Cover der Schöne neue Zeit Ausgabe

Nadja Beatrice Buoyardane
Belebter Leib oder Maschinen-Körper


Im Februar 1997 beherrschte ein Thema die Schlagzeilen: An einem kleinen Forschungsinstitut in der Nähe des schottischen Edinburgh war es den Wissenschaftlern Ian Wilmut und Keith Campbell erstmals gelungen, aus einer ausgereiften, spezialisierten Körperzelle eines Schafes ein neues Lebewesen zu schaffen. Dazu hatten sie jene Körperzelle in eine Eizelle, deren Zellkern sie zuvor entfernt hatten, eingepflanzt, die Zelle durch einen Stromstoß dazu gebracht, sich zu teilen und diese so befruchtete Eizelle anschließend in die Gebärmutter eines weiteren Schafes eingesetzt. Dolly, wie das so gezeugte Lamm getauft wurde, war ein Klon, d.h. es war die identische Kopie des Schafes aus dessen Körperzelle es entstanden war. Die Nachricht von Dollys Existenz war wie ein Lauffeuer um den Globus gegangen und entfachte eine öffentliche Kontroverse über die ethischen Implikationen und Konsequenzen wissenschaftlicher Forschung, wie es sie seit der Geburt Louise Browns, des ersten ‚Retortenbabys', im Jahr 1978 nicht mehr gegeben hatte. Denn die Geburt Louise Browns hatte gezeigt, wie problemlos eine an anderen Säugetieren erprobte Technik auf den Menschen zu übertragen ist. Es wurden verschiedene Szenarien entworfen, in denen ein möglicher Einsatz des Klonens aus Körperzellen gedanklich durchgespielt wurde. Dabei drehte (und dreht) sich die Diskussion über die Anwendungsmöglichkeiten des Klonens vor allem um den möglichen Einsatz in Bezug auf den Menschen. Während die eine Seite das Klonen aus Körperzellen als eine Möglichkeit ansah, unfruchtbaren Paaren zu genetisch eigenen Kindern zu verhelfen, befürchtete die andere Seite, daß mit der Zucht tausender erbgleicher Menschen das Ende des Individuums eingeläutet werde und Aldous Huxleys negative Utopie "Schöne neue Welt" mit seiner Armee von Arbeitsklonen Wirklichkeit werden könnte.

Eine Anwendungsmöglichkeit schien jedoch wirklich die Lösung auf ein drängendes Problem zu sein: Klonen als Möglichkeit, genetisch kompatible Spenderorgane zu züchten. Doch das Bild, das dazu entworfen wurde, kam direkt aus Dr. Frankensteins Schreckenslabor. Aus der Körperzelle eines Menschen, der ein Organ benötigt, würde ein Embryo geklont. Die genetische Information dieses Embryos würde aber derart verändert, daß er zwar körperlich heranwachsen, sein Gehirn jedoch nur die Regionen ausbilden würde, die die lebenserhaltenden Funktionen wie Atmung und Verdauung steuern würden. Ganz abgesehen von den unbeantworteten Fragen der Realisation - Welche Frauen würden diese mutwillig behinderten Menschen austragen? Wie könnte ihr Wachstum derartig beschleunigt werden, um sie innerhalb weniger Monate oder gar Wochen ‚erntereif' zu bekommen? Wo sollten diese ‚Organbanken' gelagert werden? - schien dieses Vorhaben allzu erschreckend, als daß Menschen wirklich auf die Idee kommen könnten, es in die Tat umzusetzen. Trotzdem ließen Regierungen in vielen Ländern der Welt ihre Gesetze auf mögliche Lücken prüfen, die es allzu ambitionierten Wissenschaftlern ermöglichen würden, ein derartiges Vorhaben umzusetzen. In Deutschland kam man zu dem Schluß, daß das seit 1991 bestehende Embryonenschutzgesetz keinerlei Schlupflöcher für das Klonen von Menschen biete. Nach und nach ebbten die Wogen, die Dolly geschlagen hatte, ab. Zwar gab es anfangs noch Schlagzeilen, wenn es in irgendeinem Labor auf der Welt gelungen war, auch andere Tierarten zu klonen, doch mit der Zeit fanden immer weniger Nachrichten bezüglich des Klonens den Weg auf die ersten Seiten der Zeitungen. Bis vor wenigen Tagen - gut dreieinhalb Jahre nachdem Dollys Auftritt auf der Medienbühne für Aufregung sorgte - die britische Regierung verkündete, das Klonen menschlicher Embryonen für medizinische Zwecke zulassen zu wollen. Allerdings dürfe das Klonen menschlicher Embryonen nicht zur Herstellung identischer Menschen dienen, sondern nur der Gewinnung embryonaler Stammzellen. Diese Stammzellen sind noch in der Lage, sich unter den entsprechenden Bedingungen in die Zellen eines jeden Organes zu entwickeln; im Gegensatz zu bereits ausdifferenzierten Zellen, die nur noch eine spezielle Zellart bilden können. Aus den so gewonnenen Stammzellen soll dann gesundes Gewebe bzw. gesunde Organe für Menschen entwickelt werden, die eine Transplantation benötigen. Diese Form des Klonens, an der gegenwärtig geforscht wird, diene nur der Heilung von Patienten und wird somit "therapeutisches" Klonen genannt. Und wieder gehen die Meinungen auseinander: von einem Segen für alle, die auf eine Organtransplantation warten, sprechen die Befürworter; von Kannibalismus sprechen die Gegner. Mehrheitlich wurde vor dreieinhalb Jahren und wird auch heute die öffentliche Diskussion um das Klonen aus Körperzellen vor allem von Theologen, Juristen, Molekularbiologen sowie Humangenetikern und -medizinern geführt. Vertreter dieser Berufsgruppen werden als Experten für die wissenschaftlichen, ethischen und sozialen Implikationen und Auswirkungen des Klonens angesehen. Wie Ulrich Beck in seinem Buch "Risikogesellschaft" (1986) aufzeigt, ist es eine Eigenart der modernen Kritik an Wissenschaft und ihren sozialen Folgen, daß diese wiederum auf Wissenschaft und Expertentum zurückgreift. Das schnelle Anwachsen und die Veränderungen des Wissens heutzutage können Beunruhigung und Furcht hervorrufen. Die Autorität des Experten dient dazu, Handlungsorientierungen in einer sich wandelnden Welt bereitzustellen. Durch offizielle Bescheinigungen wie z.B. Zertifikate und Abschlüsse von Universitäten und Fachhochschulen erkennen Laien, wer als Experte anzusehen sei. Jene übersetzen und interpretieren das für den Laien ansonsten verwirrende Wissen. Gleichzeitig ergibt sich dadurch für den Experten die Möglichkeit zur Konstruktion einer neuen Weltsicht, da verschiedene Experten verschiedene Aspekte ein und desselben Sachverhalts als besonders relevant hervorheben. Kulturelle Werte und Bedeutungen bestimmen die Art und Weise, in der Menschen ihre Umwelt und auch sich selbst wahrnehmen. Durch die Allgegenwart des Wertesystems im gesellschaftlichen Denken und die - wenn auch nur als Mythos bestehenden - moderne Trennung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft fällt es schwer, kulturelle Einflüsse auch in Forschung und Technik zu sehen. Generell aber steht hinter wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung stets eine bestimmte Weltsicht. Ebenso werden die möglichen Anwendungen einer Technik von kulturellen Einflüssen geprägt. So können die für das Klonen diskutierten Anwendungen - sei es nun das Klonen ganzer Menschen, die Schaffung lebendiger Organbanken oder "therapeutisches" Klonen - nur auf Basis eines bestimmten Menschenbildes entstehen. Unser individuelles Denken, unsere Klassifikationssysteme, unsere Metaphern und besonders unser Empfinden über die Richtigkeit oder Falschheit von Aussagen und Handlungen hat einen sozialen Ursprung. Ludwig Fleck (1983) hat dafür den Begriff des "Denkkollektives" und des "Denkstils" eingeführt. Der Denkstil, der uns während unserer Erziehung vermittelt wird, bildet den Kontext und setzt die Grenze für jedes Urteil über die Realität. Dabei ist der Denkstil keine intendierte Erfindung, sondern ein kollektives Produkt (vgl. Douglas 1986, 9ff.). Jeder Mensch befindet sich meist innerhalb mehrerer Denkkollektive, welche er mit der Zeit durch seine aktive Mitwirkung verändert. Auch unser Menschenbild wird uns kulturell vermittelt. Das Menschenbild, welches wissenschaftlicher Forschung und Anwendung zugrunde liegt, hat seinen Ursprung in unserem alltäglichen Denken über das Wesen des Menschen, in das Wissenschaftler und Experten genauso wie Laien hineinsozialisiert werden. Unser alltägliches Menschenbild wirkt also auf wissenschaftliche Forschung, während gleichzeitig das von Wissenschaftlern und Expertern vermittelte Menschenbild wiederum auf unser alltägliches Menschenbild und unseren Umgang mit Menschen einwirkt. Welches Menschenbild liegt nun der Diskussion über lebende ‚Organbanken' und ‚therapeutisches' Klonen zugrunde? Dieser Fragestellung bin ich im Rahmen meiner Forschung über die Ansichten von Humangenetikern und Reproduktionsmedizinern über das Klonen aus Körperzellen nachgegangen. Humangenetiker und Reproduktionsmediziner sind zwei Berufsgruppen, welche als Experten für Mensch und Wissenschaft immer wieder in der öffentlichen Diskussion zu Wort kamen und deren Menschenbild somit entscheidenden Einfluß auf die Kontroverse über das Klonen hat und haben wird. Mich interessierten die historischen Wurzeln des Menschenbildes meiner InterviewpartnerInnen genauso wie die Frage, warum einige Vorstellungen zum Umgang mit Menschen Unbehagen bereiten, während andere wiederum ohne weiteres akzeptiert werden können. Die erste Transplantation eines menschlichen Organs wurde 1954 in Boston vorgenommen. Da es sich bei Spender und Empfänger um ein eineiiges Zwillingspaar handelte, bei dem der gesunde lebende Bruder seinem erkrankten Bruder eine Niere ‚abtrat', kam es durch die genetische Übereinstimmung nicht zu einer Abstoßungsreaktion, die normalerweise eintritt, da der Körper ein fremdes Organ aufgrund der unterschiedlichen genetischen Zusammensetzung erkennt. Mit Hilfe von Medikamenten, die die Abwehrkraft des körpereigenen Immunsystems schwächen, wird versucht, diese Abstoßungsreaktion des Körpers solange wie möglich hinauszuzögern. Letztendlich kann eine Abstoßungsreaktion jedoch nicht verhindert werden. Nach einem Jahr arbeiten nur noch etwa 60 bis 80 Prozent der verpflanzten Organe, nach fünf Jahren noch etwa 60 Prozent. Kommt es zu einer Abstoßungsreaktion, muß erneut ein Organ transplantiert werden oder der Patient stirbt. Bis jetzt kann nur die Funktion der Niere durch Dialyse ersetzt werden (vgl. Schneider 1995, 21f.). Die Möglichkeit der Transplantation machte eine neue Todesdefinition notwendig. Die bis dahin geltenden Todeskriterien wie Herz- und Atemstillstand, Leichenstarre und Todesflecken konnten mit den Anforderungen der Transplantationsmedizin nicht in Einklang gebracht werden, da nur durchblutete, also lebende Organe verpflanzt werden können. In den 60er Jahren machten es neu entwickelte technische Apparate der Intensivmedizin möglich, Menschen durch Herzmassage/Elektroschock wiederzubeleben und die Atmung und den Kreislauf technisch zu stabilisieren. So gab es mit der Zeit immer mehr Menschen, die auf den Intensivstationen der Krankenhäuser im irreversiblen Koma am Leben gehalten wurden. Das Abschalten der Geräte hätte nach der gängigen Todesdefinition als aktive Euthanasie gegolten und wäre somit strafbar gewesen. Auf der anderen Seite gab es den neuen medizinischen Zweig der Organtransplantation, dem die nötigen Organe fehlten. 1968 legte eine Ad-hoc-Kommission der Harvard Medical School, bestehend aus Theologen, Juristen und Medizinern, den Hirntod als Todeskriterium fest, das seitdem in fast allen Ländern übernommen wurde (vgl. Schneider 1995, 23ff.; Manzei 1997, 17ff.). Nach dieser Definition ist ein Mensch tot, wenn alle Hirnfunktionen, sowohl des Großhirns als auch des Kleinhirns und des Stammhirns, bei kontrollierter Beatmung und aufrechterhaltener Herz-Kreislauf-Funktion, erloschen sind. Begründet wurde dieses neue Todeskriterium durch das "Bewußtseins-Argument": Die Personalität eines Individuums wurde an das Vorhandensein von Bewußtseinsfunktionen geknüpft, von denen angenommen wurde, daß sie im Großhirn und in der Großhirnrinde zu finden seien. Da diese Argumentation alleine nicht ausreichte, wurde ab 1977 ein biologisches Argument hinzugefügt: Der Ausfall der im Hirnstamm angesiedelten vegetativen Funktionen hat die Desintegration des Organismus zur Folge. In Deutschland wurde diese kombinierte Sichtweise 1982 durch die Bundesärztekammer bestätigt (vgl. Manzei 1997, 19ff.). Rechtlich soll ein Hirntoter nicht mehr als Person, sondern als Sache gelten. Damit sichern sich Mediziner gegen den Vorwurf der Körperverletzung oder gar Totschlages ab (vgl. Schneider 1995, 25) . Durch die Verlagerung der Definition des Todeszeitpunktes wird die Organentnahme zu Transplantationszwecken erst ermöglicht (vgl. Schneider 1995, 32f.). Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Die Lösung dieses Problems scheint nun durch das Klonen aus Köperzellen in greifbare Nähe zu rücken. Ein besonderer Vorteil, den dieses Verfahren bietet, ist die genetische Kompatibilität des neuen Organs mit dem Empfängerorganismus. Die erste Möglichkeit, jederzeit verfügbare und kompatible Organe herzustellen, besteht in der Erzeugung eines Klons des Patienten. Durch genetische Manipulation am Embryo soll, wie oben bereits erwähnt, verhindert werden, daß dieser ein Großhirn, wo nach der oben genannten Definition die Personalität des Menschen lokalisiert wird, ausbildet und somit eine Organentnahme möglich wird. Diese so manipulierten und geborenen Menschen wären nach der derzeit geltenden Definition teilhirntot. Teilhirntod bedeutet, daß die vom Stammhirn gesteuerten vegetativen Funktionen, wie z.B. Atmen, Blutdruck oder Körpertemperatur, zwar intakt sind, die Tätigkeit des Großhirns jedoch erloschen wäre. In den USA wird nun seit einiger Zeit versucht, den Todeszeitpunkt weg vom Hirntodkonzept in Richtung Teilhirntod zu verschieben. D.h. Menschen, deren Großhirn irreparabel geschädigt ist, würden, obwohl sie noch selbständig atmen und ihre Körperfunktionen aufrechthalten können, für tot erklärt und dies ließe die Behandlung dieser Menschen als Sache zu. Die Personalität und damit der Status als Mensch würde diesen Menschen abgesprochen (vgl. Manzei 1997). Diese Vision der Organzüchtung stößt bei allen Befragten auf heftige Ablehnung. Sie ekeln sich durchgängig vor der Vorstellung, daß Menschen so mit anderen Menschen umgehen würden, daß menschliche "Ersatzteillager" geschaffen würden. Viele meiner InterviewpartnerInnen sagen sogar explizit, sie würden sich weigern, Organe, die auf diesem Wege hergestellt (!) wurden, zu akzeptieren, selbst, wenn es ihr Leben retten würde. Die Aberkennung aller menschlichen Rechte aufgrund des fehlenden Großhirns und der damit verbundene Status als Sache wird von meinen InterviewpartnerInnen nicht nachvollzogen. Die Humangenetikerin Frau Frohnau sagt ganz explizit, was alle denken: Dieser Embryo hat alle menschlichen Rechte. Da kann man nicht einfach eine Niere wegnehmen. Keiner möchte, daß in der oben beschriebenen Art und Weise mit Menschen verfahren wird. Die heftige ablehnende Reaktion auf diesen Weg der Organzüchtung ist jedoch keine Absage an die Organspende im allgemeinen. Gerade im ‚therapeutischen' Klonen sehen meine GesprächspartnerInnen Chancen für den positiven Einsatz des Klonens aus Körperzellen, aber nur dann, wenn die Zucht von Organen in Zellkultur möglich ist. Von dieser Vorstellung sind alle begeistert. Die Humangenetikerin Almut drückt dies folgendermaßen aus: Wenn man ein System entwickelt, von mir aus in Form von Nährflüssigkeit, um dort Zellen wachsen zu lassen, dann ist das sicherlich was Tolles. Momentan ist dieses Szenario noch reine Theorie, aber die Ankündigung der britischen Regierung, die Forschung an menschlichen Embryonen zu diesem Zwecke zu ermöglichen, ist ein erster Schritt in diese Richtung. Die Vorstellung meiner InterviewpartnerInnen, wie Organe in der Retorte gezüchtet werden könnten, gingen jedoch nicht von der vorherigen Erzeugung eines Embryos aus, weshalb sie bei der Zucht von Organen im Reagenzglas keinerlei ethische Probleme für sich sehen. Organtransplantationen sind eine von allen Befragten befürwortete medizinische Praxis. Sie sehen es sehr positiv, daß durch die Möglichkeit des Klonens vielleicht eines Tages die Probleme, die die Transplantationsmedizin zur Zeit noch behindern, wie z.B. Organmangel und Abstoßungsreaktionen, gelöst werden könnten. Indem sie Organspende befürworten, akzeptieren sie auch die medizinisch (neu) gesetzte Todesgrenze - den Ganzhirntod - und die damit verbundene Lokalisierung der Personalität des Menschen im Gehirn. Würden sie ‚das, was den Menschen ausmacht' nicht im Gehirn festmachen, sondern die Personalität des Menschen auch in seinen anderen Organen vermuten, wäre die Verpflanzung eines Organs in einen anderen Menschen nicht vorstellbar. Nur einer meiner Gesprächspartner findet die Praxis der Organverpflanzungen problematisch. Für ihn ist ein hirntoter Mensch noch kein Toter, sondern ein Sterbender. Doch die Möglichkeit an sich, Organe zu ex- und implantieren wird auch von diesem einen letztendlich nicht in Frage gestellt - wenn aus ethischen Gründen diese Organe vor allem in Zellkultur hergestellt werden könnten und nicht Sterbende die Ersatzteile für noch Lebende liefern müssten. Therapeutisches Klonen wird als die Lösung der gegenwärtig herrschenden Probleme innerhalb der Transplantationsmedizin gesehen. Die Gründe für den gestiegenen Bedarf an Organen werden jedoch von keinem/ keiner meiner GesprächspartnerInnen hinterfragt: Schadstoffbelastungen der Umwelt, Medikamente - die häufig auch gegen durch Umweltgifte ausgelöste Allergien und Krankheiten eingesetzt werden - und exzessive Lebensführung belasten die Organe vieler Menschen in immer stärkeren Maße und führen zu häufiger auftretenden Organschädigungen. Diese sollen auf moderne Weise durch den Einsatz weiterer Technologie behoben werden. Die Lokalisierung menschlicher Personalität im Gehirn und die von allen Befragten verwendete Metapher des Ersatzteils bzw. des Ersatzteillagers zeigt, wie sehr das Menschenbild (und damit auch das Selbstbild) meiner InterviewpartnerInnen im modernen Diskurs über den Menschen verankert ist. Die Verwendung des Wortes Ersatzteil(lager) in bezug auf die organische Substanz des menschlichen Körpers macht deutlich, daß der Körper als Maschine gesehen wird, deren verschiedene Teile zu Reparaturzwecken austauschbar sind. Die Auffassung des menschlichen Körpers als Maschine unter der Herrschaft des Geistes, der im Gehirn seinen Sitz hat, kommt erst mit der Moderne auf. Zwar gab es bereits in der Antike im abendländischen Kulturkreis die Unterscheidung zwischen Seele und Körper, wie sie später im Christentum weiter ausgebaut worden ist, aber der Mensch war immer zugleich beides; sein Körper war belebt und hatte nicht den Status einer Maschine, die zu funktionieren hatte. Im Laufe der Entstehung der methodisch verfaßten Naturwissenschaft wird der belebte Körper und seine Natur verdrängt und an seine Stelle tritt eine wissenschaftliche Rekonstruktion, die den Körper als Maschine oder Automat entwirft. Francis Bacon (1561-1626) formte aus den Tendenzen seiner Zeit ein Gesamtprogramm, dessen Ziel die Beherrschung der Natur zum Wohle der Menschen war. Die Natur muß nach Bacons Ansicht durch die Mechanik bezwungen werden, nicht zum Wohle des Einzelnen, sondern zum Wohle der gesamten Menschheit (Merchant 1994, 179f.). Zusammen mit der Erkenntnisphilosophie René Descartes', deren Ziel die absolute Gewißheit über die Wahrheit der Dinge war und deren Methode im Zweifel, dem Zerlegen des Ganzen in immer kleinere Teile und der Abstraktion bestand, entwickelten sich daraus die Grundlagen der modernen Wissenschaft. Gleichzeitig ersetzt die Vorstellung vom Ich als rationalem Herrscher über den Körper diejenige über das Ich als integralem Bestandteil einer engen Harmonie von organischen Teilen, welche mit dem Kosmos und der Gesellschaft eine Einheit bilden (vgl. Merchant 1994, 219). Damit wird der Körper gänzlich zum Objekt wissenschaftlicher Verfügung, er nimmt eine Abstraktheit und Artifizialität ein, welche die ursprüngliche Leiblichkeit des Menschen vergessen läßt. Der menschliche Körper wird in dem Moment Gegenstand der Medizin, in dem seine Besonderheit innerhalb der animalistischen Welt in Frage gestellt wird. Die naturwissenschaftliche Medizin der Neuzeit verneint die metaphysische Sonderstellung des Menschen innerhalb der Schöpfungsordnung und erklärt ihn aufgrund seines Körpers zu grundsätzlich der Natur zugehörig. Die Erforschung der als seelenlos gesehenen Natur wird auf den menschlichen Körper ausgedehnt. Während im Mittelalter die Sektion des menschlichen Körpers unter Androhung schwerer Strafen verboten war und diese deshalb heimlich vollzogen wurde, gewinnt - ermöglicht durch eine veränderte Auffassung der Stellung des Menschen - die Sektion menschlicher Leichname in der neuzeitlichen Wissenschaft stark an Bedeutung (vgl. Kutschmann 1986). Auch Descartes' Begriff des Körpers ist, soweit er noch nicht wissenschaftlich im Sinne einer abstrakten Geometrie beschrieben ist, vom Begriff des Leichnams her bestimmt. Unter Körper versteht Descartes "alles, was durch irgendeine Figur begrenzt, was örtlich umschrieben wird und einen Raum so erfüllt, daß es aus ihm jeden anderen Körper ausschließt; was durch Gefühl, Gesicht, Gehör, Geschmack oder Geruch wahrgenommen oder auch auf mannigfache Art bewegt werden kann, zwar nicht durch sich selbst, aber durch irgend etwas anderes, wodurch es berührt wird" (Descartes 1972, 19). Jedes Leben ist aus dieser Definition, die er auf den menschlichen genauso wie auf jede andere Art von Körper anwendet, ausgeschlossen. Nicht der Körper kann sehen, riechen, schmecken, hören oder sich bewegen, sondern er ist passiv und wird von außen wahrgenommen oder bewegt; er ist nur noch eine tote, bewegbare Masse. Der belebte Leib wird auf den toten Körper reduziert, wie es auch am Wechsel der Bezeichnung im deutschen Sprachgebrauch sichtbar wird . Was Menschen von den Tier-Maschinen unterscheidet, ist die Fähigkeit des Denkens. Für Descartes ist nur das Denken gewiß, bzw. nur dadurch, daß er denkt, kann er sicher sein, auch zu existieren. Die Personalität des Menschen wird also im Gehirn verankert. Erst auf der Basis dieses modernen Menschenbildes wird es möglich, Organe als austauschbar zu sehen. Jedoch ist das Menschenbild, das hinter der Einstellung meiner InterviewpartnerInnen zum Klonen aus somatischen Zellen als Hilfstechnik für die Transplantationsmedizin zum Vorschein kommt, kein durch und durch modernes. Es finden sich noch Spuren der vormals vorhandenen Einheit von Körper und Geist. Die vollständige Reduzierung des Menschen und seiner Personalität auf den Intellekt, wie sie in dem modernen Diskurs über den Menschen zum Vorschein kommt, wird von meinen GesprächspartnerInnen als unzureichend und nicht zutreffend empfunden. Ein Mensch besteht für sie aus mehr als nur aus Geist, auch der Körper sowie die Gefühle gehören dazu und für einige ebenso eine Seele. Die moderne Definition, daß ein menschlicher Körper ohne die denkenden Funktionen des Gehirns zu einem unbelebten Ding wird, wie es der Rechtsstatus hirntoter Menschen als Sache zeigt, stößt auf Ablehnung. Reste des vormodernen Begriffs einer Leiblichkeit des Menschen, in der der Mensch eins war mit seinem Körper und nicht nur mit seinem Gehirn, scheinen an dieser Stelle auf: Ein menschlicher Körper hat für meine GesprächspartnerInnen alle Rechte eines Menschen; er wird zum menschlichen Leib, in dem die Personalität eines Menschen gleichfalls beheimatet ist. Diese Überbleibsel eines vormodernen Diskurses über den Menschen kommen jedoch nur latent zum Tragen und äußern sich in einem gewissen Unbehagen an einem rein modernen, d.h. auf rationalem Kalkül beruhenden, leibverneinenden und auf ökonomische Zweckmäßigkeit gerichteten Umgang mit Menschen. Trotzdem wird die moderne abendländische Sicht auf den Menschen - ohne die Organverpflanzung nicht möglich wäre - zum großen Teil unhinterfragt übernommen. Eventuelles Unbehagen kann nicht näher formuliert werden, da ‚Mensch' ein gegenmoderner Begriff ist, d.h. der Inhalt dieses Begriffes wird als unveränderbar und ‚natürlich' wahrgenommen. Barbara Duden legt in ihrer Untersuchung "Unter der Haut - Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730" dar, wie unser Körpergefühl, das eng mit dem Menschenbild verbunden ist, von den jeweiligen Diskursen der Zeit bestimmt wird (vgl. Duden 1987). Da aber die Empfindung des eigenen Körpers als etwas ‚Natürliches', nicht von der jeweiligen Kultur Bestimmtes gesehen wird, ist der Zugang zu dem Körpergefühl anderer Generationen und Kulturen versperrt. Zusammen mit der Vorstellung der Ungeschichtlichkeit des Begriffes Gesundheit kommt es zu der Annahme, daß, hätte es früher die Möglichkeit der Organtransplantation gegeben, diese ebenso angewendet worden wäre wie heute. Die kulturellen Einflußfaktoren, die auf die Entwicklung einer Technik bzw. auf die Idee des möglichen Einsatzes einwirken, werden aufgrund dieser Naturalisierungen unsichtbar. Nur dadurch, daß der Körper des Menschen in der Moderne als Maschine gesehen wird, ist es möglich, über die Züchtung von Ersatzteilen bzw. über die Schaffung von lebenden Ersatzteillagern nachzudenken. Die Bedeutungen, die der belebte Körper in vormoderner Zeit in seiner Ganzheit hatte, sind verschwunden. Zurückgeblieben ist eine Ansammlung von Einzelteilen und der Wunsch, diese beliebig oft vervielfältigen zu können.