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Lust. Lüste. Gelüste. Von Lebenslust bis Unlust, von Begehren bis zur Lust am Verbotenen, von lustig bis Ordnungslust, von Lustkonsum bis Konsumlust, von Lust im Feld bis Wanderlust. So vielfältig und facettenreich wie ihre Begrifflichkeit zeigt sich Lust auch in alltagsweltlichen Praktiken. »Lust« haben wir, diskutieren wir, kontrollieren wir, befriedigen oder verweigern wir. Wir versuchen sie zu unterdrücken, zu beweisen, bedauern ihr Fehlen oder erstreben sie. Selbst in der Askese ist Lust in ihrer Abwesenheit – wenn nicht gar in ihrer Negation – präsent.  

Das breite Spektrum der Lust geht mit ihrer Komplexität einher, weshalb sich verschiedenste Wissenschaften mit der Schwierigkeit, »Lust« als Phänomen zu fassen, beschäftigen. Nicht erst seit Sigmund Freuds psychoanalytischen Auseinandersetzung mit dem Lustprinzip, sondern trotz oder gerade aufgrund von tabuisierten Lusterfahrungen war Lust als Untersuchungsgegenstand bereits im antiken Griechenland populär. Platon stellte zum Beispiel Fragen nach der »wirklichen« Lust und die Problematisierung des richtigen Maßes an Lust bleibt bis heute aktuell, denn der Grat zwischen »guter« und »schlechter« Lust scheint schmal zu sein. Die zahlreichen Dimensionen der Lust machen deutlich, dass nur eine multiperspektivische Betrachtungsweise dem Begriff gerecht werden kann. Eine solche möchte auch dieses Heft bieten. Auf empirische Weise nähern sich die Autor*innen in ihren Beiträgen verschiedenen Momenten der Lust. 

Die Abwesenheit von Lust oder ihr Gegenteil – die akute Unlust – wird im ersten Beitrag von Jens Wietschorke diskutiert. Er zeichnet die fehlende Lust von Gontscharows Romanfigur »Oblomow« nach, der sich als »anti-unternehmerisches« Selbst der »Lust« auf Aktivität oder Produktivität entzieht. Ist diese Verweigerung von Lust in einer Zeit, in der die Optimierung des Selbst als erstrebenswert gilt, überhaupt noch möglich?  

Die Frage nach den Umgangsstrategien von Menschen mit modernen Produktivitätsaufforderungen wird auch im zweiten Beitrag aufgegriffen. Ruth Eggel und Barbara Frischling zeigen, wie Emojis als Emotionspraktiken so »ansteckend« werden, dass sie nicht fehlen dürfen. Die lustvolle Verwendung dieser lustigen Symbole wird zugleich zu einer Strategie, die das »Brennen« für eine Sache und die persönliche emotionale Involvierung beweisen, ganz im Sinne eines neoliberal erfolgreichen Subjekts.  

Dabei zeigt sich ein Hang zu Überschuss und Übertreibung, der ebenfalls im anschließenden Beitrag von Andrea Graf in einem ganz anderen Forschungsfeld beleuchtet wird. Junggesell*innenabschiede als klischeebeladene Partyexzesse, die medial und touristisch vermarktet werden und zugleich zu einem besonderen Erinnerungsmoment für die Beteiligten werden sollen. Zwischen Demütigungen und größtmöglichem Spaß-Erleben ermöglichen sie die Lust am »Ausbrechen« in einer Situation des Übergangs.  

Unter den verschiedenen Assoziationen, die LUST weckt, bleibt eine wichtige – in diskursiven Öffentlichkeiten häufig aufgegriffene – Konnotation jene der sexuellen Lust, die in unterschiedlichen Facetten in den Beiträgen dieser Ausgabe aufgegriffen wird.  

Lust als Gegenstand von Politiken und Kontrolle sexuellen Begehrens wird im Beitrag der Gruppe Goldner im Kontext von Aids-Prävention-Kampagnen und ihren Verbindungen zum Selbst- und Fremdverständnis homosexueller Männer ab den 1980er Jahren diskutiert. Ein anfänglicher Widerstand verwandelt sich zu einer Anpassung des Lustempfindens und einer positiven Bewertung von »Safer-Sex«. 

Peter Hörz gibt im Anschluss Einblicke in die Lebenswelten homosexueller Escorts in einem (noch) immer tabuisierten Gewerbe. Er zeigt auf, wie freudvolle und lebenslustige  Erfahrungen von Sexarbeit das Ausleben einer Lust am Reisen, Luxus und Genießen ermöglicht und »Quality Moments« beschert.  Wie sehr Lust an oder in der Sexarbeit tabuisiert ist, zeigt auch Sabrina Stranzl in ihrer Forschung mit Sexarbeiterinnen in Graz und Amsterdam. Hegemoniale Diskurse von Opferrollen und Unterwerfung werden von den Akteurinnen umgedeutet und angeeignet. Sie stellen die eigene Selbstbestimmung und Handlungsmacht in den Vordergrund. 

Aneignungsstrategien und Praktiken der (Selbst-)kontrolle sind im Beitrag von Isabella Kölz  ebenfalls von zentraler Bedeutung. Über die Praktiken des »Pluz-Size-Fashion-Blogging« wird die enge Verbindung von Lust und Frust sowie die Wirkmächtigkeit der normierenden Diskurse um Mode und Körper sichtbar. Die Akteurinnen versuchen Bekleidungsstandards zu dekonstruieren und eignen sich Mode und Styling als Empowerment-Tools an. Die Lust an neuen Konsumprodukten geht hier mit einer Lust an einer selbstbestimmten  und öffentlichkeitswirksamen Darstellung des Selbst einher. Visuelle Aspekte der Ästhetik bedient auch die Schaulust, der sich Alexander Schwinghammer in seinem Beitrag nähert. Über die Alltagspraxis der Food Photography wird hier die Verschränkung von Körper, Körperlichkeit und Essbarem als ein wesentlicher Teil der Lust im Feld der Lebensmittelfotografie sichtbar.  

Lust ist nicht nur Teil gefühlter, erlebter und imaginierter Räume, sondern manifestiert sich auch im Materiellen. Raphael Reichel thematisiert mit seiner Topographie des Begehrens im abschließenden Beitrag, wie sich Lust in die Stadtarchitektur der thailändischen Metropole Pattaya einschreibt. Ein Fischerdorf entwickelte sich zu einem Fokus der thailändischen Sexindustrie und ist heute ein Ort transnationaler und diversifizierte Begegnung und Abbild destruktiver Ungleichheit und sexueller Ausbeutung. 

Den Texten stehen in dieser Ausgabe die Werke der Münchner Künstlerin Magdalena Waller zur Seite. In ihrer Serie »XY_wir« geht sie Fragen der Ähnlichkeit und Identitäten nach. Im Kontext der Malerei untersucht sie das Überlappende, Gleiche und sich Unterscheidende zwischen sich selbst und ihrem Bruder – »wer bin noch ich und was schon er?« Damit eröffnet Magdalena Waller zudem bereits einen Diskussionsraum für das Thema Gleichheit, das Gegenstand der folgenden Kuckuck-Ausgabe (2/2018) sein wird. 

Eine lustvolle und bereichernde Lektüre sowie schönes Blättern wünschen 

 

Ruth Dorothea Eggel 

Mateja Marsel 

Libuše Hannah Vepřek