Cover der Fluchtausgabe

Sabine Boomers
Das Leben nach oben retten.
Zur Widersinnigkeit des Sich-Aussetzens in Risikopraktiken


„Irgendwann um das Jahr 1800 wäre das Ereignis zu datieren, dass Menschen zuerst es sich vorzustellen wagten: die Erde ist bis auf verschwindende Reste entdeckt, erobert, besetzt, verteilt, vermessen, beschrieben und im Zuge der rücksichtslosen Ausbeutung begriffen ... Inseln mag es noch geben, in den Meeren, Urwäldern, Wüsten, aber keinen Grund mehr für jenes ratlos Ängstliche der weißen Stellen auf den alten Karten: ‚Hic sunt leones‘“(Kamper 1982: 41). Dies die Worte, die auf römischen Landkarten unentdeckte Gebiete und das – mit der Entdeckungslust verbundene – Wagnis des Todes jenseits bekannter Grenzen markierten. Doch scheint der Reiz, der von einem Hinweis auf Löwen und anderlei Gefahrenpotential ausgeht, ungebrochen. Denn trotz der – unbeirrt eurozentristischen – Vermutung, dass es nichts Fremdes mehr zu entdecken gäbe, zeigen sich ebenso beharrliche Versuche, an immer neuen Stellen auf eine risikobringende terra incognita zu stoßen. Mehr oder weniger verzweifelte Versuche unterschiedlichster Couleur, wie etwa zum Zeitpunkt dieses Artikelschreibens die Besteigung der Rakhiot-Wand am Nanga Parbat, dem neunthöchsten Gipfel der Erde. „Es war klar,“ so Reinhold Messner, „dass sich früher oder später jemand an dieser Wand versuchen würde. Sie war die letzte an diesem Berg, die unversucht geblieben war“ (Messner 2008).



Unter Alpinisten gilt der Nanga Parbat als besonders schwierige Herausforderung; 1953 erstmalig von dem Österreicher Herman Buhl bestiegen, ließen im Verlauf seiner Erkundung zahlreiche Menschen ihr Leben. Im Juli 2008 will Karl Unterkircher, der als neuer Star des internationalen Alpinismus gefeiert wurde, mit zwei weiteren Alpinisten eine neue Route auf den 8125 Meter hohen Gipfel eröffnen. In seinem online-Tagebuch vermerkt er: „Diese trotzige Teufelswand ließ mich schon am ersten Tag unserer Ankunft nicht in Ruhe, sie macht mich unschlüssig und skeptisch. Es ist wahrhaftig eine gefährliche Mission!“ (Unterkircher 2008). Auf der Höhe von 7.000 Metern stürzt Karl Unterkircher – vermutlich bei der Vorerkundung des Weges – in eine Gletscherspalte und stirbt; die zwei anderen Bergsteiger Simon Kehrer und Walter Nones wählen einen ungewöhnlichen Weg aus der Gefahrenzone: Sie versuchen, so Reinhold Messner, „nach einer Tragödie [...] ihr Leben nach oben zu retten“ (Messner 2008): Da der direkte Rückweg nach unten zu gefährlich ist, steigen die beiden Alpinisten weiter hinauf, um aus der Höhe zu einer sichereren Abstiegsroute zu gelangen. Schlechte Wetterverhältnisse führen dazu, dass Kehrer und Nones tagelang auf dem Berg unterwegs sind bzw. festsitzen, wobei ihre Stationen hochgradige mediale Aufmerksamkeit finden. Schließlich wird gemeldet: „Wir haben sie gesehen, sie sind mit den Skiern unterwegs“ (Tagesschau 2008); am 24.07.08 sind der Teilabstieg aus 6.600 Metern Höhe und die weitere Rettung per Hubschrauber abgeschlossen.

Aktives Fliehen
Nun mag man solche forcierten Ausbrüche des fort von und des hin zu, des nach vorn, nach oben oder unten und zurück als Spiel einer elitären Gruppe abtun. Und von einer Flucht im Kontext von Vertreibung, Verfolgung, Exil, Migration oder Illegalität kann schon gar nicht die Rede sein. Aber sowohl die Erzählungen der Protagonisten als auch das mediale Interesse, das ihre Exkursionen hervorrufen, geben Auskunft, dass hier durchaus einer ernstzunehmenden und in unwägbares Terrain drängenden Auseinandersetzung mit modernen Zumutungen nachgegangen wird. Es scheint mir hier um ein widerhakiges Zusammenspiel von Weltungewissheit und Selbstvergewisserung zu gehen, das im Folgenden entwirrt werden soll.

Dazu sei ein Rückblick auf die humanistische Selbstsetzung des Subjekts als Zentrum erlaubt: So zielte der im Zuge der europäischen Aufklärung einsetzende Versuch des Menschen, sich aus einer religiös-metaphysischen Einbettung zu emanzipieren, auch darauf, verlorene Gewissheiten mittels der Wendung auf ein sich selbst ermächtigendes, einheitliches Ich (als gottähnliches Subjekt) zu neutralisieren. Und bekanntlich richtete sich die abendländische „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) als Projekt steigender Säkularisierung, Rationalisierung, Technisierung, Objektivierung etc. auf die fortwährende Errichtung neuer Ordnungsstrukturen. Gleichwohl zeigt sich die Ambivalenz dieses Modernisierungsprojekts – nicht zuletzt aufgrund des „Dauerabenteuers des Industriekapitalismus“ (Beck 1986) – in dem Ansteigen neuer, diffuser Unwägbarkeiten, in abstrakten und anonymen bürokratischen Strukturen oder dem Wissen um unüberschaubare Risiken globalen Ausmaßes. Kurzum: Eine Quintessenz der abendländischen Moderne ist die fortlaufende Veränderung der Quellen der Gewissheiten (Beck 1986: 25). Zudem geht die angestrebte Emanzipation aus traditionellen Bindungen mit neuen Zwängen wie Flexibilität, Veränderungsbereitschaft und Mobilität
einher, die nicht zuletzt aufgrund der Arbeitsverhältnisse des neuen Kapitalismus immer drängender zu werden scheinen. Angesichts einer rasant fortschreitenden Pluralisierung der Lebensweisen ist es nun für den einzelnen von Nöten, mithilfe einer radikal individuellen Kompetenz ein hohes Maß an Komplexität und Widersprüchen managen und aushalten zu können. In der Konsequenz zeigen sich vermehrt sowohl Verhärtungstendenzen eines Individuums, das sich nur noch an sich selbst orientieren kann, als auch vage Gefühle subjektiver Macht- und Hilflosigkeit. Zumal sich das auf sich selbst gestellte Ich zusehends mit der eigenen Unverbindlichkeit konfrontiert sieht. Denn nicht nur bewegt sich der moderne Mensch im Spielfeld einer scheinbar uneingeschränkten Multioptionsgesellschaft (Gross 1994). Sondern auch der mit Freuds „Entdeckung“ des Unbewussten kursierende und desillusionierende Gedanke, dass das „Ich nicht Herr im eigenen Hause ist“ zeigt gesellschaftliche Breitenwirkung und verstärkt individuelle Vermutungen der eigenen Grundlosigkeit. Vor dem Hintergrund dieses verqueren Zusammenspiels von Weltungewissheit und Versuchen, sich seiner Selbst zu vergewissern beziehungsweise Erfahrungen der Selbstungewissheit sind Aufbrüche in eine wie auch immer gedachte terra incognita, so die These, eher als eine Art aktives Fliehen aus sich heraus, als eine Art gewollte Entfremdung zu deuten.

Wiederverzauberung und Emanzipation
„Das Geheimnis des Mount Genyen: mit dieser Idee im Kopf und im Herzen sind wir vor circa drei Wochen von Italien gestartet. Mit einigen Satellitenfotos und den wenigen Informationen die wir vom Gebiet, das wir für unser Abenteuer ausgesucht haben, zur Verfügung hatten. Und es ist wirklich ein Abenteuer, schon die Anfahrt zum Massiv: mit dem Jeep befahren wir eine unendlich scheinende Anreihung von Tälern, eines nach dem anderen, bis wir ins Tibetische Hochland gelangen, mit Pässen über 4000 Metern. Je weiter wir kommen, desto schlechter werden die Strassen und am letzten Tag brauchen wir fast 8 Stunden um die 91 km die uns von Lithang nach Zhanla trennen, zu bewältigen“ (Unterkircher 2008a). Ein Blick auf Erzählungen Extremreisender wie hier auf einen Expeditionsbericht von Unterkircher, auf Reisekataloge und Praktiken des Erlebnis- und Risikotourismus führt vor Augen, inwieweit der virulente Mangel an Seins- und Wissensgewissheit mit einer beharrlichen Suche nach romantischen und abenteuerlichen Gegenwelten korreliert. Nach Gegenwelten der Moderne, in denen oftmals die geographische mit kulturhistorischer Ferne verknüpft wird und gewissermaßen Momente der Vorzeitlichkeit auftauchen. „Denn insofern und insoweit die moderne Wirklichkeit in ihrer Ausdifferenzierung als zerrissen und entfremdet und daher als defizient oder bedrückend erfahren wird – und diese Erfahrung ist in der Moderne so weit verbreitet, dass sie als eines ihrer Hauptmerkmale betrachtet werden darf –, verbindet sich mit allem, was aus der Moderne ausgegrenzt erscheint, Hoffnung und Sehnsucht“ (Klinger 1995: 17). Und gegenwärtig verweist nicht nur die Spannungssuche von Akteuren wie Extremalpinisten, sondern mehr denn je auch profanere Ausbruchspraktiken kommerzialisierter Art wie Klippenspringen, Drachenfliegen, Canyoningtouren, Dschungel-reisen oder Höhlenkriechen auf Sehnsüchte, aus einer als fremdbestimmt empfundenen Gesellschaft flüchten zu können. Hier geht es um Sonderwelten, die einem zeitlich und geographisch begrenzten Fluchtfeld entsprechen, und in denen jenseits der Abstraktheit des städtischen Alltagshorizontes Motive wie Freiheit, Abenteuer, Natur und Körper zu einer Synthese zusammengeführt werden.

Diese Sonderwelten erfüllen zwei merkwürdig entgegenlaufend anmutende Funktionen. Zunächst sind die außerordentlich risikofördernden Elemente auffällig. Es scheint, als drängten Erfahrungen einer ‚unsicheren Sicherheit’ der Zivilisation dazu, das Leben – um es mit Messner zu sagen – „nach oben zu retten“, sich in Räume gesteigerter Ungewissheit jenseits moderner (Un-)Ordnung zu katapultieren. Hinaus aus der Unerträglichkeit unkontrollierbarer Variablen sozialer und globaler Art, die sich einem subjektiven Einflussbereich entziehen wie etwa atomare Bedrohung, ökonomische Katastrophen, deregulierte Arbeitsmärkte oder Zufallsabhängigkeit. Und hinein in Sphären überbordender Pflanzenwelt, tosender Wasserstrudel, ungewohnter Hitze oder Kälte, der Kargheit oder Schroffheit oder der Mangelerscheinungen wie dem Fehlen von Sauerstoff im Hochgebirge. Karl Unterkircher schreibt angesichts der Rakhiot-Wand am Nanga Parbat: „Angst und Kopfzerbrechen bereiten mir aber die Eisklumpen, die sich ständig von der zerklüfteten Eiswand lösen. Sicher verursacht diese Wand schon seit Jahrzehnten Angst und Zittern im ganzen Tal und fordert die Einheimischen zu Respekt und Heiligkeit auf“ (Unterkircher 2008). Die kleine Notiz – im Internet sämtlichen interessierten LeserInnen zugänglich – führt plastisch vor Augen, wie außereuropäische Kulturen und Naturphänomene als märchenhaftes und mit durchaus grausamen Zügen versehenes Pendant des entzauberten Abendlandes gedacht werden. Hier wird eine Sphäre eröffnet, die als das Andere der Moderne mit einem doppelten Versprechen ausgestattet wird: Zum einen sollen die als gegensätzlich und mächtig entworfenen Welten des Abenteuers und Extremen Antworten auf Bedürfnisse geben, die verblüffenderweise allen Rationalisierungs- und Säkularisierungsprojekten zum Trotz unterirdisch weiterwuchern, nämlich Bedürfnissen nach „Einheit, Ganzheit und Sinn“ beziehungsweise Sehnsüchten nach Ursprünglichkeit, Entfaltungs- oder Erlösungskräften (Klinger 1995). An dieser Stelle ein weiterer Auszug aus dem online-Tagebuch von Karl Unterkircher: „Das Leben liegt in Gottes Hand, und wenn er uns ruft, dann müssen wir gehen. Ich bin mir bewusst, dass die breite Öffentlichkeit nicht meine Meinung teilt, denn sollten wir wirklich nicht mehr zurückkehren, würden viele sagen: ‚Was haben sie denn dort nur gesucht? Wer hat sie dort hingetrieben?’ Aber eine Sache steht fest, wer keinen Kontakt mit dem Berg findet, wird es auch nie erfahren. Der Berg ruft!“ (Unterkircher 2008).

Zum anderen gilt hier gemäß eines agonalen Prinzips auch: Je größer der (imaginierte) Gegner, desto größer das siegreiche Ich. Denn über die Möglichkeit einer Einbettung hinaus scheint die freiwillig aufgesuchte Grenzsphäre vor allem die Funktion zu erfüllen, in einem individuell zugeschnittenen Ex-perimentierfeld abstrakte Risiken gewissermaßen sichtbar zu machen. Sichtbar zu machen, um zumindest diese überstehen und mit dem Privileg zurückkehren zu können, von der potenziell machbaren Beherrschbarkeit von Risiken zu berichten. Recht offensichtlich ist dies beispielsweise in den Texten von Reinhold Messner, wenn er „das Schwinden des Ozonfilters, Reaktorunfälle, die rasante Klimaveränderung, Überbevölkerung in Asien und Afrika und Völkerwanderung [...] als große Gefahren“ benennt (Messner 2000: 81), und an anderen Stellen schreibt: „Meine Gefahren sind sichtbar, hörbar, fühlbar“ (Messner 1998: 10). Aus einer Position der Machtlosigkeit gegenüber uneindeutigen Gefahren flieht Messner geradezu in einen Raum konkreter Gefahren, in dem das Phänomen Wildnis (Gipfel, Eis, Gletscher) als ein erbarmungsloser Rivale konstruiert wird. Als ein Rivale, der einen imaginären Gegner darstellt, kann doch objektiv gesehen gegen eine Natur, die von sich aus dem Grenzgänger indifferent gegenübersteht, nicht verloren oder gewonnen werden. Der Sieg im Sinne eines Überlebens, der einer Wildnis vielmehr abgerungen wird, besteht darin, den Tod auf die Probe gestellt zu haben.

Im Folgenden soll diese Ambivalenz von Einbettung in und Emanzipation aus der Natur näher betrachtet werden. Richten wir unseren Blick auf das Überleben-Wollen, so scheint offensichtlich, dass die Leistungsspirale, die in aktuellen Risikosport‑Erfahrungen wie Steilwandklettern ohne Seil, Brückenspringen oder Tiefseetauchen ohne Atemhilfe sichtbar wird, mit einer Selbstdisziplinierungsleistung korrespondiert. Pam Houston – unter anderem Extremreisende, Jagdführerin, Anglistin, Autorin – beschreibt ihrem Lesepublikum, inwieweit sie sich aktiv und kompetent konkreten Gefahren zu stellen vermag: „Während dieser Zeit [5 Jahre] habe ich mehr als 40 Wildwasserfahrten gemacht. Ich bin über dreitausend Meilen durch unberührte Natur gewandert. Ich habe über dreiundvierzig Länder auf fünf Kontinenten bereist. Zweimal wurden Suchtrupps nach mir ausgesandt. Ich habe in über 400 Flugzeugen gesessen. Viermal wurde ich aufgefordert, mich auf eine Notlandung vorzubereiten. Ich bin gegen jede Krankheit, die die Welt zu bieten hat, geimpft worden. Dreimal wurde ich ausgeraubt“ (Houston 1999: 17). Die öffentlich ausgestellten und heldischen Risikopraktiken sollen beweisen, dass allen Unwägbarkeiten zum Trotz durchaus intra-individuelle Kontrolle über das eigene Leben oder die Umwelt erlangt werden kann. Die leistungsorientierte Haltung, die hier deutlich wird, symbolisiert eine Art Rüstungspanzer und steht in engem Zusammenhang mit Konkurrenzen um Prestige, soziale Positionen, ökonomischen Erfolg und symbolische Macht.1 Denn Kampfbereitschaft und Durchsetzungsvermögen gegenüber unerbittlichen und nicht aufschiebbaren Schwierigkeiten sind auch für ein Bestehen im neoliberalen Kapitalismus von Nöten. Die in Extremgängen erprobten Strategien wie Selbstmobilisierung, eigenhändiges Management der Organisation, realistische Einschätzung der Risiken und des eigenen Handlungsvermögens oder Kompetenz zum Selbstaufbau sind individuelle Antworten auf sozial produzierten Erfolgs- und Anpassungsdruck; sie können als ein kulturelles Kapital eingesetzt werden, das für einen Transfer in Praxisfelder des Berufswesens nutzbar gemacht wird. Nicht weiter verwunderlich daher, dass ein prominentes Vorbild wie Messner etwa, der sich über Jahrzehnte physisch in einer ‚letzten Herausforderung’ bewiesen hat und sein Können öffentlich unter Beweis stellt, mittlerweile auch als Managementberater arbeitet. „Führungskräfte und Extremsportler“, so Messner, „haben einiges gemein. Wer nach oben will, muss sich mit aller Kraft für seine Ziele einsetzen, das Beste geben und Führungsqualitäten mitbringen“ (Cromme 2007).

Widerfahrnis
 „Das große Bergsteigen ist ein anarchistisches Tun in einer archaischen Welt. Die Natur ist immer stärker als der Mensch, wir sind Mängelwesen in dieser großen, eisigen, sauerstoffarmen Gegend. Und wir werden immer unterlegen sein, das heißt, es wird immer nur ein Versuch sein, hier zu überleben“ (Messner 2008). Wenn ein hochgradig reflektierter Grenzgänger wie Messner, der nahezu manisch immer wieder neue Entwürfe seiner Selbst entwirft, erprobt und präsentiert, auf die stete Möglichkeit des Scheiterns hinweist, dann geht es aber nicht nur um Selbststilisierung gemäß eines agonalen Prinzips oder um das Leistungsprinzip, Fehler zu neuen Erfolgen zu führen. In dem angestrengten Versuch zu überleben, in diesem freiwillig zugemuteten Leiden, scheint sich vielmehr eine Art Vakuum zu öffnen, in dem Selbstgewissheit und Abhängigkeit ineinander übergehen. Nun ist die Nähe des Todes als ‚kalkuliertes’ Risiko ein wesentlicher Bestandteil des Grenzganges. Aber dieser geschieht allen organisatorischen und technischen Absicherungen, Möglichkeiten des Funkkontakts mit der Außenwelt und Wetterstationen sowie Rettungsmissionen zum Trotz in einer objektiv gesehen absolut unwägbaren Natur. Der Tod bleibt unkalkulierbar, der Grenzgang kann jederzeit in den realen Tod ausrutschen. Auch ist die oftmals formulierte These zu bezweifeln, dass es bei bergsteigerischen oder extremistischen Grenzgängen einzig um die Versicherung einer kompetenten Ich-Identität ginge, um zumindest episodisch Gefühle mangelnder Identitätskongruenz überwinden zu können.2 Mag die im Nachher des Grenzgangs auch erfolgende erzählerische Selbstsetzung als überlebensfähiger und autonom Handelnder dominieren, so finden sich beispielsweise in Messners Texten mindestens untergründig Hinweise darauf, sich als unstrukturiertes und losgelöstes Ich spüren zu wollen.3 „Wenn ich aufwache, muss ich mich manchmal selbst streicheln, mit meinen Händen über meine warme, nackte Haut fahren. Ich fühle mich weder einsam noch allein, aber ich muss mich selbst abtasten, um erfassen zu können, was ich bin, wo ich bin, um mir selbst glauben zu können“ (Messner 1995: 114). Im lustvollen Tremendum der Mangelerfahrungen bzw. eines durch ein Zuviel an Granit, Schnee, Eis, Rissen oder Nebel fremdwerdenden Körpers drängen sich Fragen auf, ob die Hand noch die eigene ist, die Füße zu bewegen sind, die Leere im Kopf wieder zu füllen sein wird. Die Faszination, sich in Todeszonen zu begeben, dieses sich über die Erschöpfung bis zur Selbstdegradierung hinaustreibende Klettern, Gehen, Schlittern am Hang, das Torkeln und das Kriechen der Extremalpinisten, irgendwie, mit Händen und Füßen, das sich Anschmiegen an den Widerstand der harten, eisigen oder mitreißenden Materie – all diese scheinbar aberwitzigen Bemühungen lassen sich auch als Auflösungstechniken einer verhärteten Identität der Selbigkeit deuten, als Suche nach einem womöglich irritierenden sich-selbst-fremd-sein-Dürfen, ja gar nach Kontrollverlust.

Hinweise darauf, dass es bei solchen Fluchtversuchen um die geheime Lust zu gehen scheint, auf einer Schwelle zwischen Leben und Tod aus der Bahn des autonomen Subjekts geworfen zu werden, können wir auch bei anderen vorbildlichen Grenzgängern nachlesen. Jon Krakauer etwa beschreibt in seinem Buch über die pressewirksame Geschichte des Aussteigers Chris McCadless, dessen Leiche 1992 in der Wildnis von Alaska gefunden wurde, seine persönliche Faszination an schwindelerregenden Abgründen oder der eigenen Schutzlosigkeit: „Himmel und Erde schienen ineinanderzufließen, und den größten Teil des Tages tappte ich blind in dem Labyrinth umher, verfolgte meine Schritte von einer Sackgasse in die nächste zurück. Immer wieder glaubte ich, einen Weg ins Freie gefunden zu haben, nur um in einer weiteren tiefblauen Sackgasse [herv. S. B.] hängenzubleiben“ (Krakauer 1998: 208). Hier eröffnet sich inmitten der Koordinaten von Behauptung und Beweiserbringung ein ähnliches Feld entrückender Kontrollabgabe, wie wir es bei Messner nachlesen konnten. Aktivität und Passivität werden ununterscheidbar. Das oftmals in nahezu manischen Wiederholungsakten zu Tage tretende Begehren der Risikosucher, wieder und wieder desorientiert zu werden, verweist auf die Mühsal der Versuche, ein Beherrschungsverlangen über sich und die Umwelt verhindert zu sehen; in diesem Fall lässt eine Sackgasse, zumal „tiefblau“, Krakauer in ein Moment des Nichts-tun-Könnens laufen.
Die hier zum Ausdruck gelangende Vermengung von aktivem Tun und passivem (Er‑)Leiden lässt sich mit Waldenfels als ein „Widerfahrnis“ verstehen.4 Ein Widerfahrnis, insofern es mit ambivalenten Reaktionen von Hoffnung und Furcht, Lust und Schmerz einhergeht: „Ein Handelnder, der sich nicht selbst mitsamt seinen Taten aus dem Nichts hervorzaubert, hat es immerzu mit etwas zu tun, was ihm geschieht, ihm zustößt, ihm angetan wird, was ihn überrascht, herausfordert, lockt, antreibt, bedroht oder schließlich verletzt und vernichtet“ (Waldenfels 1991: 122). Ist das aktive Fliehen in die Extreme erst einmal in einen Schock- und Rauschzustand vorangetrieben, wird die Eigentätigkeit ausgeschaltet, übernimmt ein Anderes das Handeln. Es ist meines Erachtens diese Phase des Ausgesetztseins, die den geheimen Reiz der Abenteuersuche ausmacht. Wenn die Extremisten sich ganz den Bedingungen ihres Grenzgangs überlassen, verzerrt sich der Ort, dehnt sich die Zeit, verschwimmt die Wahrnehmung. Arved Fuchs, seine Kap Hoorn Umpaddelung beschreibend: „Es gibt kein Gestern und kein Morgen, es gibt nicht die Frage nach dem Warum, das einzige, was zählt, ist, dass ich paddele, dass ich mich vorwärtsbewege“ (Fuchs 2000: 323). In diesem Vakuum widerfährt dem Aktivisten allen vorherigen Absicherungen zum Trotz etwas, was er weder gänzlich zu bejahen noch zu verneinen vermag: „Der Augenblick, in dem wir in etwas hineingeraten, und der Prozess, in dem wir uns auf etwas einlassen, darf nicht verwechselt werden mit den Präventionen und Nutzanwendungen, die vorher oder nachher kommen“ (Waldenfels 1991: 131).

Steigerungen
Die geschilderten Aufbrüche und Aussagen prominenter Extremgänger lassen sich als Ausdruck eines doppelseitigen Begehrens nach übersteigerter Affirmation des Selbst einerseits und Selbstverlust andererseits deuten. Und vor dem gesellschaftlichen Hintergrund einer scheinbaren Multioptionsgesellschaft mit neuen Zwängen von Identitätsflexibilität und Identitätsstärke gelten diese Wagnisambitionen – als Vorbild und Motivation – auch für die neuen Formen extremer Sportarten, in deren Mittelpunkt die explizite Suche nach Rauscherfahrungen steht. In Praktiken wie Barfußwüstenläufen, Wildwasserfahren oder Brandungssurfen öffnen sich Momente eines unkontrollierten Rausches, die gewissermaßen einem Auslöschen von Identität entsprechen. Dabei handelt es sich um Versuche, die in der Folge gegenläufige Effekte zeitigen. Denn was sich in dieser Suche nach dem Gefühl, ausgesetzt zu sein, widerspiegelt, ist das verzweifelte Begehren eines als autonom (aus‑)gesetzten, aber in sich haltlosen Individuums nach sowohl erlösender Regression als auch danach, sich seiner selbst zu vergewissern.
So flieht es sich zum einen aus Angst vor der eigenen Unverbindlichkeit (unter einer verhärteten Identität der Selbigkeit) in eine als übermächtig konstruierte Gegenwelt, um dort mit dem Medium des Körpers möglichst weit aus sich herauszugehen, in einen Sog lustvoller Selbstaufgabe geraten zu können. Doch wie Klinger zum spezifisch modernen Charakter romantischer Gegenwelten bemerkt: „Nirgendwo kommt in der Moderne eine substantielle Ordnung von universeller Gültigkeit in Sicht, die eine rückhaltlose, vertrauensvolle oder demütige Einfügung des Individuums gestatten oder gar gebieten könnte.“5 Das auf sich gestellte Ich ist der letzte Bezugspunkt. So verbleibt ihm zum anderen, sich angesichts der Erfahrung der Weltungewissheit aus dem Sog der Formlosigkeit zu emanzipieren In einer mehr oder weniger triumphierenden Bewegung kreiert sich der Grenzgänger aus der Gestaltlosigkeit heraus ein neues, autonomes Ich, das im Nachher des Widerfahrnisses die gesellschaftlich geforderte Konturierungsleistung zu erbringen vermag, das sich im erzählerischen Entwurf selbst als Sieger schafft.

Die Crux dieser Selbstvergewisserungsstrategie liegt darin, den aufgelösten Zwang im Gegenzug wieder nachspannen zu müssen. Eine nahezu zwanghafte Steigerungslogik wird hier wirksam: Insofern jedes einmal überlebte Wagnis und jede überlebte Selbstauflösung sich in den Augen der Grenzgänger und ihres Publikums als beherrschbar gezeigt hat, muss in der Folge die Dosis der (gefahrenvollen) Entrückung gesteigert werden, um die Funktion des Ausbruchs erhalten zu können. Je rigider moderne Zumutungen und Unwägbarkeiten mit selbstgesetzter und sozial erwarteter Standhaftigkeit beantwortet werden, desto größere Auflösungsversuche scheinen von Nöten, um eben diese Leistung der Selbstverhärtung erbringen zu können. Bis in welche Höhen sich dabei die Flucht nach vorne, dieses verquere Zusammenspiel von Weltungewissheit und Selbstvergewisserungsnot treiben wird, bleibt abzuwarten.

Literatur

Primärliteratur
Fuchs, Arved (2000): „Lohn der Angst“, in: Wank, Ulrich (Hrsg.): Abenteuer grenzenlos. Expeditionen ins Ungewisse, München, S. 317–323

Houston, Pam (1999): Die Wildnis im Herzen, München

Krakauer, Jon (1998): In die Wildnis. Allein nach Alaska, München

Messner, Reinhold (2008): „Manche wagen es eben, neue Wege zu gehen“, Interview mit Bernd Loppow, in: Die Zeit online vom 24.07.08, http://www.zeit.de/online/2008/30/interview-messner, [Stand 10.08.2008]

Messner, Reinhold (2000): Berge versetzen – Das Credo eines Grenzgängers, München
Messner, Reinhold (1998): 13 Spiegel meiner Seele, München

Messner, Reinhold (1995): Everest. Expedition zum Endpunkt, München

Unterkircher, Karl (2008): Expedition zum Nanga Parbat 8125 m (Pakistan) Juni/Juli 2008, online Tagebuch, http://www.karlunterkircher.com/de/expeditionen_nanga_parbat.htm, [Stand 10.08.2008]

Unterkircher, Karl (2008a): Genyen Expedition, http://www.karlunterkircher.com/de/expeditionen_genyen.htm, [Stand 10.08.2008]

Sekundärliteratur
Alkemeyer, Thomas (1995): „Sport, die Sorge um den Körper und die Suche nach Erlebnissen im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung“, in: Hinsching, Jochen/Frederik Borkenhagen (Hrsg.): Modernisierung und Sport, Jahrestagung der dvs-Sektion Sportsoziologie vom 14. ‑ 16.09.94 in Greifswald, Schriften der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft 67, Sankt Augustin, S. 29–65

Aufmuth, Ulrich (1983): „Risikosport und Identitätsproblematik – dargestellt am Beispiel des Extremalpinismus“, in: Sportwissenschaft 13, S. 249-270

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/Main

Boomers, Sabine (2004): Reisen als Lebensform. Isabelle Eberhardt, Bruce Chatwin und Reinhold Messner, Frankfurt/Main 2004

Cromme, Gerhard (2007): „Gipfeltreffen“, in: Vanity Fair 38, S. 92ff., http://www.vanityfair.de/articles/agenda/gerhard-cromme-co/2007/09/17/03364/, [Stand 10.08.2008]

Gross, Peter (1994): Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt am Main 1994

Kamper, Dietmar (1982): „Das Verschwinden der heiligen Geographien“, in: Tumult 3, S. 39‑46

Klinger, Cornelia (1995): Flucht Trost Revolte. Die Moderne und ihre ästhetischen Gegenwelten, München

Krainz, Waltraud (1989): Wirklich oben bist du niemals. Subjektkonstitution und Geschlecht rund um und auf dem Berg, Dissertation Universität Klagenfurt

Peskoller, Helga (1997): BergDenken. Eine Kulturgeschichte der fremden Höhe, Wien
Peskoller, Helga (2001): extrem. Wien, Köln, Weimar

Siegrist, Dominik (1996): Sehnsucht Himalaya, Zürich

Tagesschau de (2008): Online-Bericht am 24.07.2008, http://www.tagesschau.de/ausland/nangaparbat132.html, 12:10 Uhr, [Stand 10.08.2008]

Waldenfels, Bernhard (1991): Der Stachel des Fremden, Frankfurt/Main
Anmerkungen

1    Zur Spannung zwischen Leistungsfähigkeit und hedonistischem Streben im modernen Sport siehe Alkemeyer 1995, hier: 59.

2    So beispielsweise die These von Aufmuth (1983) oder Siegrist (1996: 166f.), dass das zentrale Motiv von Grenzexpeditionen die Sehnsucht nach „fragloser, klarer Identität“ sei.

3     Zur detaillierten Analyse eines Abwesenheitsverlangens, das sich in den Grenzgängen und Texten Messners abzeichnet, siehe Boomers 2004. Siehe auch Peskoller (1997; 2001) und Krainz (1989) zum Imaginären respektive Scheitern der Versuche, sich mittels alpinistischer Extremgänge und erzählerischem Tun selbstständig als autonomes Subjekt schaffen zu wollen.

4    So Waldenfels (1991: 122ff.) in Anlehnung an Kamlahs Anthropologie.

5    Klinger 1995: 166. Was bleibt, ist nach Klinger einzig ein Glauben-Wollen, da im Modernisierungsprozess zum einen jegliche übergreifenden Ordnungsmuster Ausdifferenzierungsprozesse durchlaufen und zum anderen der Einzelne angesichts des Bewusstseins um eine Vielzahl konkurrierender und sich damit relativierender Sinnmuster der Selbstreferentialität unterliegt.