„Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen,“ schrieb Hannah Arendt in Was ist Politik? An diesen Gedanken knüpft die aktuelle Ausgabe des kuckuck an, die sich bewusst nicht Politik nennt, sondern Politiken.

Politiken sind etwas zwischenmenschliches, sie sind Handlungspraktiken, durch die sich eine Vielzahl verschiedener Akteur_innen auf unterschiedlichste Weise zueinander in Bezug setzen. Politiken konstruieren, öffnen und ordnen Räume wie auch Wirklichkeiten. Sie gestalten Alltagswelten und produzieren kulturelle Bedeutungen. Sie schaffen und verschieben Machtverhältnisse. Sie verändern und sie halten fest.

Gleich den Akteur_innen zwischen denen sich Politiken ereignen, sind auch die Perspektiven, aus welchen Politiken in den Beiträgen dieses kuckuck beleuchtet werden, in sich sehr verschieden und dementsprechend auch sehr vielfältig.

Im, dieses Heft eröffnenden, Essay von Diana Reiners, Carole Reckinger und Gilles Reckinger begegnen uns Politiken als Handlungsstrategien des Staates Italien -  eingebettet in die Strukturen einer Europäischen Union - gegenüber Flüchtlingen/Asylwerber_innen/Migrant_innen. Aus  langjährigen Forschungen in Sizilien und Kalabrien heraus beleuchtet das Trio deren Lebenssituationen zwischen Ausgrenzung, Hoffnung und Überlebenskampf in ständiger „existentieller Schwebe und Prekarität“. Die Autor_innen geben uns den dringlichen, Besorgnis erweckenden, Befund mit auf den Weg, dass ein solches Leben zur Akzeptanz von Prekarität als Schicksal führt, und damit einhergehend Zukunftsperspektiven schwinden, die jedoch nötig wären, um Widerstand zu schüren.

Miriam Gutekunst thematisiert das stets – obwohl uns vermutlich als solches nicht immer bewusste – politische Handeln, einer Forscherin in ihrem (politischen) Feld, Migration durch Heirat, und nähert sich so dem Heftthema aus zwei Perspektiven an. Politiken versteht sie (nach Chris Shore und Susan Wright) als „Instrumente – wie Handlungsanweisungen, Agendas oder Programme -, durch die Regierungen, Unternehmen, NGOs, Behörden und internationale Organisationen Räume und Subjekte klassifizieren und regulieren und damit regieren“. In ethnografisch forschender Manier erschließt sie sich die Politiken ihres Feldes über die Betrachtung von „Positionen der Macht“ im Feld und reflektiert sich auch selbst in ihrer Position (der Macht) in ihrem Feld.

Armin Ziegler erörtert anhand des „Zugriffsobjektes“ des Ingenieurs die „Politisierung, die interessensgebundene Prägung, von Begriffen“. Ausholend an den Beginn der bürgerlichen Moderne erinnert er eindrucksvoll an den diskursiven, kontingenten Charakter von Begriffen und ihren Repräsentationen. Politiken treten in diesem Beitrag als, in der Terminologie des Artikels bleibend, Konstrukteure zwischen Begriffen, Repräsentationen und Bedeutungen hervor.

Einen ähnlichen Handlungsstrang zieht Tobias Peter in seinem Beitrag Politik der Performance und ihrer Formierung „des wissenschaftlichen Berufsfeld[es] als Wettbewerbsarena, in der eine unsichtbare Hand die Besten selektiert“. Er nimmt die Nachwuchswissenschaftlerin, den Nachwuchswissenschaftler ‚von heute‘ als Akteur_in, die/der von Politiken als „steuernden Mechanismen“, als „Strategien der Potenzialmobilisierung“ in anhaltenden Schwellenzuständen geformt wird, in den Blick seiner Analyse.

„Was oder wer strukturiert die Räume heutiger Sozialer Medien?“, fragt Daniel Kunzelmann nach der Politik der Algorithmen und erläutert mittels Beispielen aus einem Wahlkampf in Region und Stadt Murcia, wie Algorithmen, die Facebook steuern, als politisch handelnde Aktanten lesbar sein können und Mikro-Öffentlichkeiten (mit) erschaffen.

Ebenfalls von verschiedenen Parteien, diesmal jedoch in einem ganz anderen Kontext, handelt der Essay von Alexandra Schwell: von besorgten Eltern und einer geplanten Drogenberatungsstelle in einem zentralen Bezirk der Stadt Wien. Hier treffen Politik als staatstragender Machtapparat und politisches Handeln als widerständige Praxis von (Staats)Bürger_innen aufeinander. Das Feld zwischen diesen beiden Kräften erklärt Alexandra Schwell zu ihrem Forschungsfeld und spürt einem „spezifischen Aspekt des Protests, die [der] Inszenierung von Bürgerlichkeit, und zwar nicht als politische[r] Kategorie des ‚Citizen‘ oder ‚Citoyen‘, sondern im statusbezogenen Sinne des ‚Bourgeois‘“ nach.

Martin Winter forschte in der Grazer Punkrock- und Hardcoreszene nach gegenwärtigen politischen Elementen der Musik und des Stils. ‚Punk‘ als Musikrichtung wie auch ‚Life-Style‘ (im Sinne von modus vivendi, Habitus, Optik und Klischee als Gemengelage) ist vom Nimbus umgeben, noch etwas „Mehr“ als Musik und ‚Life-Style‘ zu sein. Dieses diffuse „Mehr“ bündelt sich im originären und anhaltenden (widerständigen) politischen Impetus des ‚Punk‘ zwischen „L’Art pour l’art“ und „L’Art pour la révolution“. Politiken finden sich hier als lebensentwerfende Praktiken, als Do-It-Yourself(DIY)- Ethos in Ablehnung kommerzialisierten Erfolgs und Konstruktionen von Geschlecht und Geschlechterrollen. 

Der letzte Beitrag dieses Heftes, fast paradigmatisch ans Ende gestellt, lädt zum Nachdenken über die (mögliche und notwendige) Reichweite anthropologischer Forschung ein. Andreas Hackl, selbst oszillierend zwischen diesen beiden Polen, umgreift die Spannungen zwischen Anthropologie für Anthropolog_innen und journalistischen Veröffentlichungen. Er arbeitet Unterschiede, Unvereinbarkeiten und Brücken dieser beiden Formen von Wissensproduktion heraus, und stellt die Möglichkeit journalistischer Publikationen anthropologischer Zugänge als Schritt aus dem Elfenbeinturm hinaus, als Moment politischen, eingreifenden Handelns von Forscherinnen und Forschern, vor.

Abgerundet werden die Beiträge durch die Fotoserie it’s black AND white der Grazer Künstlerin Martina Reithofer.

Eine anregende und bereichernde Lektüre sowie schönes Blättern wünschen

Elisabeth Luggauer & Claudia Rückert