Vor ungefähr einem Jahr - die neue österreichische Bundesregierung war gerade ein paar Monate im Amt und es hatte eine Politisierung und Polarisierung in der österreichischen Öffentlichkeit eingesetzt, wie das nach 1945 noch nicht zu erleben war - fragte mich eine Frankfurter Kollegin, warum sich die Europäischen Ethnologinnen und Ethnologen aus Österreich nicht intensiver mit dieser Problematik beschäftigten. Mit dieser Frage im Ohr fuhr ich zu unserer Redaktionskonferenz nach Graz und unterbreitete den Vorschlag, einen KUCKUCK den politischen Verhältnissen in Österreich zu widmen. Der Tenor meiner Mitherausgeberinnen und -herausgeber lautete jedoch: Politik ja, auf Österreich beschränkt nein. Also fällten wir die Entscheidung, eine Ausgabe zum Thema Politik zu planen, wobei für uns die Schwierigkeit bestand, daß wir eigentlich die meisten unserer bisherigen Themen als politisch verstehen und sich die Spezifik dieses Heftes erst erweisen mußte.

Wir ließen uns von der Idee leiten, daß Wissenschaftler und Intellektuelle sich verstärkt in politische Diskurse einbringen und an der Lösung gesellschaftlicher Probleme mitwirken sollten. Dies ist vor allem deswegen geboten, weil viele jener Diskursfelder Oberwasser zu gewinnen scheinen, die einer humanistischen Anthropologie widersprechen, wie sie uns vorschwebt. Ich denke zum Beispiel an ethno-nationalistische Diskurse, die im letzten Jahrzehnt wieder an Bedeutung gewonnen haben.

Nicht umsonst konstatiert Zygmunt Bauman die Stammespolitik als eine der postmodernen Politikformen, wobei sich das Fortbestehen der Stämme lediglich auf den Einsatz affektiver Loyalität stützt, weswegen mit einer noch nie dagewesenen Verdichtung und Intensität emotionalen Verhaltens und einer Neigung gerechnet werden muß, die Rituale so spektakulär wie möglich aufzuführen - hauptsächlich dadurch, daß man ihre Schockwirkung vergrößert. Diese Einschätzung findet sich in unterschiedlichen Formen auch in Beiträgen dieses Heftes, in denen verschiedenste Formen von Grenzziehungen und diese begleitende Rituale thematisiert werden. Besonders deutlich wird dies in jenen Beiträgen, die sich Jörg Haider, der Lega Nord oder der Konstruktion einer virtuellen Geschichte in Irland und Schottland widmen.

Aber Bauman führt noch drei weitere Politikformen der Postmoderne an, die er Politik des Begehrens, der Angst und der Gewißheit nennt. Alle vier Politikformen stellen in gewissem Sinne Modi des Umgangs mit den Unsicherheiten des Lebens und Alltags dar und sind Reaktionsformen auf eine unüberschaubar erscheinende soziale Wirklichkeit. In diesen Feldern tummeln sich die Demagogen, die eilfertige Antworten auf die "drängenden Probleme" vorzugeben wissen. Und ihr Geschäft wird dadurch in gewissem Sinne erleichtert, daß es für viele Fragen nicht mehr eine Autorität gibt, sondern einen Pluralismus von Autoritäten, der bindende Normen ausschließt.

In dieser Konstellation haben jene Kommunikationsstrategen die Nase vorne, die die Komplexität unserer Welt auf einige griffige Slogans zu reduzieren vermögen und diese wiederum in einen moralischen Kontext einbetten. Wir erleben dies ständig: die "anständigen Österreicher" gegen die "Nestbeschmutzer", die fleißigen Norditaliener gegen die "terroni", die Katholiken gegen die Protestanten in Irland (mit distanzierter Ironie etwa eindrücklich geschildert in Frank McCourts Roman Die Asche meiner Mutter). Oder gar unlängst, man hält es in dieser Dreistigkeit gar nicht für möglich, die Behauptung des deutschen Bundeskanzlers, die Arbeitslosen wären zu faul, um zu arbeiten, wo sie doch mit ein bißchen Bemühung - so der unausgesprochene Tenor - jederzeit Arbeit finden könnten.

Die Geschäfte des Populismus gedeihen also glänzend, aber schon Michel Foucault hat gezeigt, daß sich zu herrschenden Diskursen auch Gegendiskurse etablieren, die ihrerseits eine gewisse Wirkmächtigkeit erlangen können. Allerdings müssen die Kultur- und Sozialwissenschaften diese Gegendiskurse hervorbringen, sonst bleiben viele Problemlagen im Verborgenen, wie beispielsweise der Beitrag über die kulturelle Unsichtbarkeit von Gegenwartsarmut eindrücklich belegt. Dieses Heft will solche Gegendiskurse fördern, auch wenn bei weitem nicht alle relevanten Felder abgedeckt werden können. Aber schon mit unserer nächsten Ausgabe zum Thema Arbeit werden wir uns wiederum einem gesellschaftspolitisch bedeutsamen Aspekt widmen und damit an die Ausführungen in dieser Ausgabe anknüpfen.

     

Johannes Moser