1/16 Pathologien

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1/17 Arabesken Editorial – Dialog und Widerspruch. Eine Annäherung

Die Fassadenoberfläche des Musée des Civilisations de l‘Europe et de la Méditerranée (MUCEM) in Marseille besteht aus einer filigranen arabesken Außenhaut aus Beton, die das Gebäude schützt und temperiert und zugleich Neugier weckt nach dem Dahinterliegenden – ein Dahinter, das in Form von ethnographischen Dauerausstellungen wenig spektakuläre Traditionalismen über das Verhältnis zwischen Europa und Mittelmeerländern thematisiert. (Foto: jr 2015)

 

Arabesken – Dialog und Widerspruch. Eine Annäherung

Das zunächst geheimnisvoll anmutende Motiv der Arabeske lässt sich als eine Metapher oder Repräsentation denken, die dem Westen vertrauter sein mag als der Diskurs es ihr zugesteht. Dieser kuckuck-Ausgabe liegt sie als eine – Alexa Färber schreibt dies – Denkfigur zugrunde, die sich sowohl als Integrationsfigur denken lässt, als eine „dialogische Figur“[i]  wie auch als „Inversionsfigur“.[ii]

Die Autor_innen des aktuellen Heftes vermitteln, am Beispiel von Philosophie, Politiken, Praktiken und Repräsentationen Einblicke in Arabisches. Sie handeln von den politischen Kapriolen der Orientalismen, von Missverständnissen und Wissenslücken, von Kulturbegegnungen und Kulturkonflikten, von transgressiven Praktiken und Subversion, von Überhöhungen und Konfrontationen. Sie argumentieren jenseits reduktionistischer Kulturvorstellungen und wider die aktuelle Stigmatisierung und Pauschalisierung „des Arabischen“, seine politische Denunzierung in der Gegenwart, das Zerrbild einer „Muslimisierung“ des Westens. Die vielfältigen Beiträge machen mit Fremdem vertraut ebenso wie sie das Vertraute verfremden, um damit zu einer Differenzierung der Zuschreibung „arabisch“ beizutragen.

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1/17 Arabesken Inhaltsverzeichnis

Yasmine Hamdan | Beirut (2012)
Ibrahim Maalouf | Beirut (2013)
Naïssam Jalal & Rhythms of Resistance | Beirut (2015)

Editorial Arabesken – Dialog und Widerspruch.
Eine Annäherung
Johanna Rolshoven

Francisco Tárrega | Capricho árabe (1892)
Dhafer Youssef Quartet | Les Ondes Orientales (2010)

Zurück in die Zukunft
Das Institut du Monde Arabe und die Erfindung des Arabischen im Dialog
Alexa Färber

Carte de séjour | Rhorhomanie (1984)

Nachbarschaft für Anfänger
Rachid Boutayeb

anouar brahem | le pas du chat noir (2001)

Wege zur Transkulturalität oder von der Philosophie eines Zusammenlebens in Würde
Ein
Interview mit dem Philosophen Fathi Triki
Roland Merk

Fadhel Messaoudi | A l'improviste (2016)

Die Faust des Orientalismus
Sammy Khamis

Karim Shukry | Take me back to Cairo (1961)

Von der Illusion einer “Partnerschaft auf Augenhöhe”
Leonie Thal

Maurice Louca | Benhayyi Al-Baghbaghan (Salute The Parrot) (2014)
Mahmoud Refat|
Bikya - Traffic (2012)

Shifting the Gaze
Notes on Visual Orientalism and the Politics of Representing ‘the Muslim Woman’
Adela Taleb

Jung, muslimisch, postmigrantisch
Vom öffentlichen Diskurs zur Alltagspraxis
Erol Yildiz

Pirelli Esterreich (2007)

Falafeltrend Männercafés Willkommenskultur?
Berliner arabische Gastronomien im Wandel
Miriam Stock

„Mashrou‘ Leila“ (2009) „Raksit Leila“

Sinne die tanzen, Gedanken die schweben – unser Traum von der harmonischen Welt
Dieter Haller

Hmedcha (1959) | Rec. by Paul Bowles

 

 

 

1/17 Arabesken Leseprobe: Alexa Färber: Zurück in die Zukunft: Das Institut du Monde Arabe und die Erfindung des Arabischen im Dialog

Alexa Färber

Zurück in die Zukunft: Das Institut du Monde Arabe und die Erfindung des Arabischen im Dialog

I.

„Arabisch ist nicht synonym mit muslimisch. In der Kunstsammlung gibt es Christen, Juden, Sunniten, Schiiten und Atheisten. Es gibt Iraker, Syrer, Armenier, Kurden, Türken und Künstler, die in Frankreich geboren sind, wie Kader Attia oder in Brasilien wie Emmanuel Nassar. Es ist also auch keine ethnische Definition.“ (Le Monde, 14. März 2017)[1]

Wenn weder die religiöse noch die ethnische Zugehörigkeit von KünstlerInnen und auch nicht ihr Geburtsort oder die aktuelle Adresse ein Auswahlkriterium dafür darstellen, um, wie der Gründer der in den Arabischen Emiraten beheimateten Barjee Art Foundation Sultan Sooud al Qassemi sagt, in seine Sammlung arabischer Kunst aufgenommen zu werden, was macht diese Kunst dann zu arabischer Kunst? Was bedeutet arabisch? „Certainement pas une définition religieuse, –  „Ganz sicher keine religiöse Definition,“ betont al Qassemi (ebd. S. 46.).

In der Logik eines Sammlers moderner Kunst, der die Konsistenz seiner Sammlung und der aktuellen Ausstellung eines Teils dieser Sammeltätigkeit plausibel machen muss, erteilt al Qassemi eine Absage an zwei offensichtlich naheliegende Identifikationshorizonte des Arabischen: das Religiöse und das Ethnische. Diese ex-negativo-Argumentation kommt nicht von ungefähr. Sie greift vielmehr zwei Elemente auf, die in der Frage nach Identitätsmarkern nicht nur für das Arabische gängig sind: religiöse oder ethnische Zugehörigkeit bzw. Herkunft. Wenn wir heute den Eindruck haben, dass das Religiöse und das Ethnische wieder nahezu gleichrangig verhandelt werden, wenn es um das Arabische geht, dann ist dies nur eine Momentaufnahme. Seitdem im Zuge der Nationenbildungen im 19. Jahrhundert weder religiöse noch ethnische Identität allein den entstehenden staatlichen Gebilden eine vereinende Dimension mit alltagskultureller und historischer Tiefe verliehen haben, ist das Verhältnis dieser Identitätsangebote zueinander und zu anderen Markern wie Klasse, Geschlecht oder Nation stets Gegenstand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

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