Die Kuckuck-Redaktion interessierte sich mit diesem Thema für die kulturellen und sozialen Aspekte des Begriffs Nachkommen und im umfassenden Sinn - von den jüngeren Debatten über die im Zweiten Weltkrieg geborene Generation bis zu(m) Erben, von politischen Fragen der Generationengerechtigkeit bis zur wer weiß wievielten Generation von Punks, vom Erinnern bis zur religiösen Praxis der Nachkommen.

Eingeleitet wird das Heft von dem sehr persönlichen Versuch einer Eigenethnografie, wie Anita Niegelhell das genannt hat. Ausgehend von eigenen familiären Erfahrungen des Umgangs mit dem potentiellen Erben und den damit verbundenen symbolischen Praxen, auf die uns Ulrike Langbein so eindrücklich hingewiesen hat, diskutiert sie die Probleme einer räumlich wie intellektuell mobil gewordenen Gesellschaft, die (vermeintlich) klassische Formen des Vererbens und Erbens nicht mehr gestatten.

Christopher Franz Ebner stellt in seinem Beitrag Die Ordnung der Gegenwart und die Rhetorik der Politik vor, wie sich in der Politik die Diskurse zur Bewältigung anstehender Probleme von der Vergangenheits-Rhetorik - etwa das Anknüpfen an eine ruhmreiche Geschichte - in eine Zukunftsrhetorik gewandelt haben, der zufolge heute die Probleme gelöst werden müssen, damit es die Nachkommen einmal besser haben können.

Wenn bei Anita Niegelhell die Schwierigkeiten der unterschiedlichen Lebensentwürfe von Generationen im Zentrum stehen, sind es bei den marokkanischen Studierenden im "bikulturellen Einflussbereich", die Magdalena Weiglhofer beschreibt, im Grunde genommen ähnliche Probleme. Zwischen den ethnisch-religiös geprägten Vorstellungen der Elterngeneration und dem Leben in einem weitgehend säkularisierten "westlichen" Studierendenmilieu ergeben sich Verwerfungen, die quasi in einem individuellen Aushandlungsprozess mit sich selbst gelöst werden müssen, was mit den von Ulrich Beck und anderen beschriebenen Konflikten einher geht.

Einblicke in die Grazer Punkszene verschaffen Gerlinde Malli, Diana Reiners und Gilles Reckinger und verdeutlichen dabei das verhängnisvolle Wechselspiel von Zuschreibung und Selbstbezeichnung, von sozialer Ausgrenzung und "kultureller" Abgrenzung. Wie schon von Paul Willis und anderen Vertretern des CCCS in Birmingham in den 1970er Jahren an anderen Beispielen beschrieben, mündet der Widerstand gegen die Wertvorstellungen der Gesellschaft, die unter anderem im Stil ihren Ausdruck findet, bei Jugendlichen aus den unteren sozialen Schichten/Milieus in eine Abwärtsspirale, der nur schwer zu entkommen ist.

Mit einem kritischen, vielleicht sogar etwas moralisierenden Ton, aber doch aus kulturwissenschaftlicher Perspektive nimmt Susanne Geser die Probleme der nachfolgenden Generationen in unserer Gesellschaft aus "salutogenetischer" Perspektive in den Blick. Was in der Redaktion durchaus kontrovers diskutiert wurde, soll als Diskussionsansatz einen Platz im Kuckuck haben. Einem vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Integration und Ausschluss" geförderten Projekt entstammt der Aufsatz von Géraldine Widmer, der Erzählungen von Kindern mit psychisch erkrankten Elternteilen analysiert und den Umgang mit dieser schwierigen Situation interpretiert.

Wolf Hannes Kalden nimmt sich der Erinnerungskultur der Nachkommen am Beispiel von Hiroshima an. Er stellt das Friedensmuseum, den Friedenspark, Denkmäler und Zeremonien vor, die dem Gedenken der Opfer des Atombombenangriffs dienen und zeichnet die Diskurse nach, die es über die Formen der Totenmemoria gibt.

Katrin Bauer hat am Weltjugendtag im August 2005 in Köln teilnehmend beobachtet und Gespräche geführt. Auf der Grundlage dieser Feldforschung analysiert sie dieses perfekt inszenierte Event, bei dem Religiosität, Emotion und Ästhetik ineinander greifen und das im neuen Papst seinen notwendigen und absoluten Star hatte. Ebenfalls einem religiösen Thema ist der Beitrag von Špela Kalcic gewidmet, die bei jungen Bosnierinnen in Slowenien erforscht hat, welche Einstellungen diese zur Verschleierung haben. Die bewusste Verwendung des Kopftuchs erweist sich als eine religiöse Manifestation, die aber über die religiöse Praxis hinaus zur Identitätskonstruktion beiträgt. 

Johannes Moser