unterstützung, (2) Lehre und öffentliche Bildung, (3) soziale/politische Kritik, (4) Kollaborationen, (5) Advocacy, und (6) Aktivismus.[4] Die folgende Diskussion dreht sich vor allem um die soziale und politische Kritikfähigkeit und die dafür nötige Öffentlichkeit. Diese bringt auch Widersprüche und Probleme mit sich, weil der Spagat zwischen wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und politischer Fürsprache nicht immer einfach ist, wie etwa im Fall der gleichzeitigen Unterstützung und Erforschung indigener Landrechtsbewegungen.[5] Kann man einer Bewegung gegenüber kritisch bleiben wenn man Teil von ihr wird? Darüber hinaus kann die Teilnahme am öffentlichen Diskurs für AnthropologInnen unzufriedenstellend ausfallen. Der typische Kommentar nachdem man als ExpertIn von Medien interviewt wird: „Das ist aber nicht, was ich gesagt habe!“

Auch um die Abhängigkeit von den Spielregeln der Anderen zu umgehen, machen immer mehr AnthropologInnen ihre eigenen Medien. Das ist am Wachstum facheigener Blogs und Projekte zu erkennen.[6] Auch diese Bewegung nahm überraschend früh ihren Anfang: Schon im Jahr 2000 stellte der Anthropologe Maximilian Forte die Frage: Should anthropologists continue to behave as if Anthropology’s most important market consists of anthropologists themselves and their students? Seine Antwort war Nein. Stattdessen, so Forte, sollte die Anthropologie ihre „eigenen Massenmedien” schaffen: durch „Webcast“ im Internet.[7] Was vor, 15 Jahren mit einer Utopie und Webcasts erster Fernsehberichte im Internet begonnen hat ist heute allgegenwärtige Realität. Forte hat sein ursprüngliches Ziel weiterverfolgt und steht heute hinter dem anti-imperialistischen Blog Zeroanthropology.net.

Diese Entwicklungen belegen die Wandlungsfähigkeit der Kultur- und Sozialanthropologie trotz ihrer Einbettung in einem weitgehend in sich gekehrten Wissenschaftsbetrieb. Mehr Öffentlichkeit und Sichtbarkeit könnte die Rolle der Anthropologie zukünftig stärken, doch neben einer Chance birgt dieser Wandel auch Gefahren in sich.  Im Folgenden werde ich Chancen und Probleme diskutieren und diese den Möglichkeiten in einer gewandelten Informationsgesellschaft gegenüberstellen. Der gelegentliche Rückgriff auf meine Erfahrung als Journalist soll dabei helfen, die Möglichkeiten für die Wissenschaft auch im Vergleich und Kontrast zum Journalismus  abzutasten.

 

Zeit und Ethik im politischen Kontext

Um mehr Sichtbarkeit und Kritikfunktion im schnelllebigen öffentlichen Diskurs zu erlangen könnte die Anthropologie beispielsweise ihre Wissenskommunikation beschleunigen, wie etwa im Journalismus. Doch das bringt Probleme mit sich. Denn Journalisten haben weniger Zeit und weniger Platz für das, was sie sagen wollen. Berichterstattung und Gesellschaftskritik muss hier oft in Echtzeit stattfinden. Welches Medium druckt schon eine Reportage einer Revolution, nachdem diese gescheitert ist?

Die Anthropologie legt bewusst Wert auf nachhaltige Analyse. Und so veröffentlichen AnthropologInnen ihre Forschungen zu Protesten, Aktivismus und Revolution oft mehrere Jahre nach Abschluss der Forschung. Herausragende anthropologische Studien zum zivilen Widerstand in der Zweiten Palästinensischen Intifada (2000-2005) wurden beispielsweise erst 2010 und 2011 als Bücher veröffentlicht.[8] Große Ideen brauchen Zeit, um zu reifen, nur werden sie so auch weniger relevant für die unmittelbar interessierte Öffentlichkeit. AnthropologInnen haben aus guten Gründen mehr Zeit und Platz, dafür aber ein anderes und meist beschränkteres Publikum.

Die schnellere Produktion von Forschungsinhalten bringt Probleme mit sich. Dabei wirft die Suche nach politischer Relevanz und mehr Öffentlichkeit auch ethische Fragen auf. Verbände wie die American Anthropological Association (AAA) legen viel Wert auf ethische Richtlinien, wie etwa der „Do No Harm“ Grundsatz, oder dem Einholen von Zustimmungen sowie dem Absprechen eventueller Anonymisierung,[9] sowie dem Schutz der InformantInnen. Stehen manche ethische Richtlinien einer engagierten Wissenschaft im politischen Kontext im Weg?

Der Anthropologe Phillipe Bourgois sagt ja. Er kritisierte schon 1990 ein „enges“ Verständnis von Ethik in der Anthropologie, das im hochpolitisierten Kontext unbrauchbar sei: How does one investigate power relations and fulfill the researcher‘s obligation to obtain informed consent from the powerful?[10] Laut Bourgois haben sich AnthropologInnen zu sehr daran gewöhnt, unter jenen „Unterdrückten“ zu erforschen, mit denen sie sympathisieren. Werden jedoch auch die Unterdrücker und Machthaber in den Blick genommen, führen ethische Vorschriften zu Widersprüchen, nicht zuletzt weil diese zum Zwecke des Machterhalts ausgenutzt werden können. Bourgois ist selbst in das Kreuzfeuer ethisch begründeter Kritik geraten, nachdem er 1981 als Doktorand zwischen die Fronten des Bürgerkriegs in El Salvador geriet. Vom amerikanischen AnthropologInnen-Verband wurde er früh als zu „politisch“ und als „außerhalb der Anthropologie“ stehend kritisiert; dabei war eine bewusste Verzögerung der Veröffentlichung zum Abklingen der militärischen Involvierung eine möglich Strategie, mit der er den Missbrauch der Forschung vermeiden wollte.[11] Somit kann Öffentlichkeit auch eine negative politische Konsequenz haben.

Kurz nach dem ersten Forschungsaufenthalt in El Salvador besuchte Bourgois ein salvadorianisches Flüchtlingslager in Honduras, dessen Bewohner seine Gegenwart als ausländischer Gast als Schutzmechanismus gegen die Gewalt durch das Militär befürwortet haben. Doch es kam anders: Nur wenige Tage nach Ankunft begleitete er – ohne Absprache mit seiner Universität – Flüchtlinge „illegal“ über die Grenze nach El Salvador und geriet in einen „14-tägigen Alptraum“ unter Angriffen der salvadorianischen Armee, was letztendlich in einem Fluchtversuch mit hunderten Zivilisten und vielen on der Armee getöteten Männern, Frauen und Kindern endete.[12] Den Ethik-Kodex amerikanischer AnthropologInnen hatte er mehrfach gebrochen, ihm drohte der Ausschluss. Interessant ist dabei vor allem, dass die Öffentlichkeit der Vorkommnisse das größte Problem darstellte, nicht unbedingt das Handeln selbst. Um seine Pflicht als Zeuge des Massakers wahrzunehmen hatte Bourgois an Medien und Menschenrechtsorganisationen Bericht erstattet. Er schreibt: By remaining silent I would not have violated anyone’s rights to privacy nor have threatened my colleagues’ access to the field, nor offended my host country government.[13]

Dieser sehr bekannte Extremfall deutet auf eine Spannung zwischen Ethik und Öffentlichkeit im politischen Kontext. Als Zeuge hatte Bourgois die Verantwortung unmittelbar an die Öffentlichkeit zu gehen, als Anthropologe hätte er jedoch schweigen sollen. Auch Qualitätsjournalismus folgt ethischen Prinzipien, wie etwa dem Schutz der Privatsphäre. Dennoch unterwandern Zeitdruck und die Nachfrage nach spektakulären Geschichten diese Prinzipientreue oft. Als Journalist hatte ich oft mit den Widersprüchen von unmittelbarer Öffentlichkeit und Ethik zu kämpfen, wie im Herbst 2013, als ich im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari recherchierte, wo zu dieser Zeit rund 120.000 Syrer untergebracht waren. Die Dauer meines „Forschungsaufenthalts“ im Lager: Ein Tag. Drei weitere Tage für Experteninterviews und Recherchen in der Hauptstadt Amman. Wie tief kann der Einblick in eine Welt sein, wenn man sie an einem Tag erkundet? Aber sollte man deshalb schweigen?

Nach Auswertung meiner Recherche hatte ich die Anthropologin Liisa Malkki interviewt. Nach einer kurzen Schilderung meiner Fragen und meines Hintergrundes als Journalist und Anthropologe wollte sie wissen, wie lange ich für diese Geschichte in Jordanien geforscht hatte. „Ein paar Tage“, meinte ich daraufhin unsicher, mit dem Zusatz: „Ich finde es schwierig, zwischen Anthropologie und Journalismus hin und her zu wechseln, und als Anthropologe weiß ich natürlich, dass ich statt Tagen Monate bräuchte.“ Malkki gab mir daraufhin zu verstehen, dass ein paar Tage kaum genug seien, um ein Flüchtlingslager mit 120.000 Bewohnern zu erforschen. „Ich hoffe, Sie folgen zumindest denselben ethischen Prinzipien?“ meinte sie noch, woraufhin ich mit einem vorschnellen „ja natürlich“ antwortete. Tatsächlich war ich mir jedoch nicht so sicher.

Obwohl ich die Zustimmung aller Personen einholte, und meine Rolle als Journalist klar darlegte, war es unmöglich, manche Protagonisten der Geschichte wegen ihrer prominenten Rolle als Machthaber im Camp zu anonymisieren. In den Geschichten ging es um Politik im Camp, sowie um syrische Anführer, die sich gegen die Autorität der Camp-Verwaltung auflehnten. Diese stellten sich klar gegen das Regime von Bashar al-Assad in Syrien, und haben über ihre Rolle im Widerstand gesprochen. Könnte meine Berichterstattung für Sie nach einer Rückkehr zur Gefahr werden? Hätte ich das Porträtfoto des sogenannten „Colonels“ – ein Machthaber unter den Flüchtlingen im Camp – trotz seiner Zustimmung besser nicht veröffentlichen sollen? Dieser soll schon in Reaktion auf einen früheren Artikel im „Spiegel“ gesagt haben, dass er den damaligen Camp-Leiter des UNHCR am liebsten umbringen würde. Die aus Gesprächen mit Kleinschmidt zitierten Aussagen musste ich deshalb vor Veröffentlichung sorgfältig mit der Leitung des Camps absprechen. Diese leistete nicht nur humanitäre Hilfe, sondern musste eine 120.000 Einwohner-„Stadt“ quasi regieren. Somit waren alle Personen der Geschichte Akteure in einem politischen Feld konkurrierender Macht. Weil ein journalistischer Beitrag wie dieser eben auch eine politische Intervention in Echtzeit ist, weil er Machtkämpfe und die Politisierung humanitärer Hilfe aufzeigt, ist es unmöglich, die zentralen Akteure der Geschichte zu anonymisieren, und schwierig, Aussagen im Nachhinein zu zensieren.

Auch in wissenschaftlichen Arbeiten müssen diese Pole ausbalanciert werden, doch sie unterscheiden sich von journalistischer Arbeit in Zeit und öffentlicher Kritik. Der Finger im Journalismus sitzt lockerer am „Abzug“ als in der Kultur- und Sozialanthropologie. Eben auch weil der Journalismus ein anderes Verhältnis zu Politik und Zeit hat. Aus der kurzen Recherche in Zaatari wurden letztendlich Reportagen in mehreren deutsch- und englischsprachigen Medien. Weniger tiefgreifend als Forschung, dafür aber viel Publikum. In Reaktion auf eine der Reportagen kontaktierte mich eine ForscherInnengruppe der Universität Harvard, um mich zum Gespräch nach Jordanien einzuladen. Gerade weil die Ergebnisse der Recherche rasch und mehrfach veröffentlicht wurden, blieben sie als aktuelle Analyse relevant und für weitere Forschung im selben Zeitraum hilfreich.

Ulf Hannerz nennt journalistische Berichte den „ersten Entwurf von Geschichte“, eine Art von Geschichtsschreibung die jedoch von kurzlebigen, oft spektakulären Events lebt.[14] Der Literat und Journalist Ryszard Kapuscinski schrieb zum Zeitverständnis von Nachrichten: „Unser Job ist wie der eines Bäckers – seine Semmeln schmecken gut, solange sie frisch sind.“[15] Aber gerade weil sie frisch sind, werden sie auch gekauft. Laut Hannerz ist die Anthropologie nicht gut genug ausgestattet, um im Rennen um diese ersten Geschichtsentwürfe zu konkurrieren, denn wenn die meisten KorrespondentInnen aus dem einen oder anderen Krisenherd schon wieder abziehen, würden Anthropologen gerade Mal den ersten Entwurf des Forschungsexposés aufpolieren.[16] Die klassische einjährige Feldforschung hat ein anderes Verhältnis zu Zeit als Journalismus, weil hier das Vor und Danach, das Werden über einen langen Zeitraum sichtbar wird. Und das ist auch die Stärke der Anthropologie: to portray the emergent rather than the emergency.[17] Die Anthropologie solle vor allem die mittelfristige Geschichte der Gegenwart schreiben.

Natürlich könnten AnthropologInnen, um für die Öffentlichkeit unmittelbar relevanter zu werden, in kürzeren Zeitdimensionen arbeiten. Doch dabei könnte die Stärke ethnografischer Forschung verlorengehen. Die Frage ist deshalb vielmehr, wie die Anthropologie aus ihren Stärken in einer gewandelten Informationsgesellschaft jene Rolle in im öffentlichen Diskurs einfordern könnte, die ihr zusteht. Laut Hannerz kann die Ethnografie eine starke Rolle in der Gesellschaft spielen, wenn AnthropologInnen am öffentlichen Diskurs teilnehmen. Sie soll den Gesichtslosen und generalisierten Prozessen und Ereignissen der Welt eine Vielzahl menschlicher Gesichter und Stimmen entgegenhalten:  It can give a human face – better yet, a number of different faces, and voices – to large-scale, too easily anonymous processes ...[18]

 

Neues Umfeld, neue Chancen?

Junge Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen stehen heute – mehr als noch vor zwanzig Jahren – unter Druck, bereits zu Beginn ihrer Karriere durch wissenschaftliche Publikationen international wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie lernen sich selbst in einer Laufbahn zu denken, verunsichert durch die hohen Anforderungen von Stellenausschreibungen und Stipendien und getrieben durch drohende Prekarität. So wird die Wissenschaft gleichzeitig individueller und härter, die Zeit für öffentliches Engagement weniger. Die frühere Ökonomin und spätere Anthropologin Raluca Nagy, die vom „neo-liberalen Recyceln“ der Wissenschaft spricht, zieht folgendes Fazit:

Ich sorge mich, fünfzehn Jahre nach meiner ersten Feldforschung, denn ein ursprünglich grenzenloser Horizont ist sehr eng geworden. Die Sprache, die wir verwenden, ist so schwierig, dass ich nicht mehr an die Anthropologie glaube, nicht als Ziel und nicht als Rettung.[19]

Nagy vergleicht die De-Politisierung der Wirtschaftswissenschaften mit dem Konformitätsdrang in der Anthropologie, der immer weniger Platz für eine kritische Perspektive auf die Welt lasse. Und selbst wenn diese kritische Perspektive vorhanden ist, fehlen oft das nötige Sprachrohr und eine hohe Reichweite dieser Ideen. Bei Fachzeitschriften zählt nicht die breite LeserInnenschaft oder die Auflage, sondern der Impact-Faktor. Ironischer Weise hält sich dieser Impact aber meist in Grenzen.

Gerade deshalb verändert sich das Verhältnis der Anthropologie zur Öffentlichkeit, inspiriert durch neue Möglichkeiten des Erzählens und Veröffentlichens. Anthropologische Blogs sowie Zeitschriften mit offenen Formaten wie der vorliegende kuckuck sind Teil dieser Bewegung. Als Redakteur und Mitgründer von transformations-blog.com kenne ich die Ängste und Sehnsüchte der Anthropologie gegenüber der breiten Öffentlichkeit. Man fürchtet sich vor Sichtbarkeit und hat Angst, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, die man später bereuen könnte. Auch das Wissen darüber, wie man für eine breite LeserInnenschaft schreibt, fehlt meist. Denn dieses Handwerk wird an den Instituten meist nicht unterrichtet. Wir lernen Zitieren, bevor wir wissen, wie man gut schreibt. Gleichzeitig sehnt man sich nach Aufmerksamkeit und will in der Welt etwas verändern.

Der Ruf nach einem Systemwandel wird stetig lauter. Manche Kollektive wie das US-amerikanische Ronin Institute wollen Wissenschaft neu erfinden, indem sie zur Forschung außerhalb der traditionellen Institutionen aufrufen: to reinvent academia outside of the academy.[20] Dieser Wandel erfolgt quasi zeitgleich mit einer anderen Entwicklung, die der öffentlich engagierten Anthropologie eine Chance bietet: Teile der journalistischen Auslandsberichterstattung sind eingebrochen und die Nachfrage nach tiefgreifenden Analysen und Geschichten, wie sie die Ethnografie produziert, könnte daher steigen.

Mein eigener Blog zu Israel-Palästina auf DerStandard.at wurde neben anderen Auslandsblogs  mit 2013 mit der Begründung einer „Kostensenkungsoffensive“ aufgelöst. In zwei Jahren als freier Journalist in Jerusalem habe ich viele KorrespondentInnen kommen und gehen sehen, jedoch zunehmend mehr, die gehen mussten. Auslandsbüros von Medien wie der deutschen ARD in Israel haben radikal Personal abgebaut, und KollegInnen, wie der frühere Korrespondent der Financial Times Deutschland, mussten das Feld räumen, weil ihre Zeitung in Konkurs ging. Andere Medien sind von fix angestellten KorrespondentInnen auf ein Netzwerk freischaffender JournalistInnen umgestiegen. Diese bezahlen sie nicht mehr pauschal, sondern nach Zeilen. Aus diesem Grund verteilen freie JournalistInnen im Ausland ihre Geschichten über einen gut sortierten „Bauchladen“: Sie senden jeden Beitrag an mehrere Medien und verteilen Geschichten in alle Richtungen. Das bringt mehr Geld, aber auch mehr Arbeit und weniger Sicherheit. Geschichten sind zur billigen Massenware geworden.

Gerade weil Auslandsjournalismus in einer gewissen Krise steckt, könnte die Arbeit von Kultur- und SozialanthropologInnen eine stärkere Rolle spielen. Das auch, weil die Qualität und Dichte ethnografischer Forschung anderswo zur Mangelware geworden ist. Und wo Mangel herrscht, steigt bekanntlich die Nachfrage. Die Anthropologie könnte sich mehr Öffentlichkeit verschaffen, ohne dabei ihre Ideale aufzugeben. Das würde die politische Kritikfähigkeit von Forschungsergebnissen steigern und könnte eine Kultur der Berichterstattung fördern, die neben „ersten Entwürfen der Geschichte“ mehr Platz für die Analyse längerer Prozesse bietet. Print-Medien wie die Wiener Zeitung, für die ich bis 2014 als Korrespondent tätig war, haben diesen Prozess schon eingeleitet: Im Zeitalter von Smartphones und 24-Stunden Nachrichten haben lange tiefgreifende Geschichten mit nachhaltigen Analysen die traditionellen Berichte abgelöst. Wenn LeserInnen schon beim Aufstehen die Schlagzeilen am Telefon lesen, können Zeitungen nur überleben, indem sie mehr als das bieten.

Die Anthropologie ist in einer guten Position um mit traditionellen Print-Medien zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig kann sie in einer gewandelten Informationsgesellschaft ihre eigenen Medien schaffen. Blogs dürften nur der Anfang dieser Entwicklung sein. Zudem werden AnthropologInnen zukünftig besser ausgestattet sein, um diese öffentliche Rolle wahrzunehmen. Und das hängt auch mit dem Generationenwechsel hin zu digital natives zusammen. Da kommt es nur gelegen, dass selbst der traditionelle Wissenschaftsapparat und die Fördergeber zunehmend auf impact beyond academia setzen, auch wenn dieses Verständnis von Wirkung und Einfluss teilweise als kommerziell kritisiert wurde.[21]

Paul Mason schreibt in Postcapitalism, dass eine neue Informationsgesellschaft auch dem Prinzip der Knappheit entgegenwirkt, indem Informationen und Ideen nicht mehr durch Kommerz und Monopole fließen, sondern zunehmend frei und kollaborativ.[22] WissenschaftlerInnen haben immer schon kollaboriert, und sie nehmen vermehrt am freien Ideen- und Informationsaustausch im Internet Teil. Diese Freiheit muss aber auch verteidigt werden, und das Wissen darüber, wie Ideen in diesem System Wirkung und Publikum erreichen, muss erlernt und gelehrt werden. Denn wie Mason zur „neuen“ Informationsgesellschaft schreibt: embrace it or die.

Masons Ansatz scheint zwar etwas idealistisch, denn was im Internet offen und frei scheint, wird erfahrungsgemäß schnell geschützt und vermarktet (siehe Facebook, AirBnb oder Uber car-sharing). Dennoch geht Masons Analyse in eine Richtung: AnthropologInnen haben viel zu sagen und die aktuelle Epoche der digitalen Informationsgesellschaft bietet jede Menge Möglichkeiten, um das effektiv, kritisch und politisch zu tun. In großen Teilen des Wissenschaftsbetriebs werden Ideen jedoch weiterhin abgeriegelt, auch wenn immer mehr Fachzeitschriften Inhalte frei zugänglich anbieten. Somit folgt die Wissenschaft ihrem eigenen Knappheitsprinzip, indem sie Ideen und Forschung zur geschützten Markenware macht, die am Markt spezialisierter Karrieren gewertet und gehandelt werden. Um unabhängig und selbstbestimmt zu bleiben, ist auch eine gewisse Distanz zum öffentlichen Diskurs nötig. Dennoch hat die Wissenschaft eine Verantwortung, über die Grenzen der Disziplin hinaus zu wirken.

Es bleibt die Frage „Warum“?

Indem sie ihre öffentliche und politische Rolle stärker wahrnehmen, können WissenschaftlerInnen die Regeln, nach denen Ideen durch diese Öffentlichkeit fließen, auch mitbestimmen. Öffentlichkeit, Kritik und Sichtbarkeit bringen auch politische Relevanz mit sich. Solange die Anthropologie ihre eigenen Ideale nicht abwirft und ihre Unabhängigkeit  behält, kann sie beides gleichzeitig erreichen: gesellschaftlich-öffentliche und wissenschaftliche Relevanz und Kritik.

Mit dem Titel The Future of Anthropology wandte sich der damalige Präsident des Amerikanischen Anthropologenverbandes (AAA), James L. Peacock, 1995 folgendermaßen an sein Publikum in Washington:

Whether it survives, flourishes, or becomes extinct depends on anthropology's ability to contribute: to become integral and significant to our culture and society without becoming subservient.[23]

Für die Gesellschaft relevanter und kritisch zu werden, ohne sich dadurch zu unterwerfen, scheint mir ein geeignetes Ziel zu sein, um diese Diskussion über eine stärkere Rolle von Anthropologie und Wissenschaft in der Öffentlichkeit abzuschließen. Wenn dieser Text auch klar für eine politische und gesellschaftskritische Anthropologie spricht, darf dieses Ziel nicht über die involvierten Gefahren und Probleme hinwegtäuschen. Im Kontrast zu Journalismus und im Hinblick auf Zeit und Ethik habe ich versucht, einige dieser Probleme herauszuarbeiten. Zugleich sollten auch die Chancen und Gründe für eine kritisch engagierte Wissenschaft nicht zu kurz kommen, denn derer gibt es viele. Die Schwierigkeit liegt vermutlich darin, den Horizont zu erweitern ohne dabei den Boden unter den Füssen zu verlieren; öffentlich engagiert zu sein, ohne die Qualität von Forschung und die Ideale der Wissenschaft zu aufzugeben.

 

 

 



[1] Lévi-Strauss, C. (1966). Anthropology: its achievements and future. Current Anthropology, 7 (2): 124-127.

[2] Orwell, George. 1984. Why I Write. London: Penguin, 8.

[3] E.g. Eriksen, Thomas Hylland. 2006. Engaging Anthropology. The Case for a Public Presence. Bloomsbury.

[4] Low, S. M., & Merry, S. E. 2010. Engaged anthropology: Diversity and dilemmas. Current Anthropology (S2), 51.

[5] Hale, Charles R.. 2006. "Activist Research v. Cultural Critique: Indigenous Land Rights and the Contradictions of Politically Engaged Anthropology." Cultural Anthropology 21 (1): 96–120.

[6] E.g. savageminds.org; anthropology-news.org; transformations-blog.com; zeroanthropology.net.

[7] Forte, Maximilian. 2000. How the Future of Anthropology Sees Us: Webcasting and the Public and Professional Development of Anthropology (online: http://web.archive.org/web/20041027011437/http://www.centrelink.org/portal/AN2000.htm).

[8] e.g. Norman, Julie M. The second Palestinian intifada: Civil resistance. Routledge, 2010; Hallward, Maia Carter, and Julie M. Norman, eds. Nonviolent Resistance in the Second Intifada: Activism and Advocacy. Palgrave Macmillan, 2011.

[9] AAA homepage (http://ethics.aaanet.org/category/statement/)

[10] Bourgois, Philippe. 1990. "Confronting anthropological ethics: Ethnographic lessons from Central America." Journal of Peace Research 27 (1): 43-54.

[11] Bourgois, “Confronting anthropological ethics,” 48.

[12] Bourgois, “Confronting anthropological ethics,” 48-49.

[13] Bourgois, “Confronting anthropological ethics,” 50.

[14] Hannerz, U. 2004. Foreign news: Exploring the world of foreign correspondents. University of Chicago Press, 214.

[15] Eigene Übersetzung aus: Kapuscinski, Ryszard. The Soccer War. London: Granta, 1990; Zitiert in Hannerz, U. 2004. Foreign news: Exploring the world of foreign correspondents. University of Chicago Press.

[16] Hannerz, Foreign news, 229.

[17] Hannerz, Foreign news, 229.

[18] Hannerz, Foreign news, 231.

[19] Eigene Übersetzung. Nagy, Raluca. 2015. Chronicle of a satisfaction foretold. Transformations-blog-com (http://transformations-blog.com/chronicle-of-a-satisfaction-foretold/).

[20] Ronin Institute, homepage (http://ronininstitute.org/the-goals-of-the-ronin-institute/149/).

[21] Siehe dazu “Academic impact isn't just about answers - let's start with debate,” theGuardian.com (http://www.theguardian.com/higher-education-network/blog/2012/jun/26/research-at-birkbeck-business-week).

[22] Mason, Paul. 2015. “The end of capitalism has begun,” theGuardian.com (http://www.theguardian.com/books/2015/jul/17/postcapitalism-end-of-capitalism-begun).

[23] Peacock, J. L. (1997). The future of anthropology. American Anthropologist, 99 (1): 9-17.