Gerhard Amendt
Beziehungsfähigkeit ist die kultivierte Überschreitung von Grenzen

1968 steht für den Beginn eines vielfältigen gesellschaftlichen Wandels. Dessen ursprüngliche Bedeutung bestand darin, die keineswegs wohltuende Vergangenheit der Eltern der 68er durch Perspektiven zu ersetzen, die auch dem Nachdenken über die elterliche Vergangenheit zuzuordnen waren. Das schloss befreiende Modifikationen des Geschlechterverhältnisses ein, die damals vorwiegend im Sexualverhalten von Studenten und Schülern eingeübt wurden. Die sexuelle Liberalisierung, die bald von der Vermarktung libidinöser Regungen usurpiert worden sind und endlos bis zum heutigen Tag verfeinert wird, drang in die letzten Poren allen Lebens ein. Was als Kritik der politischen Elterngeschichte begonnen hatte und als Widerstand gegen deren repressive Sexualerziehung in politischen Aktionen konkretisiert wurde, hatte aber bald die Kritik der elterlichen Geschichte weitgehend vergessen.

1968 wurde zum Inbegriff eines Wandels, der sich das Verhältnis zwischen Eltern- und Kindergeneration vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus zum Ausgangspunkt genommen hatte. Dessen vielfältige Entwicklung kann hier nicht annähernd erörtert werden. Mit der vermarktenden Kommerzialisierung einer politisch interpretierten sexuellen Befreiung andererseits sind zwei voneinander unabhängige Dynamiken entstanden, deren gleichzeitige Wirkungsweise früher oder später noch zu durchdenken sein wird. In diesem Beitrag soll es darum gehen, eine Hypothese zu überprüfen, die eine Besonderheit der Befreiungsrhetorik von 68 im Hinblick auf gut erkennbare Ergebnisse formulieren möchte. Damit sollen weder Differenzierungen eingeebnet, noch Vielfältigkeiten auf ein oder zwei Prinzipien reduziert und Problematisierungen unterschlagen werden.

Es soll geklärt werden, ob die Geschlechterdebatte der letzten drei Jahrzehnte trotz aller Facettierungen eine alles beherrschende Tendenz herausgebildet hat, die nicht nur stilbildend für den Diskurs der Geschlechterdebatte in der Wissenschaft und Politik wurde, sondern die den Kosmos der Gefühle von Männern und Frauen bestimmt hat. Damit ist gemeint, dass das Männliche zum Täter und das Weibliche zum Opfer erklärt wurde.

Diese Vermutung bezieht sich gerade nicht nur auf die Debatte von Geschlechterbeziehungen innerhalb der Wissenschaft, sondern ebenso und vor allen Dingen auf dessen politische und psychologische Niederschläge in Sphären der Selbstdeutung von Frauen und Männern im Alltagsleben.

Die Geschlechterdebatte der vergangenen 30 Jahre scheint mir durch zwei wesentliche psychologische und ideologische Bewegungen und den dazu gehörenden äußerst wirksamen Mechanismen geprägt zu sein. Sie haben im Alltagsbewusstsein wie im institutionellen Leben von Männern und Frauen eine zentrale Bedeutung gleichermaßen eingenommen. Allerdings haben sie zu unterschiedlichen Verarbeitungen und Ergebnissen geführt.

Der erste psychologisch-ideologische Bewegungsmechanismus ist der der Spaltung. Dieser Mechanismus wird hier zur Beschreibung eines kollektiven Selbst- und daraus zwingend sich anschließenden Fremddeutungsvorgangs verwendet. Dazu gehören die bereits erwähnte Annahme, dass Frauen Opfer und Männer Täter, die einen aktiv und die anderen passiv seien; die einen friedfertig und die anderen friedlos seinen, die einen gewalttätig, die anderen gewaltlos; dass die einen die Emotionen, das expressive Verhalten beherbergen würden, die andern aber die rationale Vernunft, das instrumentelle Verhalten vertreten würden etc.

Die vermeintliche Gewissheit, die dieser Mechanismus für die Identitätsdefinition leistet, besteht darin, dass das eine Geschlecht als das gute, das andere hingegen als das böse gilt und jedes sich selbst in der Öffentlichkeit entsprechend interpretiert und auch erwartet, vom anderen Geschlecht interpretiert und behandelt zu werden.

Zum Wesen der Spaltung gehört dazu, dass man immer nur auf der einen Seite sein kann, aber nicht auf der anderen zugleich. Denn das Gegenteil wird vom anderen Geschlecht besetzt. Die Gegensätze, die in jedem Geschlecht jedoch enthalten sind, müssen so nicht mehr in einer Person integriert werden. Wer hingegen ambivalenzfähig ist, also ein Gespür für das Gegensätzliche in sich selber wie anderen hat, der muss unter der zugewiesenen Position leiden. Für die Spaltungsbegeisterten spielt das hingegen keine Rolle. Vorstellungen von Gemeinsamkeit, Beziehung, Konfliktaustragung, Versöhnung und Ausgleich sind in diesem Konzept nicht möglich.

Weil der Gegensatz von Männern und Frauen essentialistisch "bestimmt" wird, ohne das zu thematisieren, treten an die Stelle von subtilen Machtanalysen Projektionen, die aus unbewussten Motiven ein Bild der Genderwelten generieren. Was sich dabei als sperrig herausstellt, weil es der ambivalenten eigenen Erfahrung von Realität sowie ihren äußeren Strukturen widerspricht, wird machtpolitisch - etwa durch political correctness - "geglättet." Brüche mit Traditionen der Wissenschaftskritik werden trotz des hohen Preises der eigenen Ausgrenzung aus der wissenschaftlichen Community hingenommen. Die Dynamik der Spaltung besteht darin, dass jedes Geschlecht nur die ihm zugeschriebene Rolle einnehmen soll und dies letztlich - wenn auch aus widersprüchlichen Motiven - tut. Wobei die Übernahme der Rolle des Bösewichts - eben durch die Männer - unerfreuliche kognitive Dissonanzen zumutet. Die Übernahme des "Gütewichts" sollte nicht weniger widersprüchlich sein. Wer möchte schon gerne Täter sein und alle Schuld auf sich sitzen haben. Obwohl es nicht wenige männerbewegte Männer gibt, die sich aus der Anerkennung der Vorwürfe gar nicht sonderlich unbewusst dazu aufgefordert fühlen, die Welt - gemäß ihren Potenzen - wieder in das von Frauen geforderte Lot zu bringen. Warum die meisten Männer dazu schweigen, das kann auch hier nicht geklärt werden.

Selbstidealisierungen, wie sie für die Guten - die Frauen - vom Baum der essentialischen Morgengabe abfallen, sind diesen hingegen schon willkommener, weil sie dem Größenselbst schmeicheln. Die Palette solcher Darstellungen ist vielfältig in ihrer narzisstischen Einfalt.

Den zweiten Stil bildenden Bewegungs-Mechanismus, der die Sichtweise der Geschlechterbeziehung beherrscht, möchte ich als Verschmelzung beschreiben. Auch dieser Begriff ist der Psychoanalyse entnommen.

Es fällt beim ersten Hinsehen auf, dass die Verschmelzung das Gegenteil der Spaltung ist. Die Spaltung transformiert Beziehungen von Menschen in Nicht-Beziehungen von erstarrten Gegensätzen. Die Verschmelzung hingegen lässt als eins erscheinen, was selber nicht ohne Grenzen auskommt.

Spaltung und Verschmelzung zeigen deshalb trotz ihrer dynamischen Gegensätzlichkeit eine tiefere Gemeinsamkeit. Sie besteht darin, dass die lebendigen Beziehungen nicht erlebt und empathisch verstanden werden können, sondern dass das Unterscheidende, das die Verbindung herstellt, durch einen unangemessenen Modus einmal grenzenlos zusammen gemischt, zum anderen starr getrennt wird. Der Andere - das andere Geschlecht - ist lediglich, wofür man ihn hält. Der Modus der Beziehung ist nicht kultiviert, sondern folgt innerpsychischen Bedürfnissen.

Beide Modi haben eine Gemeinsamkeit. Sie zeugen von der psychischen und intellektuellen Unfähigkeit, jene Differenziertheit des Denkens, des Fühlens und der Politik auszuhalten, die von den Gegensätzen von Gut oder Böse, friedlich oder aggressiv, grob oder zärtlich etc. geprägt sind. Anders formuliert: Die Geschlechterdebatte bewegt sich in den genannten Polaritäten weitgehend auf dem entwicklungspsychologischen Niveau von kleinen Kindern.

Spaltung und Verschmelzung werden durch die Unfähigkeit beherrscht, Grenzen zu ziehen, zu respektieren und sie nach Maßgabe individueller, kultureller wie menschheitsgeschichtlicher Weisheitsbestände zu modifizieren. Psychologisch gesehen, ob ich verschmelze oder ob ich spalte: das Ergebnis ist eine unangemessene Sicht auf die Beziehungen der Geschlechter. Für welche Seite auch immer sich jemand oder Geschlecht entscheidet, beide Modi stehen für Beziehungsunfähigkeit. Die Fähigkeit zur Beziehung, eben Grenzen kultiviert überschreiten zu können, wird unter anderem dadurch bestimmt, dass der Einzelne individuelle wie kulturell kompetente Grenzen im Sinne einer Erweiterung seines Lebensbereiches, in Richtung einer anderen Kultur, einer Ethnie oder auch einer einzelnen Person - wie in der Liebesbeziehung - übertreten kann. Sich dabei jedoch vergewissert und emphatisch weiß, dass er sich selber und anderen keine Unschicklichkeit oder Verletzung zumutet, niemanden der Beschämung aussetzt, weder andere noch sich selber, keine Etikette, keine Rituale und keine kulturelle Gepflogenheiten verletzt etc. Die Grundlage dieser Fähigkeiten wird durch Erfahrungen der familiär situierten Kindheit und die sich darauf aufbauenden psychischen Strukturbildungen gelegt. Die individuelle Fähigkeit oder Unfähigkeit wird durch kulturelle Vorgaben innerhalb der Familie und später der unmittelbaren Einwirkungen der Gesellschaft erleichtert oder erschwert. In diesem Sinne waren die 1968er-Bewegungen und die sich ihr anschließende kommerzialisierte seductive culture eine auf Jahrzehnte wirksame Begünstigung einerseits von Entgrenzung und andererseits tendenzieller Verschmelzungen.

Typisch für diese Zeit war der Verlust an Ritualen: aus Angst vor dem Abschied wurden Begrüßungen unterlassen, das Hochzeitskleid blieb im Verborgenen, um das Treuegelöbnis zu kaschieren, das Sie wurde durch das Du ersetzt, um Statusgrenzen und Beziehungsinitiation zu umgehen, Eltern wurden mit Vornamen angesprochen, um die Grenzen zwischen den Generationen zu schleifen, Hochschullehrer und Studenten begegneten sich an Reformuniversitäten auf einer first name basis, um die Differenz von Institution und Biografie in Abrede zu stellen, etc.

Der Verzicht auf Grenzen führte zu Gleichheiten, die keine waren, die jedoch akzeptiert wurden, weil der Zustand der Verschmelzung regressive Beschwichtigung bot. "Man schwieg sich so aneinander still!" Was den Liebenden gänzlich angemessen ist, ist dem Alltagsleben ein Gräuel.
Die Dynamik von Spaltung und Verschmelzung lässt sich so zusammenfassen, dass dort, wo Spaltung betrieben wird, um das Gute vom Bösen zu scheiden, notwendigerweise eine Verschmelzung bereits stattgefunden haben muss, damit diejenigen, die den Status des Guten bemühen sich als eine homogene Gruppe überhaupt erfahren können, die nämlich das Gute verkörpert, um sich zur abwertenden Spaltung vereinigen zu können.

Sehr gut lässt sich das an der Handgreiflichkeitsdebatte - sprich Gewalt in partnerschaftlichen Beziehungen - erkennen: Männer sind die Aggressiven, Frauen sind die Friedfertigen - die Spaltung ist nur möglich, nachdem vorab die Frauen durch ein stillschweigendes Einverständnis im Sinne einer Selbstidealisierung oder etwa einer Ideologie, sich zur homogenen Friedfertigkeitstruppe vereinigt haben.

Dabei wurde, ohne dass das bislang vermerkt wurde, auf das traditionelle Frauenbild von der tugendhaften Frau, die desexualisierte Versorgung und narzisstische Bestätigung sucht, zurückgegriffen.

Die bei jeder Handgreiflichkeit immer wirksame ineinander verschlungene psychische und soziale Dynamik (etwa: jemanden zur Weißglut bringen, sadomasochistisch zu sein etc.) gerät dabei gänzlich aus dem Blick. Die Spaltung im projizierenden Denken und Forschen wiederholt sich obendrein subjekttheoretisch: Prozesse der Vermittlung von Beziehungen zwischen Männern und Frauen (gender arrangement) haben demnach Geltung nur für die guten Phasen von Partnerschaften, nicht jedoch für die schlechten. So soll die Liebe, die zur Heirat führt, nichts mit dem Hass und der Enttäuschung zu tun haben, die zur Scheidung führen. Offensichtliche Gegensätze und Ambivalenzen sollen politisch neutralisiert werden, gerade weil sie psychisch nur schwer integrierbar sind. Die Ideologie von einem guten und einem schlechten Teil der Welt wird zur Aufforderung, die Gegensätze nicht als Teile des Ganzen zu betrachten. So darf Glück als Erlebnis von Beziehungen nur deshalb noch eine intersubjektive Erfahrung sein, damit überhaupt irgendeine Zukunft noch rosa erscheint. Gewalt soll nach dem dichotomen Denken ebenfalls keine intersubjektive Erfahrung sein. Es ist ein Fixstern, der für Männlichkeit steht, eine pseudo-essentialistische Bestimmung. Das Denken in magischen Begriffen, dem wir hier als dem Gegenteil der kultivierten Beziehung begegnen, ist ebenfalls den kleinen Kindern eigen. Im Erkenntnismodell von Täter und Opfer erlebt es eine Wiederkehr. Die Psychologik, die sich hier durchsetzt, ist keineswegs außergewöhnlich. Wir finden sie ansatzweise in antisemitischen und fremdenfeindlichen neuen sozialen Bewegungen wieder. Erwartungsgemäß begegnen wir ihr deshalb im Umfeld der Täter-Opfer-Dichotomie.

Bei allen weiteren Facetten, die der Geschlechterdiskurs während der vergangenen 30 Jahre hervorbrachte, scheint der kleinste allgemeine Nenner im Alltagsleben, der Wissenschaft und der Politik zu sein: Spalten und Verzerren! Weil Forschung als Selbstaufklärung in brisanten Fragen der Selbstdefinition - Wir sind die Guten! - kalt gestellt wurde, ist an deren Stelle zwischenzeitlich die political correctness getreten, die mit bürokratisch eingebetteten Mechanismen innerhalb staatlicher Institutionen sich bemüht, die Dichotomisierung von Männlich und Weiblich zu verstetigen.

Wo die 68-Bewegung einst ausgezogen war, um althergebrachte Beziehungsmodi unter Männern und Frauen zu verändern, hat sich letztlich der Kreis geschlossen, wo er begonnen hatte: das Althergebrachte wurde lediglich anders verpackt.

Wie die Auflösung von Beziehungsgrenzen zwischen den Geschlechtern voranschreitet, die die zwischen den Generationen nach sich zieht, zeigt die Forderung aus der lesbischen und homosexuellen Subkultur nach einem Recht auf homosexuelle Fortpflanzung und - durchaus konsequent- nach homosexueller Ehe.

Eine andere Sphäre, in der die Dichotomisierung in Gute und Böse der Versöhnung von Gegensätzen zwischen den Geschlechtern im Wege steht, vermittelt die Debatte über Scheidungen. Im Bild der alleinerziehenden Mutter wird das traditionelle Modell der mütterlichen Alleinzuständigkeit für die Kinder festgeschrieben. Scheidungsväter sollen Unterhalt bereitstellen, aber - vielfach - auf die Wahrnehmung von Väterlichkeit verzichten oder allenfalls nach mütterlichen Weisungen praktizieren. Wird - aus welchen Gründen auch immer - die Väterlichkeit auf den Vater Staat verschoben, dann geht Scheidungskindern ein Teil jener Beziehungserfahrung verloren, in der sich Beziehungsfähigkeit, als Empathie und Sublimation von aggressiven Strebungen herausbildet. Das Klischee der alleinerziehenden Mutter wird so zum Synonym moderner Witwenschaft, die staatlich "abgefedert" wird und soziales Mitleid erregt.