Susanne Geser
Von freien und unfreien Körpern

"Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für Etwas am Leibe ... Ich, sagst du und bist stolz auf dies Wort, aber das Größere, woran du nicht glauben willst, dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich"

Frei sein meint auch frei tun

In einer freien Gesellschaft sollen und können freie Bürger frei handeln, frei wählen und sich frei entscheiden. Das Recht auf Freiheit ist grundgesetzlich verankert, kann und muss aber von den Gesellschaftsmitgliedern selbstbewusst geäußert, beharrlich praktiziert und kontinuierlich aktiviert werden. Viele beschränken sich jedoch auf freien Konsum und fühlen sich frei im Wissen, dass andere für sie mitentscheiden. Gar manche schwimmen sich von Vergangenheit und einengenden Zwängen frei und andere bleiben ein Leben lang im Nichtschwimmerbecken. Frei sein meint auch frei tun und ist also eine aktive freie, selbstbewusste Gestaltung des eigenen Lebens.

Kant und Hegel erkannten die Notwendigkeit der Konkretisierung der Freiheit , um von jener überhaupt sprechen zu können. Wenn der Mensch nach Max Scheler ein Nein-Sagen-Könner ist, so heißt dies, auch der Mensch kann und muss Nein-sagen und Nein-denken, er kann und muss sich entscheiden. Besonders diese Pflicht, Entscheidungen zu treffen und folglich entschieden zu leben, beinhaltet Reflexion, Stellungnahme und Verantwortung. Auch in der Anthropologie von Helmut Plessner ist der Mensch exzentrisch positioniert, das heißt er ist in seiner Freiheit nicht völlig losgelöst, sondern an seine Zeit, Geschichte, seine Umwelt, aber auch an seinen Leib gebunden und muss und kann diese Positioniertheit in seinem Tun, Denken und Träumen übersteigen. Gerade das Überschreiten der Position, Übertreibung und Transzendenz machen den Menschen aus. In den heutigen unübersichtlichen Strukturen, mit steigender Mobilität und erzwungener Flexibilität des Menschen wird es immer schwerer, feste Standpunkte zu beziehen und Entscheidungen frei zu treffen. Deshalb begnügen sich viele mit dem Gefühl, frei zu sein, anstatt etwas frei zu machen, manches frei zu tun oder die eigene Freiheit zu praktizieren. Solcherlei mangelnde Entschiedenheit und Unentschiedenheit betreffen nicht nur die politische Existenz des Menschen, sondern auch seinen Umgang mit den Körpern. Auch hier geht es um Entsprachlichung und Entfremdung und die Freigabe des Körpers an Medizin, Gentechnik oder Schönheitsindustrie.

Befreiung der Bürger und Entfreiung der Körper. Zur historischen Genese

In der Aufklärung waren Frei-Sein und Frei-Tun Programm, zum einen als Befreiung von mittelalterlichen, klerikalen Zwängen, zum anderen als individuelle selbstbestimmte Entfaltung in der neuen bürgerlichen Gesellschaft. Das Streben nach Freiheit wird zum höchstmöglichen Gut, zur ethischen Prämisse einer neuen Weltbürgergesellschaft. Denn die Unabhängigkeit des Willens ist für Kant eine moralische Kategorie, die Grundlage einer humanistischen Gesellschaft, die dem kategorischen Imperativ genügen sollte.

Dabei ist diese Befreiung auch eine Befreiung von den Abhängigkeiten des Körpers, der fortan mit Verstand und Logik beherrscht werden kann. Ganz im Sinne des descartes'schen Paradigmas wird Geist und Körper getrennt und das Körperding dem Denken untergeordnet und unterstellt. Körpersein meint eine Kränkung, und die Unfreiheit durch Triebe und Unbewusstes. Doch die althochdeutsche Verbindung des Wortes Freiheit mit freihals erinnert nicht nur an einen freien Hals, also ein Leben ohne Sklavenkette, sondern auch an eine intakte Verbundenheit von Kopf und Rumpf, von Denken und Fühlen, die eben das Privileg von Freisein auch ausmacht und die Wichtigkeit des Leibes belegt.

Bekannter Weise brachte der von Norbert Elias analysierte Zivilisationsprozess die Veränderung der Sinnlichkeit und den Wandel in Bezug auf Peinlichkeitsgrenzen und Triebbeherrschung. Der menschliche Leib wurde in der bürgerlichen Gesellschaft dem Axiom der Nützlichkeit und Zweckhaftigkeit untergeordnet und so von Lust befreit, zum bloßen Körperding. Dazu trug auch die protestantische Ethik mit ihrem Arbeitsethos und ihrer Lustfeindlichkeit bei. Die Geschichte der Zivilisation war die Geschichte der Introversion der Opfer, die sich emanzipieren wollten und in Selbstbegrenzung endeten. Der menschliche Leib wird zum Produkt der eigenen Selbstverzweckung, entzaubert und missachtet, durchleuchtbar und zerlegbar, später auch reparierbar und ersetzbar.

Moderne Körpergeschichten

In postmodernen Zeiten passiert keine Wende hin zur Leiblichkeit. Vielmehr verlieren sich die Leiber durch Virtualisierung und Technisierung immer mehr. Die rasende Beschleunigung verändert unsere Körper. In Maschinen gesetzt und in sportliche Schalensitze gepresst, verlieren sie ihre eigene Beweglichkeit und ihren Rhythmus. Eine von außen gesetzte Geschwindigkeit verhindert die je eigene Erfahrung, jedes an die Sachen Herangehen, jedes intensive Eingehen auf Mensch und Dinge. Die allgegenwärtige Mobilität bringt statt Bewegung Bewegungslosigkeit, Starre und körperliche Degeneration, sie führt zu motilen , unbewegten aber fremd bewegten Körpern. Auch die Geschichte des Sitzens und die Einführung von Stühlen fördert ein Festsitzen und bringt die Abknickung der Leiber, die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit und die Verkümmerung von Rückgrat und Standfestigkeit.

Vor allem vier Bereiche vollziehen die Geschichte der Körperenteignung und des Verlustes der Körperindividualität: die Schönheitschirurgie, die Psychopharmazie, die Medizin mit ihren Transplantationstechniken und die gentechnischen Errungenschaften der Fertilisationstechnik. Unter dem Motto: "Ich tue alles für meinen Körper" werden fitte und schöne Körperdinge hergestellt, die mehr einem Gestell - also im heideggerschen Sinne einer Technik - als einem lebendigen, eigenwilligen Sein gleichen. Um einem scheinbaren Ideal zu entsprechen werden Leiber zum bloßen Abstraktum, zur reinen Formel, im Grunde eher meta-physisch statt physisch. Busen, Bäuche, Hinterteile und Gesichter werden geformt und aufgespritzt und so bearbeitet, dass ihre Eigenheit unwiederbringlich für den Körpereigentümer verloren geht. Und immer jüngere Menschen scheinen mit ihren Leibern unzufrieden und legen sich unters Messer, um sich zu verschönern, dem Leib alle individuellen Züge, jede Geschichte, jede eigene Erzählung auszutreiben. Die Menschen unterwerfen sich selbst dem Prinzip der Beliebigkeit und nennen es gesellschaftliche Norm. Jedes Wachsen, jedes physiognomische Gestaltsein und Gestaltwerden verschwindet, die körperliche Erzählung von Herkunft und Familie, von Wünschen und Träumen, von Glück und Leid, das je eigene Leib-Sein wird verwehrt, bleibt ungehört und verstummt.

Dazu zählt auch eine übertriebene Fitnesskultur, die jedem Gramm Fett, jedem schwabbeligen Gewebe den Kampf ansagt. In High-Tech-Galeeren eingespannt rudern, radeln, steppen oder stemmen moderne Menschen stundenlang, um ihrer Idealfigur zu entsprechen. Sie unterstellen sich dem Diktat der Normgeber, die die Körper beliebig formen und fast austauschbar machen. Wohl kann darin ein Mangel an Selbstbewusstsein, eine fehlende Identität gesehen werden, doch geht es auch um die Hoffnung, endlich Selbstvertrauen in einem neuen, computerdesignten Body zu finden. Hier beginnt auch eine neue Erzählung über die Freiheit: Freiheit meint nicht nur die Möglichkeit des Individuums, frei zu handeln oder Freies zu machen, sondern der Mensch fühlt sich nun erst in einer anderen Gestalt, als anderer Leib frei. Dies erinnert an Maskerade und die Angst, als Person identifiziert und so auch in Verantwortung genommen zu werden. Es entwickelt sich jedoch ein Teufelskreis, denn der neue Körper bringt nicht die erhoffte Stärkung und Kraft, sondern enttäuscht und verstärkt den Drang, ihn noch mehr, noch weiter zu verändern und zu perfektionieren. Dabei ist dieser perfekte Körper ein zu Ende Gekommener, völlig leblos, ohne individuelle Geschichte und Erzählung, ohne eigene Entwicklung und Genese.

Die Psychopharmazie zeigt, dass nicht nur die körperliche Gestalt formiert, in Form gebracht und formalisiert wird, sondern auch die gesamte Psychosomatik eines Menschen optimiert wird. Der fitte und schöne Körper braucht die richtige Wellenlänge, sollte fröhlich sein. Alle seelischen Ungereimtheiten, alle so menschlichen Störungen kommen ungelegen, passen nicht zum Tagesablauf, durchkreuzen den durchgeplanten Alltag. In den letzten Jahren stieg der Konsum an Antidepressiva und Tranquilizern enorm. Trotz Eventkultur und multimedial verkaufter Unterhaltungsindustrie brauchen immer mehr Menschen Tabletten und Pillen, um einer inneren Leere einerseits zu entfliehen und andererseits, um im oft hausgemachten Alltagsstress irgendwann zwar nicht ihren, aber wenigstens einen Schlaf zu finden. Aus der eigenen Bewegungslosigkeit wachsende Passivität und der Verlust von eigenen Erfahrungen durch die Dominanz der Medien führt zum Verharren im bloßen Second-Hand-Dasein, zur Unzufriedenheit, Depression und Uneigentlichkeit.

Heraus kommen Millionen Fluctinabhängiger und Tranquilizergeschädigter, die ihr Gestimmt-Sein fremd bestimmen lassen, weil sie ihre eigene Stimmung nicht mehr aushalten. Und die moderne Chemie schickt sich an, immer neue Pillen zu fabrizieren, die alle möglichen Gefühlszustände - etwa die Steigerung der Lust beim Sexualverkehr - künstlich erzeugen können. Reflexion ist out, ein sogenanntes positives Lebensgefühl ist nicht mehr Resultat eines gelungenen Lebens, einer jeweilig geglückten Handlung oder Folge eines wunderbaren In-Beziehung-Seins, sondern Ergebnis einer von außen konsumierten Psychodosis. Gesundsein und Gesundfühlen können scheinbar erkauft werden und haben nichts mehr mit der Persönlichkeit, ihrer Geschichte und der Art und Weise wie sie lebt, zu tun. "Die Menschen fliehen zu braunen, fitten, gesunden und fröhlichen Körpern, die ewiges Leben versprechen. Die Rückkehr der Körper wird metaphysisch gefeiert, ihnen ist nichts Körperliches, nichts Totes, nichts Lebendiges mehr anzuhaften. Das rein Materielle eröffnet den Weg zum Übernatürlichen. Der Körper wird zum Magneten, der anzieht."

Daraus resultiert eine allgemeine gesellschaftliche Unempfindlichkeit, eine emotionale und rationale Vergleichgültigung. Nicht nur die gestiegenen Gewaltinszenierungen über alle modernen Medien belegen diese scheinbare Unempfindlichkeit der Menschen untereinander, auch der Umgang des modernen Menschen mit sich selbst hat Züge einer starken Anästhetisierung, einer sinnlichen Betäubung in Bezug auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit und schwankt im Extremfall zwischen Amok und Koma. In der Bodenlosigkeit der beschleunigten Gesellschaft, in ihrem virtuellem Erscheinen fällt es immer schwerer, Dinge zu finden und zu erfinden, sie zu erschmecken, nach ihnen zu riechen oder sie zu Gehör oder zu Gesicht zu bringen. Die Betäubung wird zur Normalität und die Wirklichkeit entzieht sich allmählich. Das Paradoxon dabei ist, dass unsere Körper gnadenlos dieser Wirklichkeit ausgesetzt werden und einer meist brutalen Maschinerie unterworfen sind.

Der Bereich der Medizin und die Transplantationstechnik besetzen schon länger unsere Leiber selbst, und unsere Körper nehmen die neuesten Technologien in sich auf. Prothesen und künstliche Organe bevölkern unsere Körper, fremde synthetisierte Organismen kolonialisieren unsere Körperlandschaften. Es entstehen kriminell geführte Supermärkte für menschliche Organe, und es geschieht oft der stückweise Ausverkauf von entrechteten Menschen am Rande unserer Gesellschaften, in dem sie zu bloßen Organträgern materialisiert werden. Mit der Technisierung der Leiber überschreiten wir auch die Grenze von Mensch und Maschine, und die Evolution tritt ins Zeitalter der zunehmenden Cyborgisierung ein. Dabei wird Menschsein einer nur im Bezug auf Maschinen denkbaren Zweckrationalität und Funktionalität unterworfen. Menschen sind ersetzbar, auswechselbar, fremdbestimmbar bis in die Rhythmik des eigenen Herzschlags, prothetologisch aufgemotzt und perfektioniert. Die Körper werden zu Übungsplätzen für Mikromaschinen, dabei sind sie ohne Wurzel und Untergrund, ohne individuellen Ausdruck, eigentlich keine Körper mehr, sondern eher fast metastasisch gewuchert, reine Materialität und somit unwirklich und uneigentlich. In der Auslieferung an die Rationalität der Medizin und der Funktionalität der Maschine, im stückweisen Ersetzen des Körpers verliert er seine Eigenheit, sein eigenes Gesunden und Kranksein, seine je eigene Lebensgeschichte, er verliert Geist und Seele, will man es pathetisch formulieren, und er verliert sein je eigenes Leibsein und Leibwerden, seine Freiheit als Person selbst.

Besonders der Bereich der Befruchtungstechnik und die oft damit verbundene Gentechnik machen die Entfreiung von Körper und Person evident. Kinder kommen heute oft nicht mehr einfach von selbst, sie werden genau geplant und medizinisch gezeugt. 1978 erblickte das erste Retortenbaby das Licht der Welt und seither stieg die Zahl der In vitro-Fertilisationen, es gibt Samenbanken und einen Eizellenverkauf übers Internet, es gibt Leihmutterschaft und Mutterschaft nach der Menopause. Eine neue Variation der unbefleckten Empfängnis für alle modernen Marien wird möglich.

Während man sich in Deutschland noch auf die Pränataldiagnostik beschränkt, die vor der Geburt mittels Fruchtwasseranalysen den Gesundheitszustand des Kindes abschätzt und eventuelle Abnormitäten vor der Geburt selektieren kann, wird vielfach andernorts schon die Präimplantationsdiagnose (PID) angewandt, die nur mehr "gutes", das heißt in medizinischen Augen einwandfreies Erbmaterial zulässt. Vor dem Einpflanzen der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter wird das Produkt einer gesonderten Qualitätsanalyse unterworfen, und wenn es nicht dem gewünschten Standard entspricht, entsorgt. Hiermit übersteigen wir die ethische Grenze hin zur reinen Verzweckung des Lebens, wir maßen uns nicht nur an, bestimmen zu können, was lebenswert ist und was es eben nicht ist, sondern auch wie die nachfolgenden Körper und Menschen auszusehen haben. Menschen bestimmen über andere Menschen, mit welchen Merkmalen und welchem genetischen Material sie auf die Welt kommen, sie planen und züchten, designen und selektieren. Menschen entscheiden über die Körperqualität eines anderen Menschen. "Denn sobald Erwachsene eines Tages die wünschenswerte genetische Ausstattung von Nachkommen als formbares Produkt betrachten und dafür nach eigenem Gutdünken ein passendes Design entwerfen, üben sie über ihre genetisch manipulierten Erzeugnisse eine Art Verfügung aus, die in die somatischen Grundlagen des spontanen Selbstverhältnisses und der ethischen Freiheit einer anderen Person eingreift."

Wenn andere Menschen die Leiber der zukünftigen Menschen gestalten, planen und also bestimmen, wird die Nachkommenschaft damit dem Willen der genetischen Designer unterworfen. Der Geplante und Geformte ist unfrei, von vornherein bestimmt und einem anderen Willen ausgesetzt. Hier beginnt eine neue sehr subtile Herrschaft der Menschen über die Menschen. Damit einher geht auch eine Verzweckung von Natur. Die freie Entwicklung von Naturgegebenem wird funktionalisiert zu von Menschen bestimmten Formen und Inhalten, zum Inbegriff von Künstlichem. Das scheinbar noch natürliche Geschehen der Entstehung und des Wachsens von menschlichem Leben, das bislang alle Wunder der Natur, alles Unberechenbare und Sich-Selbst-Entwickelnde vereinte, wird zum berechneten, designten Produkt. "Die Manipulation der Zusammensetzung des fortschreitend entschlüsselten menschlichen Genoms und die Erwartung mancher Genforscher, alsbald die Evolution selbst in die Hand nehmen zu können, erschüttern immerhin die kategoriale Unterscheidung zwischen Subjektivem und Objektivem, zwischen Naturwüchsigem und Gemachtem in solchen Regionen, die unserer Verfügung bisher entzogen waren."

Mit Leib und Seele

Es geht nicht um eine erneute Mythologisierung von Leib oder corpus, sondern um die Erkenntnis, dass Person-Sein immer auch Im-Leib-sein meint und somit jeder Angriff auf den Körper, jeder entfremdende Verkauf des Körpers, jeder Entzug immer den ganzen Menschen trifft und betrifft. Für Gewalttäter und deren Opfer war und ist es schon immer selbstverständlich, dass jeder Gewaltakt nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele verletzt, dass er überall in der gesamten Person Spuren und Verwundungen hinterlässt, und Körper und Geist gleichsam unter Schmerzen sich winden und verwinden.

Der moderne Mensch dachte lange Zeit, die Abstraktion seines Körpers, seinen Ausverkauf an alle möglichen Gestaltungsbranchen unbeschadet, ja frei über-stehen zu können. Doch er täuschte sich sehr. Die Trennung von Körper und Geist war niemals eine reelle und ist auch philosophisch längst überwunden. Auch in unserer digitalisierten Zeit geschieht jedes Erkennen und Wahrnehmen körperlich oder gar nicht, alles passiert mit sich jeweils konkretisierenden Nervenverbindungen und emotionalen Konglomeraten. Die Geschichte der Abstraktion, des Abgangs vom Konkreten zeigt die Wirklichkeiten ganz weich und soft, weniger findbar und subjektiv empfindbar, virtuelle Sphären gestalten Dasein zunehmend hindurchsichtbar und unbegreifbar. Auch wenn sich in virtuellen Zeiten immer mehr die Inhalte auflösen und Wirklichkeit zur reinen Formel wird, kann Menschsein nur als jeweilige physische Durchformung wirklich werden. Jede Erfahrung ist auch heute Reibung, Widerfahrnis und Begegnung mit Konkretem und nur als Leib möglich, jedes Denken gebärt sich leiblich, auch Sprache artikuliert sich nicht nur bei Kindern und Schauspielern immer als ein ganzkörperlicher Akt.

Geist, Verstand, Seele oder Emotion, alles scheinbar den Körper transzendierende Elemente, sind keine blutleeren Hirngespinste, sondern durch und durch körperliche Momente, und sie ereignen sich nur als Leibsein. Rein Transzendentales ist allein Engeln oder Gespenstern vorbehalten. Personsein ist ein interaktives Geschehen und ein jeweiliges In-Beziehung-Kommen oder gerade ein In-Beziehung-Sein und eben nur auch körperlich als Gestalt zu denken. Die allzu menschliche Vorstellung von der Herrschaft des Verstandes und der Dominanz des Gehirns, die das Individuum ausmachen soll, gehört in das Zeitalter der Festkörperontologie , in dem Subjekt und Objekt, Körper und Geist, Gesellschaft und Wirtschaft in festen Identitäten gedacht wurden. Das heutige Wissen von Turbulenzen, Komplexitäten oder Netzen erlaubt nicht mehr einfache Identitäten oder simple Ganzheiten zu orten, sondern muss diese turbulenten Sphären und komplexen Beziehungsschichten bis in die kleinsten Nervenbahnen denken. Die Diskussion um Freiheit, die zu allen Zeiten eine politisch brisante sein muss, muss auch dieser Differenzierung gerecht werden und alle möglichen Freiräume modernen Menschseins bedenken und deren vielfältige Fremdsteuerungen oder Freigaben erkennen. Dazu gehört auch das Wissen, dass jede Freigabe des Körpers an Fremdinstitutionen und die daraus resultierende Fremdbestimmung die Freiheit der Person selbst trifft und betrifft.