Unsere Beziehungen sind in ihrer Komplexität Zeichen und Spiegel des steten Umbaus der Gesellschaft. Sie vereinen und trennen, sind Hemmnis und stehen für Synergie, fordern Entscheidungen und erlauben, sich fallen zu lassen. Keine festen Strukturen binden mehr. Beziehungen begrenzen und entgrenzen zwischen Orientierungslosigkeit, Kontrolle und Freiheit. Endlos scheint das Thema in seiner kulturellen, ideologischen und sozialen Dimension: scheinbar traditionelle Beziehungsmuster existieren parallel zu neuen Beziehungsstrukturen. Es wird erforderlich, sich nach den steigenden Mobilitäten auszurichten, in räumlichen, sozialen oder auch kulturellen Bezügen und ein großes Maß an Flexibilität zu entwickeln.

Beziehung, im Sinne einer sozialen bzw. kulturellen Beziehung, bedeutet im Weberschen Sinn, ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer. Beziehung gilt aber auch als allgemeines zwischenmenschliches Geschehen der Kontaktaufnahme, der Annäherung oder Distanzierung, des Austausches und der Klärung von Machtpositionen, das sich im Rahmen formaler Netzwerke abspielt und Wiederholbarkeit miteinschließt.

Den Reigen der BeiträgerInnen beginnt Gerhard Amendt, der sich der Geschlechterbeziehung mit dem Schwerpunkt auf die 68er Generation annimmt und Tendenzen der Dichotomisierung beobachtet, die Opfer-Täter-Diskussion differenziert und provokante Thesen der Trennung und Verschmelzung anbietet. Zufall oder nicht, dies mag dahingestellt bleiben - ist er diesmal unser einziger männlicher Autor. Ulrike Körbitz öffnet ihren psycholanalytischen Zugang auf Geschlechterräume, auf "experimentelle Spielräume" mit zwei persönlichen Erlebnissen, deren Interpretation sich als roter Faden durch die Zeilen spinnt.

Mit ihrer Gegenüberstellung von Sexismus und Erotik ist dies ein Beitrag zu einem sehr brisanten Thema. Marianne Krüll trennte sich in den letzten Jahren immer stärker von traditionellen wissenschaftlichen Arbeitsweise, um neue Wege zu gehen. Auf der Basis der oft als problematisch empfundenen, wenn auch selten problematisierten Beziehung zwischen Mutter und Tochter thematisiert sie Mythen von Weiblichkeit und Mutterschaft, ein engagiertes Plädoyer, sich der eigenen Spurensuche zu stellen. Der vierte Beitrag von Caroline Willand thematisiert die traditionelle Zweierbeziehung von Mann und Frau und dikutiert auf empirischer Basis die neuen Konzepte um die partnerschaftliche Liebe versus die romantische Liebe. Was bedeutet der moderne Begriff der Partnerschaft für die Beziehung und wie steht er im Verhältnis zu den präsenten Vorstellungen der romantischen Liebe im Alltagsleben verschiedener Paare.

Die Gedankensplitter von Anita Niegelhell fordern zum Einlassen, zum Nachdenken, zum Weiterdenken auf. Menschen auf der Suche nach Orientierung, nach Freiheiten, nach Authentizität und Sicherheit sind Zeichen für gegenwärtige Erwartungen an Beziehungen.
Einen Einblick in die komplexen und komplizierten Beziehungen in einer Schulklasse gibt Gisela Unterweger mit ihrer empirischen Studie, wobei es ihr gelang, sich selbst als "Störfaktor" zu minimieren. Sie thematisiert die Besonderheiten jugendlicher Kommunikation und ihre dynamischen und instabilen Beziehungsnetze.

Mit Beziehungen einmal ganz anders beschäftigt sich Helga Maria Wolf. Als ausgewiesene österreichische Brauchexpertin interessieren sie die Beziehungsmuster, die sich bei der Beschäftigung mit Bräuchen beobachten lassen. So vielfältig wie Alltag durch symbolische Handlungen gekennzeichnet ist, so vielfältige Aspekte von Beziehungen lassen sich dabei beobachten, die auch Kommunikation mit dem Übernatürlichen einschließen. Als zweites Beispiel für die Beziehung zwischen Frauen - wenn auch gefiltert durch den massenmedialen Blick - steht der Beitrag von Katrin Bonacker. Im Vordergrund steht das Stereotyp der weibliche Konkurrenz, das in der Werbung auf vielfältige Weise neben den Bildern von weiblicher Solidarität und Freundschaft zu einer eigenen Größe geworden ist, wenn Beziehungen zwischen Frauen dargestellt werden.

Die Künstlerin Marie D. Neugebauer hat für dieses Heft die Fotos zur Verfügung gestellt.


Adelheid Schrutka-Rechtenstamm